La bocca del lupo

Das leise halbdokumentarische Porträt einer ungewöhnlichen Liebe sinniert mit einer Mischung aus historischem Archivmaterial und ausdrucksstarken Bildern des Zerfalls über den Wandel und Stillstand der Zeit.

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La bocca del lupo erzählt in einem extrem artifiziellen Stil zwei Geschichten, ineinander verschränkt, sich gegenseitig bedingend. Da wäre zunächst einmal der Niedergang des einst florierenden Hafenviertels im italienischen Genua, und irgendwo in dieser faden Welt die ungewöhnliche Liebesgeschichte zwischen Enzo und Mary, die sich hier ihren Traum erfüllen wollen. Einen bescheidenen Traum freilich, denn das skizzierte Genua ist kein Ort für die Hoffnung auf Höhenflüge. Der Traum vom ruhigen Leben zu zweit im eigenen kleinen Haus muss reichen nach der entsagungsreichen und harten Vergangenheit, die beide verbindet. La bocca del lupo wandelt sich immer weiter von einem Film über Genua zu einer Studie ihrer Liebe, und im großen Zusammenhang entfaltet das kleine private Schicksal erst seine volle Wirkung. Auch auf einer Müllhalde kann schließlich eine duftende Rose wachsen.

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Regisseur Pietro Marcello nimmt sich viel Zeit, verzichtet auf überdeutliche Kontextualisierungen  und zeigt das Paar erst gemeinsam, als der Film schon fast am Ende angelangt ist: Bis zu diesem Zeitpunkt gibt es überhaupt keine Kommunikation zwischen ihnen. Die Kamera folgt Enzo lange Zeit geduldig und wortlos. Ausschließlich über den Off-Kommentar werden die ungewöhnlichen Umstände enthüllt, unter denen sich Enzo und Mary kennenlernten. Ihre Liebe begann im Gefängnis, wo Enzo aufgrund einer Schießerei mit Polizisten eine lange Haftstrafe zu verbüßen hatte und die transsexuelle Mary als Drogensüchtige dahinvegetierte. Beiden gab die gegen alle Widrigkeiten und Anfeindungen gelebte Beziehung genug Kraft, um ihren verpfuschten Biografien noch einmal eine neue Perspektive zu verleihen. Mary wartete nach ihrer Entlassung fast zehn Jahre auf ihren Mann, und wenn die beiden zuletzt gemeinsam vor der Kamera sprechen, wird klar, dass diese Liebe sich selbst genug ist. Verfremdungen und Fiktionalisierungen nutzt der Film geschickt als Irritation, wenn er beispielsweise Enzo in ein leeres Haus einkehren lässt und zu einer – so könnte man vermuten – nicht mehr anwesenden Frau spricht.  

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Ohne Frage eine ergreifende Geschichte, die es wert ist, erzählt zu werden. Doch La bocca del lupo, der auf der Berlinale den queeren Teddy Award für den besten Dokumentarfilm gewinnen konnte, wirkt trotz seiner konzentrierten Laufzeit von gerade etwas mehr als einer Stunde ungewöhnlich zerfahren und behäbig. Allerlei verwendetes Found Footage vermittelt einen Eindruck davon, was für eine Pionierstimmung in Genua einst geherrscht haben muss, von der mittlerweile nichts mehr verblieben ist. Im Gegenzug bleibt aber lang unklar, worauf Marcello eigentlich hinaus will. Bei aller bemühten Zärtlichkeit, mit der er sich seinen Außenseitern widmet, bleibt oft das Gefühl der Distanz zu groß, das der Film mit strengen Bildkompositionen, eingestreuter Lyrik und der Verwendung tieftrauriger Arien manchmal etwas penetrant zu forcieren sucht. Wenn er endlich zu seinem eigentlichen Thema findet, ist er schon wieder vorbei – was bleibt, sind manchmal nur unzureichend verdichtete Impressionen, Gedankensplitter, die in der Montage das gleiche zähe Tempo entwickeln wie das ereignislose Leben an diesem Ort. Die beträchtliche Wartezeit, die in langen Einstellungen ohne große Bewegungen oder sichtbare Aktionen Ausdruck findet, ist natürlich aber auch das strukturelle Prinzip des Films.

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Indem Pietro Marcello die Grenze zwischen Fiktivem und Dokumentarischem gezielt verwischt, reiht er sich ein in eine lange Tradition von Werner Herzog bis hin zu Ulrich Seidl, mit denen er gleichwohl stilistisch wenig gemein hat. Wenn er Enzo einsam und ausgegrenzt durch Gassen spazieren lässt und beim stillen Kirchenbesuch zeigt, dann ist das inszeniert und echt zugleich. Ein Unterschied existiert nicht oder interessiert zumindest nicht. Ohnehin fällt es sichtlich leicht, diesen vom Leben gezeichneten Italiener zum Sinnbild einer ganzen Epoche gerinnen zu lassen, denn ungeheuer einnehmend ist Enzos Ausstrahlung, einprägsam und vielsagend sein markantes Gesicht. La bocca del lupo ist ein leiser Film, der seine Figuren nicht als Kuriositäten ausstellt und ihnen auf Augenhöhe begegnet, so wird etwa Marys Transsexualität nur am Rand thematisiert. Als zum Schluss die Distanz zu den Figuren fallen gelassen wird und das Paar direkt in die Kamera spricht, unterzieht Marcello seinen unterkühlten Ansatz einer heftigen Zäsur: Mary und Enzo sind angekommen in der Normalität, bei der schwierigen Jobsuche und bei alltäglichen Problemen. Marcello ist als Dokumentarist versiert und sensibel genug, den beiden zum Schluss einige konventionelle, aber durchaus intime Momente abzuringen, die in ihrer ungekünstelten Direktheit den zuvor sehr symbolschwangeren Film ein wenig auflösen und lockerer gestalten. Nicht zuletzt diese kühne Wendung sichert einen hohen Authentizitätsgehalt, den sowohl die porträtierten Personen als auch die Eindrücke des endzeitlich anmutenden Genuas einlösen.

Kommentare


Zarah

Ich fand den Film durch seine ruhigen, fast bewegungslosen Passagen und die sehr passende Musik sehr anrührend. Der spröde, etwas unzugängliche Charakter passt zu den beiden Dargestellten, eine recht eigen(willig)e Erzählweise.






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