Kurz davor ist es passiert

Das gesellschaftliche Wegsehen bei Themen wie Frauenhandel und Zwangsprostitution ist kein leichtes filmisches Sujet. Anja Salomonowitz hat ohne Betroffenheitsgestus eine stilisierte Erzählweise gefunden, bei der der Horror zwischen den Bildern einen beeindruckenden Sog entwickelt.

Kurz davor ist es passiert

Die Arrangements ähneln denen Edward Hoppers – die gleichen Szenen der Melancholie, der glasklare Blick von außen auf menschliche Einsamkeit im schön geordneten Ambiente, trostlos und faszinierend zugleich. Immer könnte sich auch eine traurige Geschichte hinter diesen eingefrorenen Momentaufnahmen verbergen. In Kurz davor ist es passiert sind es unheimliche, eigentlich unerträgliche Geschichten, die sich hinter den streng komponierten Bildern von Kameramann Jo Molitoris verstecken. Da ist der weiße Container, in dem der Grenzbeamte allein seinen Dienst verrichtet und müde Autos durchwinkt, mit denen vielleicht Menschenhändler ihre Fracht transportieren. Da ist die neonblaue Leuchtschrift, die in der noch leeren Bordellbar eingeschaltet wird und nur aus einem Wort besteht: „ficken“.

Kurz davor ist es passiert

Anja Salomonowitz wählt einen vermeintlichen Umweg, um vom internationalen Frauenhandel und alltäglicher Gewalt gegen Migrantinnen zu erzählen, die in den westlichen Gesellschaften ausgebeutet werden aber für die Öffentlichkeit zumeist unsichtbar sind. In Kurz davor ist es passiert, einer mehrfach abstrahierten Auseinandersetzung mit realen Schicksalen, bleiben die Frauen ebenfalls unsichtbar. Stattdessen werden die Texte, die aus den Aussagen Betroffener montiert sind, durch fünf Laiendarsteller vorgetragen: ein Zöllner, eine Nachbarin, eine Diplomatin, ein Bordell-Kellner, ein Taxichauffeur. Sie alle könnten im Alltag theoretisch mit den versklavten Migrantinnen in Kontakt kommen – sei es bei der Ausnutzung ausländischer Putzhilfen im Diplomatenhaushalt, als zufällige Nachbarin einer rechtlosen, vom österreichischen Mann eingesperrten Import-Ehefrau oder als Taxifahrer, mit dem die entlaufene Zwangsprostituierte zu entkommen versucht. Die Darsteller sprechen die Berichte der fremden Frauen in der Ich-Form, dabei werden sie an ihren Arbeitsplätzen oder in ihren Wohnungen gezeigt; die Fünf nehmen die Texte mit in ihr Zuhause, in ihr Leben. So entsteht zwischen ihnen und den exemplarischen Schicksalen eine unausgesprochene Beziehung, die sie plötzlich auch der eigenen Umgebung entfremdet.

Kurz davor ist es passiert

Die semi-dokumentarische, äußerst durchdachte Inszenierung entzieht das Thema Menschenhandel sowohl dem reißerischen Boulevard, als auch dem anklagenden Politkino und gewinnt ihre Spannung und Tiefe stattdessen aus der Reibungsenergie der verschiedenen Ebenen: der in nüchternen Worten formulierten Erlebnisse fünf namenloser Frauen, der Sprecher, die bereit sind, sich wie ein Medium für diese Lebensgeschichten zu öffnen, sowie der Bilder mit ihren Symmetrien und einer fast unwirklichen Farbigkeit. Manchmal hetzt eine wackelige Handkamera durch die menschenleere Umgebung und lässt die gefangenen Frauen wie Geister erahnbar werden. Auch die Tongestaltung verwendet Stilelemente des Horrorfilms – düsteres Rauschen und sphärische Klänge –, die die Anwesenheit einer gesichtslosen Bedrohung spürbar machen.

Aus den langen, tableau-artigen Einstellungen und dem künstlerischen Willen, in einer Mischung aus Dokument und Fiktion nach neuen, poetisch verdichteten Erzählformen zu suchen, spricht auch die Inspiration durch Ulrich Seidl (Jesus, Du weißt, 2003; Hundstage, 2001), mit dem die junge Regisseurin mehrfach zusammengearbeitet hat. Dabei zeigt sich bei Salomonowitz wie bei Seidl, dass die irritierende Verflechtung verschiedener Wirklichkeiten und Reflexionsebenen verstörender und nachhaltiger wirken kann als etwa ein beliebiger Fernsehbeitrag zum gleichen Thema. Kurz davor ist es passiert nimmt dem Zuschauer die sichere Perspektive und den Glauben, das Problem von Menschen-Missbrauch und Ausbeutung beschränke sich auf bestimmte Orte und gesellschaftliche Schichten. Es ist mitten unter uns.

 

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