Love Life - Liebe trifft Leben

Von Narzissmus und anderen Krankheiten: In der Filmadaption des autobiografischen Romans Mitten ins Gesicht erzählt Reinout Oerlemans die Geschichte einer Ehe, die im Angesicht des Todes auf eine harte Probe gestellt wird.

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Stijn und Carmen haben scheinbar alles, was man sich wünscht. Er ist Chef einer erfolgreichen Werbefirma, sie, seine Mitarbeiterin, Verbündete und Partnerin in nahezu allen Lagen. Geld spielt keine Rolle und Stijn lebt das Leben des egomanen Yuppies und Playboys in vollen Zügen. Denn obwohl er – wie er in der monologisierenden Exposition beteuert – seine Frau liebt, kann er von anderen Frauen, Partys und außerehelichen Vergnügungen nicht lassen, denn dazu sieht er einfach zu gut aus und ist einfach zu gut drauf und hat schlichtweg zu viel Lebenshunger. Da kommt schon mal arge Verlegenheit auf, wenn er, heimkehrend von einer erlebnisreichen Dienstreise, seinen Ehering nicht gleich finden kann. Doch daheim ist Stijn liebevoller Ehemann und hingebungsvoller Vater von Luna, dem süßen Töchterchen.

Sofort zu Beginn von Love Life – Liebe trifft Leben (Komt een vrouw bij de dokter, 2009) ist klar, mit was für einer Person wir es bei Stijn (Bary Atsma) zu tun haben: dem zeitgenössischen Prototyp des erfolgreichen, jugendlichen Hedonisten, dessen ungehemmte Egoverwirklichung nahezu grenzenlos erscheint. Ob die ruhige und introvertierte Carmen (Carice van Houten) von Stijns Lebenswandel Kenntnis hat, ist zunächst ohne Belang, denn auch in ihren Parametern funktioniert die Beziehung beanstandungsfrei.

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Als bei Carmen ein fortgeschrittener aggressiver Brustkrebs diagnostiziert wird, ändert sich für Stijn prinzipiell wenig. Der mit der Diagnose verbundene Schrecken weicht dem sofort eintretenden Verdrängungsmechanismus des Nichtwahrhabenwollens. Noch ist Zeit für Späße, mit der Stijn und Carmen die Last der Krankheit vergessen wollen. Doch mit der Zunahme der Effekte, die die üblichen Therapien beim Patienten auslösen, fällt das Verdrängen schwerer. Nach Chemo, Bestrahlung und schließlich Brustamputation bekommt die Beziehung von Carmen und Stijn erste Risse.

Zweifelsfrei ist die subtile, weil kaum merkliche Erosion der Beziehung die überzeugende Leistung von Love Life. Denn Stjin ist für Carmen als Partner keine wirkliche Hilfe, ist sie doch mit ihrer Angst, die sie anfangs mit Stärke zu überspielen versteht, völlig allein. Akribisch arbeiten Oerlemans und Carice van Houten als eindrucksvoll überzeugende Carmen den Zustand heraus, wenn im Angesicht der krankheits- und therapiebedingten körperlichen Verfallsstadien die tägliche Behauptung der persönlichen Würde immer schwerer fällt, erst Recht dann, wenn sich  Carmen ihrer Einsamkeit ob Stijns Fremdgehen bewusst wird.

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Den Kontrast hierzu bildet Stijn, auf dem der erzählerische Fokus liegt. Denn Love Life, dem mit dem autobiografischen Roman von Kluun alias Raimond van de Klundert eine wahre Geschichte zugrunde liegt, versucht vor allem die von der Krankheit hervorgerufenen psychischen Verarbeitungsversuche eines hilflosen Partners zu beleuchten. Wissend um sein moralisch fragwürdiges Verhalten beginnt Stijn eine Affaire mit Roos (Anna Drijver), die sich alsbald in Stijn verliebt. So erhält Stijns Gewohnheitsspiel des notorischen Fremdgängers nun eine neue Qualität, denn erstmals handelt er willentlich und im vollen Bewusstsein eines emotionalen Betruges.

Leider findet das enorme dramatische Potenzial der Plotkonstruktion mit all seiner Vielschichtigkeit kaum eine schlüssige Umsetzung: Zwar schafft es Oerlemans, nahezu sämtliche Klippen melodramatischer Larmoyanz zu umschiffen, dennoch bleiben die interessanten Motive für Stijns Verhalten unergründlich: denn eigentlich geht es um den narzisstischen Egomanen, dessen Lebensgewohnheiten urplötzlich gestört werden und der erkennen muss, was eine gewachsene Beziehung ausmacht und wo ihm diese Qualität abhanden gekommen ist.

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Doch gerade hier enttäuscht Love Life, denn der erwartete psychologisierende Blick bleibt aus. Als stünde sich Ästhetik und Dramaturgie selbst im Wege, verbaut sich der Film den Zugang zum Protagonisten durch die Wahl der Stilmittel: Ist der gewählte Hochglanzlook zu Beginn noch eine Referenz zur Werbewelt, arbeitet der Film in gleicher Konvention später nur noch mit polarisierenden Dualismen: Carmens Welt ist ruhig und stetig bis apathisch wohingegen Stjins Welt mehrheitlich durchsetzt ist von monotonen und plärrig lauten Dancefloor-Beats und rauschhaften Exzessen,  die als stilistisches Eskapismus-Synonym ebenso herhalten, wie der zum Teil inhaltlich kontextlose Einsatz des Stabat Mater von Antonín Dvořák, der harmonische Idylle romantischer Zweisamkeit Stjins mit Roos illustrieren soll. Dem inneren Dilemma Stjins kommen wir so nicht näher.

Und wenn Carmen am Ende beschließt, ihrem Leiden selbst ein Ende zu machen, dann erliegt auch Oerlemans der Verführung, auf die Tränendrüse zu drücken, wobei er den eigentlichen Vorgang der aktiven, organisierten Sterbehilfe, mit Planung, Verabschiedungsritualen von Eltern und Freunden, der im Roman bestürzend nüchtern protokolliert ist, einfach nahezu ausblendet. Denn an Carmens Seite sitzt ein scheinbar geläuterter Stjin. Wenn er aber gleich nach Carmens Tod seine Geliebte Roos zur Beerdigung einlädt, bestätigt Love Life zumindest eine Vermutung: Menschen ändern sich nicht.

Trailer zu „Love Life - Liebe trifft Leben“


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