Knight of Cups

Verlorene Sensibilität. Terrence Malick dringt an die Grenzen der Initiative.

Knight of Cups 05

Den Tree of Life (2011) muss man sich gar nicht erst in Erinnerung rufen, das geschieht bereits durch Knight of Cups selbst. Die Welt der Wolkenkratzer, Glasaufzüge und Straßenkreuzungen, aus der noch ein Pfad in die Wüste gefunden werden konnte, und durch sie hindurch bis an die Küste, wo man sich dann selbst und seiner Geschichte begegnete und in der eine letztgültige Harmonie noch ins Repertoire der Möglichkeiten fiel, ist hier mittlerweile umfassend zugemauert – im wahrsten Sinne: Die Strände sind mit Badegästen überfüllt, und hinter ihnen türmen sich bereits die Großbauten in die Höhe. Wieder sieht man den Erdball von oben, das heißt: von außen, aus der Satellitenperspektive. Er hat Struktur gewonnen seitdem, aus ihm leuchten gelb die Ballungszentren heraus. Es ist eine wesentlich verbautere, mit Gebäuden eingesprenkelte Welt, obgleich sie natürlich nicht minder leer erscheint, wie die Blicke durch die Glasfassaden zeigen, hinter denen sich unbewohnte Räume erstrecken.

Tuchfühlung mit der Materie

Knight of Cups 02

Rick (Christian Bale) behaust eines dieser entseelten Objekte; als ihn Einbrecher überraschen, sieht er nur teilnahmslos zu, wie sie seinen Fernseher abmontieren, und das liegt nicht nur daran, dass ihm dieses Gerät egal ist, sondern daran, dass bei ihm im Grunde genommen gar nichts zu holen ist, wie der enttäuschte Plünderer selbst feststellen muss. Ein Erdbeben erschüttert diese Welt gleich zu Beginn, doch bis auf die zerstörten Regale und eine einzige Polizeisirene bleibt es folgenlos; ein Blumentopf fällt vor Ricks Füße, er hätte ihn auch auf den Kopf treffen können. Die Qualität dieses Bebens liegt allerdings weniger in seiner zerstörerischen Kraft (im Grunde ist da auch nichts, das tatsächlich zerstört werden könnte – das ist das Trauma, von dem die Welt heimgesucht ist) als vielmehr in der Möglichkeit, wieder auf Tuchfühlung mit der Erde zu gehen: Fast immer tänzelt man barfuß durch den Malick-Kosmos. Rick kniet sich auf den Asphalt, nicht um Schutz zu suchen, sondern um die Erschütterung in den Körper zu lassen; immer wieder tauchen die Menschen ins Wasser, fast immer bekleidet, dort ist die Materie dicht, sie kann gewusst werden. Der Mensch ist ein Engelswesen, dem die Flügel abgefallen sind, heißt es. Nicht, dass er vorher hätte fliegen können, nein; durch die Flügel war der Mensch auf eine gewisse Art empfänglich und empfindend, eine sensible Kreatur. Eben dieses sensible Band, das den Menschen mit der Welt verschnürt – es war auf dem Malick’schen Erdball immer schon ein seidener Faden –, ist in Knight of Cups zerschnitten.

Der äußerste Punkt der Passivität

Knight of Cups 18

Das Motiv, das auch Knight of Cups durchzieht und organisiert, ist die Suchbewegung nach dem Selbst, oder um es emphatisch und gemäß der Prämisse des Films auszudrücken: das Motiv einer Reise, die der Offenbarung entgegenstrebt, wie das Auto im Tunnel, das auf die opake Lichtmasse an dessen Ende zurast. Rick ist ein Komödienschriftsteller; er wandert durch ausgestorbene Studiolandschaften, über Cocktailpartys, auf denen das Geschwätz der Reichen stummgestellt wird, mit leerem Ausdruck, der nichts zu adressieren, nirgends etwas in den Blick zu bekommen scheint. Er ist der Melancholiker par excellence, der Knight of Cups, jene Tarotfigur, die von einer totalen Langeweile heimgesucht ist, die Ideen und Kreativität in jene Welt einträgt, an der sie zugrunde geht; Aristoteles hat genau darin den Melancholiker erkannt. Bodenhaftung, also Widerstand gegen die Getriebenheit des Daseins durch dessen Momente, findet Rick, stets vorübergehend, im Beisein der Frau, weniger in einer bestimmten, weniger auch in ihrem erotischen Charakter, sondern in ihrem Naturell, das sich von seinem zu unterscheiden scheint, durch das er sich selbst der Substanz der Lebendigkeit näher wähnt. Liebe wolle er nur empfinden, lieben selbst hingegen wolle er nicht, flüstert die Frauenstimme gravitätisch aus dem Off. Rick markiert damit den äußersten Endpunkt im Spektrum der entgleisten Männer bei Malick: Er hat die Passivität verabsolutiert.

Zu neuen Ufern

Knight of Cups 13

Selten haben rauschhafte Exzesse – Drogen, Orgien, Saufereien – einen solchen Nihilismus mit und nach sich gezogen wie jene zu Beginn von Knight of Cups. Auf nichts mehr laufen sie hinaus als auf eine physische Starre, höchstens noch auf die fundamentalen und unbeantworteten Sinnfragen, die von entrückten Stimmen aus dem Off ins Sichtbare hineinwehen. Die Stimmen und vielleicht mehr noch als diese: die Musik – an erster Stelle Edvard Griegs „Peer Gynt Suite“ – sind, wie so oft bei Malick, die einzig kohärenten Bewegungen, Regungen, die jenen Körper erahnen lassen, den die collagierte Montage bereits verabschiedet hat. Draußen, weit jenseits der Bilder, scheint noch etwas stabil zu sein, etwas, das sich gegen den Nihilismus stemmt. Dort draußen lassen sich die perspektivischen Angelpunkte aufspüren, die in den Bildern verflüssigt sind – ein wesentliches Moment der Malick’schen Metaphysik. Musik und Stimmen haben eine autonome Qualität, sie tönen aus einem unabhängigen Raum; und tatsächlich scheint der suchende Impuls des Films, mehr denn je vielleicht, diesem Raum entgegenzustreben. Es ist ein unverbauter Raum, in dem Substanz und Körperlichkeit gewusst werden können, in dem man sich verwirklicht statt verschleißt, in dem die Kommunikation gelingt, die auf der Leinwand stets ins Leere läuft; in dem Initiative und Erkenntnis stattfinden, in dem begonnen werden kann – das neue Gestade, die neue Wüste.

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Kommentare


Bernhard

Kurz und knapp: DANKE für diese großartig geschriebene Rezension, die nicht die Oberflächlichkeiten jederzeit abrufbarer Fakten auflistet, sondern ein Tor öffnet, für die Botschaften jenseits der Ästhetik der Bilder Zugang zu finden.






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