Kleine wahre Lügen

Neben kleinen wahren Beobachtungen menschlicher Schwächen bietet Guillaume Canets Tragikomödie vor allem humoristische Ablenkungsmanöver und banale Messages.

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Kleine wahre Lügen (Les petits mouchoirs) war in Frankreich der erfolgreichste inländische Film des vergangenen Jahres und spielte dank über fünf Millionen Zuschauern mehr Geld ein als der Blockbuster Inception (2010). Das ist umso erstaunlicher, als Canets Film weder inhaltlich spektakulär noch voller Special Effects ist. Stattdessen widmet sich Kleine wahre Lügen mit viel Geduld und starker Dialoglastigkeit den individuellen und zwischenmenschlichen Problemen einer Gruppe von erwachsenen Freunden. Da es sich um einen Ensemblefilm handelt, verschiebt Canets Drehbuch den Aufmerksamkeitsfokus häufig, in episodischen Abständen werden so alle fünf Hauptfiguren mit einem ausführlichen Einzelschickal ausgestattet. Diese immense Ausdauer führt letztlich zu einer Überfrachtung und einer Spielzeit von über zweieinhalb Stunden, die angesichts der holprigen Inszenierung des Stoffs oft langatmig wirkt.

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Als Ludo (Jean Dujardin) nach einer durchzechten Clubnacht einen schweren Verkehrsunfall verursacht und lebensgefährlich verletzt im Krankenhaus landet, sind seine engsten Freunde sofort da. Doch da sie in seinem Zustand nichts für ihn tun zu können meinen und der gemeinsame Urlaub längst geplant ist, fahren sie dennoch in ihr Feriendomizil am Atlantik. Das Anwesen gehört Max (François Cluzet), einem dauergestressten Workaholic, den bereits ein ungemähter Rasen oder ein paar raschelnde Marder zum Choleriker werden lassen. Noch nervöser macht ihn indes, dass sein ebenfalls anwesender langjähriger Kumpel Vincent (Benoît Magimel) ihm vor kurzem nicht nur gestanden hat, homosexuelle Neigungen in sich entdeckt zu haben, sondern auch in ihn – Max – verliebt zu sein. Macho Éric (Gilles Lellouche) jagt ständig einer anderen Frau hinterher und setzt damit seine feste Beziehung aufs Spiel. Der zurückhaltende, aber extrem egozentrische Antoine (Laurent Lafitte) trauert seiner Ex heftig nach – und die promiske Marie (Marion Cotillard) erweist sich nicht nur als psychisch instabil, sondern auch als beziehungsunfähig.

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Die ambivalente Mischung aus freundschaftlicher Vertrautheit und Rissen in der Fassade inszeniert Canet über viele Gespräche, in denen das wohlsituierte Bürgertum sich selbst desavouiert. Vincents sexuell frustrierte Frau flüchtet nachts aus ihrer erkalteten Ehe in heiße Sex-Chats, Éric verheimlicht seinen Freunden das plötzliche Ende seiner Beziehung und vertuscht Indizien mit lächerlichen Ausreden, und Max ist mit der Homosexualität Vincents so überfordert, dass er dessen jungen Sohn grundlos anschreit. Das vermeintliche Urlaubs-Paradies entpuppt sich als Reich des Scheins und der Lügen. Erst als aus Paris die Nachricht vom Tod Ludos eintrifft, wird die Gruppe zu Aufrichtigkeit und Zusammenhalt gezwungen. Jean-Louis (Joël Dupuch), seit Kindertagen mit Max befreundet, fungiert dabei als Katalysator der inneren Einkehr. Wie im griechischen Theater der Chor, so kommentiert er aus der Distanz, legt Fehler und Widersprüche offen, zeigt aber zugleich den Weg zur Läuterung auf.

