Knallhart

Ex-Partyluder Jenny Elvers-Elbertzhagen spielt im neuen Werk von Detlev Buck eine überforderte Mutter. Ihr Filmsohn Michael (David Kross) muss schmerzhaft erfahren, dass der Berliner Stadtteil Neukölln vor allem eins ist: knallhart.

Knallhart

Hier ist kein Hauch mehr zu spüren vom Multikulti-Traum. Nach dem Besuch einer Vorstellung von Knallhart möchte man Neukölln nie wieder betreten müssen. Der Regisseur hat, wie andere vor ihm, seinen Scorsese studiert. Was Fatih Akin mit Kurz und schmerzlos (1998) für Hamburg-Altona leistete, versucht Detlev Buck mit der vermeintlichen sozialen Abstiegszone der Hauptstadt: deutsches Gangsterdrama und Milieustudie zu vereinen. Mit dabei sind Dealer, Hehler, Hartz IV und gewalttätige Jugendliche. Die Buck-Produktion fällt mitten in die Zeit der „Kulturkampf“-Inszenierungen in Film und Presse, und Knallhart löste noch vor dem Filmstart eine Diskussion um die Aktualität der gezeigten Probleme aus. Neuköllns Bürgermeister Heinz Buschkowsky begrüßte den ehrlichen Blick auf Jugendgewalt und untere soziale Schichten und warnte mit der gegenwärtig beliebten Anspielung vor „Pariser Verhältnissen“ in Deutschland. Doch Knallhart will weder Dokument sein, noch Argumente für unliebsame demographische Debatten liefern, sondern mit wirklichkeitsnaher Erzählweise plus der erforderlichen fiktionalen Zuspitzung fesseln und schlicht unterhalten.

Knallhart

Knallhart ist in ausgeblichenen Farben und mit wenig künstlichem Licht inszeniert. Die hektische Kamera klebt dicht an der Hauptfigur. Der 15-jährige Michael Polischka (David Kross) wird mit seiner Mutter Miriam (Jenny Elvers-Elbertzhagen) vor die Tür einer schicken Zehlendorfer Villa gesetzt. Es folgt der Abstieg nach Neukölln. Hier haben die Wohnungen dünne Wände mit abblätternden Tapeten, die Fenster eröffnen nur den Blick auf die Mülltonnen im Hinterhof. Der Migrantenanteil ist hoch, die Arbeitslosenquote auch, Suff und Kriminalität gehören zum Alltag. Der Schulhof wird von einer brutalen Türkengang beherrscht. Deren Anführer Erol (Oktay Özdemir) erkennt in dem neuen Mitschüler mit dem weichen Gesicht sofort das ideale Opfer. Von nun an wird Michael „abgezogen“, um Geld erpresst, zusammengeschlagen. Hilfe naht ausgerechnet von einem, der noch gefährlicher ist als Erol. Großdealer Hamal (Erhan Emre) erkennt das Potential zum unauffälligen Drogenkurier in Michael und bietet ihm Schutz an. Michael willigt ein, erweist sich schnell als zuverlässig und darf ein besonders wichtiges Geschäft abwickeln. Doch die Tasche mit dem Drogengeld fährt auf einem Zugdach davon, und Michael wird sein Leben nur retten können, wenn er ein drastisches Zeichen setzt.

Knallhart

Detlev Buck, der einst mit dem wunderbar eigensinnigen Flachland-Roadmovie Wir können auch anders (1992) für launigen Humor bekannt wurde, drehte seine letzte Komödie Liebesluder vor sechs Jahren. Nach dem Ende des Booms mehr oder minder witziger deutscher Beziehungsdramen Ende der Neunziger war es auch um den Regisseur Buck still geworden. Seine Nebenrollen-Darstellungen in Herr Lehmann (2003) oder NVA (2005) sind zwar im Gedächtnis geblieben – nur mit ernsten Filmen hätte man ihn bis auf weiteres nicht in Verbindung gebracht, weder vor noch hinter der Kamera. Knallhart soll dies ändern. Das Regie-Comeback bewegt sich zwischen Ghetto-Klischees wie aus einem Hip-Hop-Video, ungeschönter Realitätsbeobachtung und der einen oder anderen Zote. Zusammengehalten wird es vor allem durch die Nähe zum glaubwürdigen Hauptdarsteller David Kross. Auch Jenny Elvers-Elbertzhagen ist eine Überraschung. Detlev Buck gebührt die Ehre, eine tiefere, ernsthafte Schicht der notorischen Boulevard-Prominenten freigelegt zu haben. Dialoge und Schauspielerleistungen erscheinen authentisch, nicht zuletzt, weil auf politische Korrektheiten verzichtet wird.

Knallhart

Das Drehbuch, basierend auf dem Jugendroman von Gregor Tessnow, leistet sich allerdings einige überflüssige Volten und lose Fäden. Eine sich anbahnende Liebesgeschichte zwischen Michael und einer Mitschülerin wird im Verlauf der Handlung einfach wieder aus den Augen verloren. Und Mutter Miriam ist dann doch noch für einen Blondinenwitz gut, als sie vor einem Beauty-Shop mit der Schaufenster-Werbung „Botox to go“ eine unmotivierte Zickenszene hinlegen darf. Derlei komische Exkurse kratzen an der Rauheit des Jugenddramas, gänzlich zerstören können sie die gehetzte Atmosphäre glücklicherweise nicht. Knallhart ist kraftvoll genug, um bis zum Schluss spannend zu bleiben. Das Ende ist brutal, ernüchternd und dadurch stimmig, leider wird es durch eine unnötige Rahmenhandlung wieder geringfügig entschärft. Ohne diese Unausgewogenheiten und ohne den Humor wäre der Film um einiges drastischer ausgefallen.

Praktische Stereotypen für die Streitgespräche um gewaltbereite Parallelgesellschaften und aktuelle Migranten-Problematik liefert Knallhart dennoch nicht. Dafür ist selbst Bösewicht Erol zu differenziert angelegt. Um nach dem Kinobesuch zu klären, ob die Realität wie in den meisten Fällen nicht doch härter ist als jede Fiktion, bleibt nur der Weg ins echte Neukölln.

Kommentare


Dues

Neukölln ist viel härter, als es im Film dargestellt wird. Ich bin froh, dort raus zu sein.


huda

hay ich hab mir schon euer viel angesehen im kino und es hat mir sehr gefallen !!


benjamin

der Film ist echt Knallhart
:D






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