Kreuzweg

Maria leidet für den Glauben. Dietrich Brüggemann hat einen Konzeptfilm gedreht. In 14 Plansequenzen wirft er einen verständnisvollen Blick auf religiösen Fanatismus.

Kreuzweg 03

In der Popmusik steckt der Satan. Die Rhythmen verleiten zu unkeuschem Verhalten. Nichts ist schlimmer als Unreinheit. Maria (Lea van Acken) hat eine Todsünde begangen. Sie hat ihre Mutter nicht ausreichend geehrt. Aus Hochmut? Ja: Satan, Unreinheit, Todsünde, Hochmut. In Kreuzweg wird die Welt durch die Wörter erfasst, auch wenn die Begriffe nicht auf sie passen. Und weil die Welt selbst wie ausgelöscht ist in den 14 Einstellungen, aus denen der Film besteht, tritt die Perspektive der streng Gläubigen in eine Arena mit dem Imaginären, mit dem Draußen, mit dem Alltag, mit der Gefahr, die da lauert in den Herzen eines jeden. Maria ist 14, und sie wird den Kreuzweg, den Weg des Leidens gehen. Beseelt von einem Glauben, der ihr jede Farbe aus dem Gesicht jagt.

In den Fußstapfen Jesu Christi

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Maria und ihre Familie gehören nicht irgendeiner katholischen Gemeinde an. Sie gehören zur fiktiven Gemeinde Sankt Paul und folgen Gesetzen – angelehnt an die der Priesterbruderschaft Pius des X. –, die ein Leben inmitten der Sünde gerade für eine Jugendliche kaum erträglich machen. Mit Gleichaltrigen außerhalb ihrer Glaubensgemeinschaft kann sie kaum etwas verbinden. Und das, obwohl Christian mit Matheaufgaben und dem Kirchenchor die perfekte Materie für den Austausch mit Maria bereithält. Sie darf sich nicht darauf einlassen. Die Sünde der Eitelkeit hängt über ihr wie ein Damoklesschwert. Und sie will doch so sehnlichst Soldatin von Jesus sein. Pater Weber (Florian Stetter) mag ihr noch so euphorisch zureden, dass der Weg dorthin ein irdischer ist – sie macht sich auf, in die Fußstapfen Jesu zu treten. Wenn das mal kein Hochmut ist …

Kreuzweg 02

Dietrich Brüggemann verfolgt ein strenges Konzept: Die nach den 14 Stationen des Leidensweges benannten und durchnummerierten Kapitel inszeniert er als Bühnenarrangements, die er jeweils ganz ohne Schnitte und bis auf drei Sequenzen auch ohne Kamerabewegung auflöst. Die erste Station, als Maria sich zur Aufopferung entscheidet, ist die stärkste. An einer großen Tafel sitzen fünf Schüler mit dem Pater zum Katechismus-Unterricht. Marie ist die eifrigste, kennt fast alle Antworten. Von einer Frage zur nächsten, von einer Lektion zur anderen wird es abstruser. Florian Stetter brilliert als vollkommen in sich ruhender Geistlicher, der gleichzeitig Naivität und Klarsicht an den Tag legt, der mit Grazie die Jugendlichen dirigiert, sie zur Firmung und zum Leben als Erwachsene im Auge der Kirche hinführt. Die sich hier Bahn brechende Vitalität des Glaubens wird im Verlauf des Films nie wieder erreicht werden, doch auch das Heiter-Groteske dieser Szene ist hier an seinem Höhepunkt. Im Gegensatz zu einem Paradies: Glaube (2012) will Kreuzweg keine Satire sein.

Gefangene der Bilder

Kreuzweg 04

Brüggemann sucht eine Balance zwischen überspitzten bis hysterischen Momenten des Fanatismus und besonnener Gutmütigkeit gegenüber dem (anders) Gläubigen. Es ist alles eine Frage der Perspektive. Ein Film, der sich bemüht starr gibt, nimmt aber natürlich noch lange keine neutrale Haltung ein. Eher sorgt er damit für Distanz und Unwohlsein, häufiger noch wendet er das Setting dezidiert gegen seine Figuren, die wie Gefangene der Tableaus erscheinen. Denn sie dürfen den Bildrahmen erst verlassen, wenn ihre Funktion oder die Station bewältigt ist. Das sorgt für einige ulkige Momente, wenn die Schauspieler sich wie auf einem Schachbrett zu bewegen scheinen, um sich nach der Kamera zu richten. Überhaupt legt es Kreuzweg nicht darauf an, seine Künstlichkeit zu verbergen. Dem wirkt lediglich entgegen, dass er trotz der fundamentalen Misere des Mädchens zugleich die Geschichte einer schwierigen Pubertät mit allzu weltlichen Problemen erzählt: So wird bisweilen aus der Glaubenstragödie eine Familiendramödie.

Vielleicht liegt der Schlüssel zu Kreuzweg darin, den Film von seiner religiösen Thematik zu lösen und in der Aufopferung der Protagonistin für ihren kleinen schweigenden Bruder primär eine Adoleszenzgeschichte zu sehen: Maria schlicht als Heranwachsende, die den Schmerz ihres Lebens übersetzt in eine Flucht davor – hinein in mehr Leid, mit allen möglichen Rechtfertigungen für ihren Entschluss, nicht mehr Teil der Welt sein zu wollen. Für eine solche mentale Entschlackung des Films spricht, dass die Glaubenssätze der Gemeinde auf einige wenige Marker wie die satanische Musik und die allgemeine Lustfeindlichkeit reduziert sind. Dann aber müsste der Film endgültig als Stilübung abgetan werden. Für Brüggemann ist es stattdessen eine Rückkehr: In seinem ersten langen Spielfilm Neun Szenen (2006) hatte er bereits mit der Plansequenz experimentiert. Und Rückkehr heißt hier im positiven Sinne eine Konzentration. Selbst wenn das Ausschnitthafte einem umfassenderen Verständnis der Figuren und ihrer Motivationen im Weg steht, wirkt diese Restriktion auch als Bescheidenheit, als Eingeständnis der eigenen Grenzen der Erkenntnis über das Fremde. Und fremd bleiben Maria und ihre Familie.

Kreuzweg 05

In zwei Sequenzen – beim Arzt und im Sportunterricht – bricht für kurze Augenblicke so etwas wie Normalität hinein in das Leben als Extrem. Dabei geschieht etwas Bemerkenswertes: Denn plötzlich ist so klar nicht mehr, was extrem und was normal ist. Dieses Gefühl der sich peu à peu eingrabenden Ambivalenz aber dauert nicht an. Denn Kreuzweg muss sich immer wieder erheben über seine Protagonisten. „Zieh ich hinaus in die Schlacht mit einem Lächeln“, heißt es in der ersten Szene. Den Soldaten der Nächstenliebe aber vergeht das Lächeln. Den Zuschauern darf es bleiben.

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