Komm näher
Achtung: deutsches Sozialdrama! In Komm näher verwebt Vanessa Jopp die Beziehungs- und Alltagsnöte von sieben Protagonisten zwischen Ehehölle, Würstchenbude und Teenagerfrust gekonnt abwechslungsreich.

Es ist einer dieser Filme, die mit den Etiketten „Großstadtreigen“, „tragisch-komisch“ und „authentisch“ beworben werden. Sie spielen häufig in Berlin, mit schöner Regelmäßigkeit fallen die Worte „Hartz IV“ und „ficken“, und es wird mit DV-Kameras gedreht. Die Werke sind figurenorientiert und lassen ihren Schauspielern Raum für Improvisation. Geschminkt wird nicht.
Seit Andreas Dresen ohne Drehbuch aber mit einer Handvoll erfahrener Theaterschauspieler und einem kleinen Filmteam für drei Monate nach Frankfurt/Oder zog und Halbe Treppe (2002) dabei herauskam, haben Alltagsgeschichten mit humoristischem Blick auf die Misere ihrer Figuren Konjunktur. Einerseits ist es schön, dass sich der deutsche Film mit der Realität beschäftigt und ein notorisches Format wie die Yuppie-Komödie ausgedient hat. Andererseits bewegt sich der Sozialrealismus stets auf einem schmalen Grat zwischen Klischee und Glaubwürdigkeit, zwischen der Ausbeutung möglichst kaputter Charaktere und dem Mitgefühl fürs Allgemein-Menschliche.

Die Positionierung von Komm näher fällt schwer – sind die Figuren in ihrem Elend liebenswert oder nerven sie nur? Da ist Mathilda (Meret Becker), die sich in den Polizisten Bronski (Hinnerk Schönemann) verguckt, seine Annäherung aber wegen ihrer Borderline-Störung nicht ertragen kann. Mathildas Schwester Ali (Stefanie Stappenbeck) versucht, Familie und Beruf perfekt zu managen, vom durchgeplanten Kindergeburtstag bis zur körperlichen Hingabe an einen wichtigen Kunden zwecks Auftrags-Aquirierung. Die Liebe zu Ehemann David (Marek Harloff) ist schon lange auf der Strecke geblieben, doch das Eingeständnis wird verdrängt. David streift gekränkt durch die Stadt und flüchtet sich in die Arme einer jüngeren Affäre (Jana Pallaske). Die dritte der Geschichten entspinnt sich um die vom Leben arg gebeutelte Putzfrau Johanna (Heidrun Bartholomäus) und ihre minderjährige Tochter Mandy (Marie-Luise Schramm). Mandy platziert mit Joghurt gefüllte Kondome im Mülleimer, um der Mutter ein wildes Sexleben vorzugaukeln und erniedrigt diese, wo sie nur kann. Als die alleinerziehende Johanna durch eine Kontaktanzeige den Taxifahrer Andi (Fritz Roth) kennenlernt, beginnt Mandy ausgerechnet mit dem neuen Bekannten der Mutter eine seltsame Telefonfreundschaft. Damit sich die verschiedenen Erzählstränge auch berühren, steigt David zu Andi ins Taxi und durchzecht mit ihm eine Nacht, und Andi bestellt eine Bulette in dem wenig Vertrauen erweckenden Imbiss, in dem Mathilda arbeitet – auch dies eine Referenz auf die Pommesbude in Halbe Treppe, in der Axel Prahl im Bratfettdunst stand.

