Kommissar Bellamy

Ein Kriminalfall im Ambiente des bourgeoisen Südfrankreich verquickt mit Fragen nach Familien- und Liebesverhältnissen. Die Wege der französischen Altstars Claude Chabrol und Gérard Depardieu kreuzen sich in fortgeschrittenem Alter zum ersten Mal.

Kommissar Bellamy

„So spricht man nicht mit mir“ – Paul Bellamy ist Pariser Kommissar und führt freundliche, aber unerbittliche Verhöre, obgleich er die Bezeichnung „Unterhaltung“ bevorzugt, denn er ist im Urlaub. Um die Identität einer verkohlten Leiche im Zusammenhang mit einem vermeintlichen Versicherungsbetrug zu klären, darf Bellamy kriminologischen Scharfsinn, Unkonventionalität und dick aufgetragenes südfranzösisches Savoir-vivre verbinden, aber auch Schwäche zeigen: eine unverhohlene für die Frauen und eine verdrängte für den Alkohol.

Kommissar Bellamy

Paul Bellamy ist umringt von Charakteren, deren Eigenschaften nur allzu deutlich ausgestellt sind; oft droht die Überzeichnung. Innerhalb der Figurenkonstellation setzt Chabrol keinen richtigen Fokus, so verschieben sich die Schwerpunkte und Perspektiven der Erzählung fortwährend: Zu erwähnen wären seine Frau Françoise (Marie Bunel), die in Chabrolscher Manier Selbstbewusstsein und aufopferungsvolle, fast devote Liebe in sich vereint und über die Persönlichkeitsmängel ihres Manns großzügig hinweg sieht. Die Defizite von Pauls Halbbruder Jacques (Clovis Cornillac) dagegen äußern sich in Trink-, Spiel- und Streitsucht sowie Kleptomanie – die Hassliebe zu Paul wird dadurch nur befeuert. Dann wäre da noch die über den gesamten Film schwer greifbare Doppelfigur Noël Gentil/Emile Leullet und Denis Leprince, beide gespielt von Jacques Gamblin. Gentil/Leullet bleibt die Aufgabe, aus dem Plot einen wahren Krimi zu machen, er ist Verdächtiger, Informant und Mysterium gleichermaßen.

Kommissar Bellamy

Schon Frieda Grafe, die die Filme der einstigen Nouvelle-Vague-Autoren als Kritikerin jahrzehntelang begleitete, stellte fest, dass Chabrol alles andere als ein Meister der Subtilität ist. So zögert er auch dieses Mal nicht, seine Handlungsstränge mit Hilfe von Zeitungsausschnitten und Nachrichtensprechern zusammenzunageln, wenn es darum geht, den Plot voranzutreiben und schließlich den Täter zu benennen. Auch seine Metaphern sind von großem Kaliber: Statt eines Plädoyers trägt der Strafverteidiger vor Gericht ein Lied von Georges Brassens vor. Dennoch ist Platz für leisere Töne: Eindringlich ist, wie die verschiedenen Figuren in (halb-)privaten, meist engen Räumen – das Haus von Françoise und Paul; das Hotel, in dem Gentil/Leullet wohnt – aufeinanderprallen. Den Schauspielern gelingt es, trotz der eindeutigen Figurenzeichnung die Dialoge mit Graustufen zu versehen. Die Konflikte entladen sich mit einer gewissen Dosis Ironie, so dass der Film weder ins Fatalistische und Melodramatische abdriftet, aber ebenso wenig komödiantisch zu verflachen droht: Wenn das Wortgefecht zwischen den ungleichen Brüdern im Auto einmal mehr eskaliert, knallen Autotüren und Jacques geht beleidigt zu Fuß weiter, zur Strafe isst Paul Jacques’ Portion Austern. Die Schilderung der Entwicklung der persönlichen Beziehungen der Protagonisten nimmt mitunter so viel Raum ein, dass die Aufklärung des Verbrechens an den Rand gedrängt wird.

Kommissar Bellamy

Ob aber Kommissar Bellamy (Bellamy) anders gelesen werden kann als ein Krimi mit einem verkomplizierten Plot, bleibt bis zuletzt unklar; jedenfalls geht es hier nicht allein um die Zuschreibung von Täter- und Opferrollen. Chabrols Filme zielen häufig auf die Beschreibung komplexerer Fragen wie politischer Korruption und der Rolle der Justiz (Geheime Staatsaffären, 2006) oder die Konfrontation verschiedener gesellschaftlicher Strukturen (Die zweigeteilte Frau, 2007). Kommissar Bellamy ist demgegenüber bescheidener. Die wiederkehrende Konstante in Chabrols Werk, die sich bis in seine Nouvelle-Vague-Phase zurückverfolgen lässt, ist das Verweben familiärer und amouröser Konflikte, ob in Die Blume des Bösen (La fleur du mal, 2004) oder Schrei, wenn Du kannst (Les Cousins, 1959).

Natürlich findet sich auch in seinem neuesten Film genug Angriffsfläche für psychoanalytische Lesarten aller Couleur. Die Kriminalgeschichte genügt kaum mehr als sich selbst, sieht man vom expliziten Verweis auf Georges Simenons Commissaire Maigret ab, und verharrt oft im selbst gewählten, provinziellen Kontext der Story. Dennoch entsteht ein prägnantes Porträt dieses übergewichtigen Kommissars Bellamy und seines persönlichen Umfeldes. Er ist beleibt, er ist lüstern, er ist angriffslustig – und vielleicht verbirgt sich auch hinter seiner sauberen Polizisten-Fassade mehr, als man zunächst vermutet.

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