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Der altbekannten Selbstzerfleischung der Bourgeoisie fügt Kleine wahre Lügen nichts Neues hinzu, was verzeihlich wäre, wenn Canet nicht einen inkonsequenten Mittelweg mit allzu massiven Stimmungsschwankungen gewählt hätte. Der Zuschauer soll mit inneren und äußeren Konflikten konfrontiert, nicht aber von einer deprimierenden Atmosphäre erdrückt werden. Einerseits deckt der Film gravierende menschliche Defizite auf, andererseits wird das Publikum stets rasch durch Comedy-Szenen von einer tiefergehenden Reflexion abgehalten.

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Zudem wirken viele der humoristischen Drehbuch-Einfälle aufgesetzt und angestrengt. Wenn Marie trotz wütender Proteste von ihren Freunden immer weiter provozierend geneckt wird oder Antoine bei der Boots-Fahrschule aufgrund eines Anrufs seiner Ex die Kontrolle über das motorisierte Gefährt verliert, erscheint das unbeholfen, weil vollkommen übertrieben. Witze über mit Reis redende New-Age-Gurus oder im Schlick verlorene Badehosen siedeln nahe an der Grenze zur Albernheit, die zu einem zumindest teilweise um Anspruch bemühten Film nicht recht passt. Hier werden die Figuren mit ihren Schwächen und Problemen nicht mehr ernst genommen, sondern dienen primär der psychischen Entlastung des Zuschauers.

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Es ist ein starker Kontrast, wenn Sekunden nach solchen Szenen das Niveau plötzlich wieder gehoben und von Komik auf Tragik umgeschaltet wird. Als besonders schlecht eingebunden fällt dabei ein Home-Video-Abend der Freunde auf, bei dem die filmisch festgehaltenen Erlebnisse aus dem Vorjahr aufgrund aktueller Entwicklungen in neuem Licht erscheinen. Ähnlich plump ist eine demonstrative Kamerafahrt auf Maries Bauch, die ihre ungewollte Schwangerschaft andeuten soll, während parallel zum Ausbruch ihrer Tränen dramatische Musik aus dem Off aufgedreht wird. Überhaupt verlässt sich der Film bei der Stimmungserzeugung sehr auf den Einsatz von Musik. Wenn das Urlaubsziel erreicht wird, unterstreicht fröhlicher Party-Pop die Ausgelassenheit der Freunde, zu einer Trennung plätschern sentimentale Klänge. Und während des tränenreichen, überdehnten Endes, bei dem alle Protagonisten auf der kirchlichen Beerdigung Ludos laut zum Verstorbenen sprechen und Jean-Louis sich schon äußerlich erneut als einziger Aufrechter erweist, erklingt „My Way“.

Wenn dann der Schock des Verlusts schließlich alle wieder vereint und miteinander versöhnt, findet der Tod Ludos plötzlich gar einen Sinn – und ein halbgares Stück Middlebrow-Entertainment sein längst überfälliges Ende. Dass der Film in den französischen Kinos immens erfolgreich war, mag indes gerade an dieser Verbindung von Arthouse und Unterhaltung liegen. Ein wenig Anspruch in Form von individuellen Problemen und sozialen Analysen darf es schon sein – aber bitte mit genügend Leichtigkeit und einem Hoffnung gebenden Ende. Canet schickt den Zuschauer mit dem guten Gefühl nach Hause, sich weder dem Blockbuster-Eskapismus hingegeben zu haben noch von den oft deprimierenden, allzu anstrengenden Untiefen des Kunstfilms der guten Laune beraubt worden zu sein.

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Kommentare


Peter Adlih

Nach der Preview war ich froh, bis zum bitteren Ende durchgehalten zu haben. 2,5 Stunden Melodram gibt es sonst eher als Oper. Hätte sich der Regisseur auf das Wesentliche konzentriert und die Musik etwas gezielter verwendet, wäre es vielleicht ein netter Kinoabend geworden. So war die beste Szene der Zusammenstoss zwischen einem Roller und einem LKW nach gefühlten 10 Minuten. Der Rest war leider zunehmend lächerlich. Lieber nicht ansehen!!


