Kommunion

Passionsgeschichte in Close-ups: Die Kamera hält aufs Gesicht einer Vierzehnjährigen, die einen Familienhaushalt schmeißen muss – und bleibt in der Schwebe zwischen unbeteiligter Beobachterin und Erfüllungsgehilfin eines Traums.

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Es geht schnell los. Vor einer dunklen Blumentapete versucht Nikodem in der ersten Einstellung, unter Selbstbeschimpfungen die Hose anzuziehen und den Gürtel richtig herum in die Schlaufen einzufädeln. Er ist ein dreizehnjähriger Junge im Stimmbruch, mit überstreckbaren Fingern und unkontrollierten Bewegungen. In der nächsten Szene mistet die ein Jahr ältere Schwester Ola seinen Schulranzen aus und reißt aus dem zum Vorschein kommenden Religionsheft Blätter mit bizarren Einträgen wie „Als Jesus geboren wurde, waren die Dinosaurier …“ oder „Er wurde geboren, um als Ratte zu leben“ heraus. Er protestiert erfolglos. In der dritten Szene legt sich Nikodem im Katechismusunterricht, während seine Mitschüler das Vaterunser beten, bäuchlings wie ein angeschossener Vogel mit ausgebreiteten Flügeln auf den Tisch. Draußen in der Umkleide wartet Ola, um ihn nach der Stunde abzuholen. Innerhalb von drei Minuten ist der Plot etabliert: Ola gibt das Familienoberhaupt und schmeißt den ärmlichen Haushalt. Während der Vater Marek sich zumeist in der Kneipe aufhält, bimst sie ihrem Bruder den Katechismus bis hin zum Empfang der Hostie ein. Am Abend kommt ein Sozialarbeiter zur Inspektion und stutzt den Vater zusammen, weil der wieder getrunken hat. Olas größte Sorge ist, dass ihr Nikodem entzogen und ins Heim befördert werden könnte.

Wenig Überblick, viel Atmosphäre

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Wir erhalten wenig Überblick über das Geschehen, werden stattdessen hereingezogen in die Eingenengtheit der mickrigen Wohnung, wo alle drei Protagonisten in einem mit zwei Betten ausgestatteten Zimmer schlafen. Aber auch draußen, wie etwa beim Gottesdienst, werden die Räume nicht gezeigt, und wenig bis nichts von den anderen Beteiligten des Geschehens, stattdessen wird konsequent auf die Familienmitglieder gehalten. Jeder im Trio hat sein Refugium – der Vater die Kneipe, Nikodem die Badewanne, worin er sich bis zu den Ohren im Badeschaum vergräbt. Olas Refugium, jenseits zweier kurzer Treffen mit Gleichaltrigen, ist ihre Hoffnung auf ein Mittel, das ihr in der Situation Erleichterung bringen könnte. Neben dem alltäglichen business as usual verfolgt sie unbeirrt ihren Plan, anlässlich der Kommunionsfeier die Mutter, die inzwischen mit einem anderen Mann ein kleines Kind hat, herzubringen, um so die ursprüngliche Familie wiederzubeleben. Wir sind Zeugen, wie die Mutter mit maskenhafter Miene das Bettchen des Säuglings in der Enge des familiären Schlafzimmers installiert, beobachtet vom ebenfalls versteinerten Vater und assistiert von der um den Ausgang des Unternehmens bangenden Ola.

Spielfilm-Gepflogenheiten

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Spätestens an dieser Stelle werden allerdings das direktive Einwirken des Filmteams und auch die Grenzen dieses direct cinema spürbar; die personae dramatis scheinen unter dem Einfluss einer Dramaturgie zu handeln, die sie angesichts des Kameraauges nicht einfach über den Haufen zu werfen vermögen. Als Quittung dafür tun sich gerade beim dramatischen Höhepunkt Brüche und Lücken im Erzählfluss auf. Wie verhalten sich Vater und Mutter zueinander, inwieweit kommen sie einander näher ... wie hat Ola versucht zu lenken und zu schlichten? Als ob Szenen fehlten, die es noch nachzudrehen gilt. Den Großteil des Films wurden wir mittels Nahaufnahme oder höchstens Halbtotaler in jede auch noch so intime und nicht selten peinliche Situation mitgenommen, bis wir uns als gute Voyeure weitgehend an diese Gepflogenheiten eines Spielfilms gewöhnt haben. Und nun lässt uns Regisseurin Anna Zameckas ohne Vorwarnung vor der Tür stehen. Verständlicherweise, denn die Familienmitglieder wollten laut ihrer Auskunft während der entscheidenden vierzehn Tage dann doch nicht gefilmt werden. Oder erlebten sie das Ganze sogar als eine Art künstliche Versuchsanordnung, inszeniert durch Ola unter Mithilfe des Filmteams? Und hatte dabei das Filmen die Funktion einer Erfüllungshilfe für Olas Traum von einer mehr oder minder intakten Familie?

Eine Kommunion und eine Passion

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Strukturell betrachtet ließe sich die Geschichte somit als eine lange Exposition auffassen, der sich direkt ein etwas abrupter Ausklang anschließt. Die Nahbetrachtung der Darsteller hält dennoch in Atem. Der vom Alkohol gezeichnete Vater nimmt seine demütigende Unterstellung unter das Patronat der Tochter als eine Selbstverständlichkeit hin, der gestörte, anscheinend autistische Sohn, lässt die Kamera gleichmütig an sich heran. Vor allem aber frappiert Ola selbst. Ihr dauerhaft angespanntes Gesicht von minimaler Mimik gibt Auskunft über die Last ihrer Aufgaben, denen sie unermüdlich begegnet. Einher mit den Kommunionsprozeduren und -prüfungen, die dem jugendlichen Autisten ungemildert dogmatisch von den Kirchenleuten aufgezwungen werden, verfolgen wir 72 Minuten lang die stille und unerbittliche Passionsgeschichte einer Vierzehnjährigen, der das Leben mehr aufgebürdet hat als zulässig und zumutbar.

Zu der formalen Verortung des Films gibt, vielleicht gar nicht so zufällig, ausgerechnet Nikodem wenn nicht Auskunft, so doch ein Statement ab. Gegen Ende des Films sagt er aus heiterem Himmel beim Planschen in der Wanne: „Die Realität wird zur Fiktion.“ Es kommt ohne Erklärung daher, wie eine Beschwörungsformel, ein Zitat der Baudrillard’schen Simulacrum-Theorie aus dem Mund eines Narren.

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