Kohlhaas oder die Verhältnismäßigkeit der Mittel

Der Kuhhändler aus dem Schwabenland oder die Flüchtigkeit der finanziellen Mittel. Ein Schmierentheater.

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Volker Schlöndorff würde es heute besser wissen: Mit Michael Kohlhaas – Der Rebell (1969) brachte der Regisseur einen ordentlichen Flop auf die Leinwand und hatte lange mit diesem zu kämpfen. Weil er Geld aus den USA bekam und die amerikanische Produktionsfirma Columbia die Hände im Spiel hatte, sah das Ergebnis eher nach Western als nach Kleist-Adaption aus. Der Film ging, so Schlöndorff, „irgendwo unterwegs verloren“. Fremdes Geld beeinflusst den Produktionsprozess, zu wenig aber auch. In Aron Lehmanns Kohlhaas oder Die Verhältnismäßigkeit der Mittel (2012) muss sich der gleichnamige Jungregisseur Lehmann, der sich an eine Verfilmung der klassischen Novelle wagt, die Streichung seiner Fördergelder gefallen lassen.

Nach dem überraschenden Ausstieg der Produzenten steht der Nachwuchsfilmemacher mit seinem Team wortwörtlich auf der Straße. Kurzerhand holt man sich Hilfe aus der kleinen schwäbischen Gemeinde Speckbrodi, die als Location für die Literaturverfilmung dienen soll, und verteilt Rollen an die Bewohner. Eher schlecht als recht geht es ans Werk. Dennoch: Die ersten Szenen kündigen das große Epos an. Sonnenlicht schimmert durch die Bäume des Waldes und umschmiegt eine sinnliche weibliche Gestalt. Ein stolzer Reiter entsteigt dem nächtlichen Nebel, während das Volk zu ihm hinaufsieht. Rückblickend erscheinen gerade diese ersten Bilder markant. Es sind Ausschnitte eines Films, den es niemals geben wird.

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Durchweg charakterisiert sich Kohlhaas durch irritierende Stimmungswechsel. Aron Lehmann versucht einerseits, ernsthaft auf die Befindlichkeiten seiner gleichnamigen Hauptfigur einzugehen, ist sich andererseits aber auch für keine possenhafte Situationskomik zu schade. Nach und nach wandelt sich der Film zu einem merkwürdigen Gebilde, das sich erratisch durch Ebenen der Realität bewegt. Fühlt sich der Zuschauer kurz zuvor noch peinlich berührt von einigen der pseudo-dokumentarischen Aufnahmen, sieht er sich mit einem Male einer surrealen Traumhaftigkeit und seltsamen Poetik gegenüber. Mit diesen einander untergrabenden Kontrastierungen erreicht es der Film aber, wenn auch etwas überspitzt, die Kluft zwischen der Wunschvorstellung vom großen Epos und der bitteren Situation zu verdeutlichen.

Mit zunehmender Laufzeit gehen Traum, Realität und Film im Film nahtlos ineinander über, die Umstände vor Ort vergiften schleichend Lehmanns Traum, bis sie ihn vernichten. In einer späten Szene, nachdem der Regisseur bereits viel erdulden musste, wird die Sterbeszene mit der Darstellerin der Kohlhaas-Ehefrau Lisbeth (Rosalie Thomass), die mehrere Male als Verkörperung von Lehmanns Vorstellung vom perfekten Film in Erscheinung tritt, gedreht. Sie ist die einzig verbleibende professionelle Schauspielerin des Projekts. Der Film wechselt unvermittelt die Wahrnehmungsebene, als Lisbeth für die Wiederholung des Takes nicht mehr erwacht. Der Traum vom Epos ist dahin. Mit ihm geht jeglicher Anspruch auf Professionalität.

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Setting, Figuren und Ausstattung des innerfilmischen Projekts gewinnen zunehmend den Charme eines ländlichen Bauerntheaters, in dem Dorfpolizisten und Hausfrauen in lächerlichen Kostümen herumstelzen. Lehmann selbst übernimmt die Rolle des Kohlhaas, während der sich von dem Filmprojekt allmählich abwendende Bürgermeister den Widersacher Wenzel von Tronka mimt. Am Ende liefern sich Filmteam und Dorfbewohner als auf allen Ebenen verfeindete Truppen die letzte Schlacht. Kohlhaas und Lehmann: Zwei von der Willkür der Obrigkeiten Betrogene stehen ihren Mann. Aus dem erhofften Mammutwerk ist jedoch längst die Luft raus, man reitet auf Kühen oder gar imaginierten Pferden durch das krude Überbleibsel des innerdiegetischen Films. Nichts als Schmierentheater, aber eins, das die Filmförderpolitik als eben solches entlarvt und sich ihr mit allem, was übrig bleibt – zwei Crewmitglieder begleiten Lehmann noch – mutig entgegenstellt.

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Wer in schönen Hotelbetten schlafen wolle, müsse eben bei einem Tom-Tykwer-Film mitmachen, gibt Lehmann einmal wutentbrannt von sich. Neben diesen konkreten Seitenhieben auf die Verhältnisse in der Filmpolitik verlässt sich Aron Lehmanns Debüt aber vor allem auf bissige Kritik zwischen den Zeilen. Seine junge, unerfahrene, von Motivation getriebene Regisseursfigur ist eine, die allen Widrigkeiten mit Durchhaltevermögen begegnet, aber von vornherein scheitern muss und dadurch umso tragischer erscheint. „Ach, der unselige Ehrgeiz, er ist ein Gift für alle Freuden!“, hat Heinrich von Kleist einmal gesagt. Auch wenn Lehmann am Ende von Kohlhaas oder Die Verhältnismäßigkeit der Mittel wohl nachvollziehen kann, was der Autor damit gemeint hat, verlässt er uns mit einem Lächeln auf dem Gesicht. Vielleicht muss er an Volker Schlöndorff denken. Manchmal ist es für einen besser, keinen Film zu machen.

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