Dormant Beauty

Italien im Ausnahmezustand. Ein Film über Liebe, Politik und Sterbehilfe.

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Egal, ob die Filme von Marco Bellocchio in der Vergangenheit oder in der Gegenwart spielen, ständig scheint ganz Italien aus den Fugen geraten zu sein. Das ist auch in seinem neuesten Film Dormant Beauty (Bella Addormentata) nicht anders. Ausgangslage ist ein realer Fall von Euthanasie, der zu einem regelrechten Aufruhr in der Heimat des Regisseurs geführt hat. Siebzehn Jahre lang lag Eluana Englaro nach einem Autounfall ohne Aussicht auf Besserung im Koma. Als ihr Vater vor Gericht zog, um die lebenserhaltenden Maßnahmen für seine Tochter einstellen zu lassen, tobten Katholiken und konservative Politiker. Erst recht, als dem Gesuch stattgegeben wurde. Bellocchio nimmt dieses Ereignis als Ausgangslage für eine vielschichtige Reflexion über Sterbehilfe.

Seit über vierzig Jahren nähert sich der italienische Regisseur immer wieder dem Politischen über das Persönliche. So erzählte er in Knallt das Monstrum auf die Titelseite! (Sbatti il mostro in prima pagina, 1973) vom skrupellosen Chefredakteur eines Revolverblatts, in Buongiorno notte – Der Fall Aldo Moro (Buongiorno notte, 2003) von einer Terroristin der Roten Brigaden oder zuletzt in Vincere (2009) von der Beziehung des Diktators Benito Mussolini zu seiner ersten Ehefrau. Auch wenn sich Bellocchio in Interviews beharrlich weigert, einer politischen Agenda unterzuordnen, fällt sein Blick auf Italien doch immer von links. Und obwohl er auch diesmal keinen Zweifel daran lässt, dass er Befürworter der Sterbehilfe ist, bemüht er sich stets darum, auch der anderen Seite nachvollziehbare Gründe für ihren Standpunkt einzuräumen.

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Der Fall der Eluana Englaro ist allerorts präsent in Dormant Beauty. Überall flimmern Fernseher mit den neuesten Nachrichten, die zeigen, wie Christen demonstrieren oder sich Silvio Berlusconi offen gegen den Gerichtsbeschluss ausspricht. Jede der Figuren steht mit dem Thema in irgendeiner Verbindung, vor allem nehmen aber alle dazu eine entschiedene Position ein. Da wäre etwa ein Politiker (Toni Servillo), der sich wegen einer Abstimmung zur Sterbehilfe mit seiner Tochter verkracht, weil die Mutter einst dasselbe Schicksal erlitt. Eine Schauspielerin (Isabelle Huppert) zieht sich dagegen aus der Öffentlichkeit zurück, um zur Hardcore-Katholikin zu werden und ihre komatöse Tochter zur Heiligen zu idealisieren. Und während ein Brüderpaar gegen lebenserhaltende Maßnahmen kämpft, braucht eine Drogenabhängige niemanden, der ihr beim Sterben hilft, weil sie die Sache lieber selbst in die Hand nimmt.

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Elegant laufen diese Erzählstränge nebeneinander her, überschneiden sich teilweise, ohne je ganz ineinander aufzugehen. Einen gemeinsamen Nenner gibt es abgesehen vom Sujet allerdings doch. Denn Bellocchio geht es keineswegs um eine sachliche Aufarbeitung des Themas, vielmehr bleibt der ständige Dreh- und Angelpunkt die Liebe, oder genauer gesagt, wie die Liebe gleichermaßen Beweggrund für Befürworter wie Gegner der Sterbehilfe ist. Ob es sich nun um eine Tochter handelt, die unfähig ist, den Tod ihrer Mutter zu akzeptieren, oder um einen Sohn, der aus Eifersucht das Beatmungsgerät der Schwester ausschaltet, meist bleiben diese Konflikte innerhalb der Familie.

Manchmal an der Grenze zum Pathos werfen sich die Figuren in Rededuellen ihre Überzeugungen an den Kopf, ohne dass der Film das Tränendrüsen-Potenzial seines Themas ausschöpft. Stets folgen die dramatischen Momente einer argumentativen Logik. Selbst die aufkeimenden Beziehungen zwischen ideologischen Gegnern wirken gewissermaßen konsequent, weil sie zeigen, dass es durch die Kraft der Liebe auch möglich ist, festgefahrene Standpunkte zu überdenken. Statt Gedanken sind es hier eben Gefühle, die Überzeugungsarbeit leisten. Damit der Film dabei nicht von seiner Emotionalität erdrückt wird, löst sich Bellocchio zwischendurch immer wieder von den Konflikten und lockert seine Inszenierung mit satirischen Seitenhieben auf die Unbelehrbarkeit der Kirche und den Opportunismus der Politiker auf. Letzteren erteilt ein Psychiater (Roberto Herlitzka) etwa zynische Tipps gegen berufsbedingte Depressionen.

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Mit Dormant Beauty hat Bellocchio einen klugen Beitrag zur hitzigen Diskussion in seinem Heimatland gedreht. Den Charme des Films macht dabei aus, dass er nicht nur eine Wahrheit sucht. Liebe kann letztlich bedeuten, dass man einen Leidenden gehen lassen muss, aber auch, dass man jemanden zum Leben zwingen kann, in der optimistischen Schlussszene sogar mit Erfolg.

Trailer zu „Dormant Beauty“


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Kommentare


ulle

knappe Frage: wann läuft der Film un D an ?


Michael

so weit ich weiß, hat der film hier noch keinen verleih. da die letzten beiden filme von marco bellocchio aber in deutschland gestartet sind, wird das wohl noch kommen.






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