Am Ende gibt es ein wenig vorsichtige Hoffnung und Annäherung hier, eine zerbrochene Ehe dort, aber insgesamt nichts Kritisches oder Abgründiges, was nach einigen Lachern noch zurückbleiben würde. Wenn Jopps Protagonisten tatsächlich so einsam sind wie Johanna, so wütend wie Mathilda, so gefühlstaub wie David – warum tut der Film dann nicht mehr weh? Als der bierbäuchige Andi erzählt, dass er sich vor seiner ersten Verabredung mit Johanna Ejakulat hinter die Ohren getupft hat, weil das angeblich Frauen ganz wild machen soll, dann ist das ein komischer Einfall, der allerdings weniger Mitgefühl für den verzweifelten Taxifahrer weckt, als ihn in seiner Erbärmlichkeit ausstellt. „Du sollst deine Figuren lieben“ lautet eins der Gebote für Filmemacher, das sich im besten Fall auch auf den Zuschauer überträgt. Doch nicht jedem gelingt es wie etwa Andreas Dresen und Autor Wolfgang Kohlhase, Tragik und Komik gleichwertig zu mischen, so dass mit Sommer vorm Balkon (2005) ein leichter, glücklich stimmender Film entstehen konnte, bei dem auch die schmerzhaften Momente und ihr Realismus im Gedächtnis bleiben.
Komm näher ist Vanessa Jopps dritter Spielfilm. Ihr Erstlingswerk Vergiss Amerika (2000) erzählte vom Lebensgefühl einer scheinbar zukunftslosen Wendegeneration. Die Ostfabel wurde mit mehreren Nachwuchspreisen ausgezeichnet und für ihre glaubwürdige Inszenierung gelobt. Auf große Träume mussten die Figuren schon damals verzichten, ebenso auf große Handlungsbögen. Die Lebendigkeit der Darsteller und das unpathetische Spiel sind auch die Stärken von Komm näher. Doch insgesamt möchte man dem deutschen Kinorealismus mehr von der Radikalität eines Ulrich Seidel (Hundstage, 2001) wünschen, der Schauspieler und Laien in einem aufregenden und manchmal explosiven Gemisch miteinander reagieren lässt, oder mehr vom menschlichen Anliegen eines Mike Leigh (All or Nothing, 2002), der mit Konzentration und Beharrlichkeit Arbeiterklassen-Schicksale beschreibt und zur Identifikation einlädt. Komm näher karikiert seinen eigenen Titel und bleibt auf Distanz.
Filmkritik von Sonja M. Schultz
Veröffentlicht am 07.02.2006
Kommentare zu Komm näher
Aylon 18.02.2006 05:38
Da ich gerade eine pressekonferenz (wenn man das so nenen kann) von diesem Film gesehen habe welche aus 4 schauspielern, der regisseurin frau Jopp der recht offenen frau vom schnitt =) bestand,mitverfolgen konnte, möchte ich mal meine eindrücke hier über diesen film preisgeben. Es entstand der eindruck,aufgrund der vorangehensweise an diesem film , das ziemlich ziemlich viel den schauspielern mehr oder weniger an regieführung sozusagen überlassen wurde, da die Schauspieler gefühlsregungen und ein großen teil der vom scrypt gelassenen freiheiten mit dingen aus ihrem eigenen improviesiertem charakter füllen. Was ich damit sagen will ist das dieser film eine interesante experimentele Herangehensweise hat indem der verlauf des filmes nicht ganz fest gelegt ist.Es gab nur ein schwächelndes Gerüst welches die schauspieler mit ihrem eigenen definitionen bzw selbst kreierten charackteren ausgebaut haben.welches dem film in vielen situationen wärend der drehungen eine andere richtung gab als geplant.das kann ich nur für gut heisen..Ich frage mich nur ob dieser film seinen auf die realitäts beziehenden Humor genauso gut mit sich bringt wie dieses überaus unterhaltsame schooting und die pressekonferenz beim berlinale
;)
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Film-Angaben
Titel: Komm näher
Deutschland 2005
Laufzeit: 97 Minuten
Regie: Vanessa Jopp
Drehbuch: Adrienne Bortoli, Stefan Schneider
Produktion: Oliver Simon
Darsteller: Meret Becker, Stefanie Stappenbeck, Heidrun Bartholomäus, Marek Harloff, Fritz Roth, Marie-Luise Schramm, Jana Pallaske, Hinnerk Schönemann
Kinostart: 16.03.2006
DVD-Angaben
Titel: Komm Näher
Vertrieb: Sunrise Entertainment
Bild: 1,33:1, 4:3
Sprache(n): Deutsch (DD 2.0/DS)
Untertitel: keine
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Extras: keine
Verleih ab: 20.11.2006
Verkauf ab: k.A.
Copyright Komm näher
Fotos: © Marco Dresen/Piffl Medien
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