Klaus Bischoff

Schon nach den ersten 5 Minuten wusste ich:"Das wird nix"- und es hat gestimmt. Der Film ist langatmig, oberflächlich und wichtigtuerisch. zudem unglaubwürdig und einfach 2,5 Stunden nur nervig!Verstehe nicht, warum um diesen Film soviel Aufhebens gemacht wird!


Paola

schoene Bilder, alles sehr mode bewusst, manieriert, oberflaechlich, unwahrscheinlich, irritierend. wenn ich mir eine ganz bloede Modeschau ansehen will, dann lieber Vogue durchblaettern oder die Hochzeit des Jahrhundert im TV sehen....


Kay Fischer

Ich kann die negativen Kritiken überhaupt nicht verstehen! Sicher, der Film hätte ein wenig gekürzt werden können, doch er vermittelt schöne Bilder und die Schauspieler agieren sehr gut.
Neben dem Dramatischen haben mich Szenen wie das Besprechen von Reisgläsern und dergleichen auch sehr amüsiert.
Man weiß darüber hinaus von vornherein, daß der Film zweieinhalb Stunden läuft.
Das Ende, und vor allem, wie es dargestellt wird, hat mich stark beschäftigt - und ich finde es unverzeihlich, daß in den Rezensionen bereits der Schluß verraten wird. Mein Eindruck: Hier wollen sich Rezensenten profilieren.


Julia

Ich haette gerne gewusst, welche Version von "My Way" zum Schluss gespielt wurde.


Martin Gobbin

Die Version von "My Way" stammt von Nina Simone.


Dirk G.

Also ich kann mich den vielen negativen Kritiken nicht anschließen. Außer dem zurecht kritisierten pathetisch-kitschigen Ende hat mich eigentlich nichts gestört an diesem Film. Mit französischer Leichtigkeit wurden die großen Fragen des Lebens (Liebe, Beziehung, Freundschaft, Tod) zur Sprache gebracht, dabei aber keine vorgefertigten Antworten gegeben. Die soll man ja auch selbst für sich finden. Ich denke, das ist einfach ein Film für die Generation 35+, die sich mit all diesen Fragen konfrontiert sieht und genauso verwirrt durch Leben irrt, wie die Protagonisten es tun. Nur warum ein französischer Film ausschließlich auf englische Songs zurückgreift, das hat mich ratlos hinterlassen... Nina Simone passt irgendwie nicht zu Paris und Bordeaux.


Julia

Danke.


Britta

Der Film war nett, mehr nicht. Nettes Kino zum zwischendurch anschauen und schön für einen lauen Sommerabend.
Großes Nachdenken, warum, wer, was oder gar philosophische Interpretationen sind überflüssig.


Oliver J.

Selten so eine gute Sommer-Frankreich-Stimmung erlebt. Diese Weinlaune in doppeldeutigem Sinn hielt bei mir noch einige Zeit an. Gerade die Mischung von Trauer und Witz in schneller, oft unerwarteter Abfolge erlebe ich im wahren Leben ständig. Und "Übertreibungen" der unglaublichen Art gibt es ebenfalls im wahren Leben ständig. (Bei mir dann mit zumeist deutschen Darstellern.) Fazit: Ein für mich sehenswerter Film mit sehenswerten Darstellern, der u.a. meine Lust auf Urlaub in Frankreich mal wieder stark geweckt hat.


Stefan Ross

Ich würde einfach mal sagen, um den Erfolg des Films und dessen Inhalt zu verstehen, muss man die Franzosen und deren Lebensstil ein wenig kennen (was nicht mit drei Wochen Urlaub geht). Für Franzosen über 30 trifft dieser Film bei vielen mitten ins schwarze. Nicht überzeichnet (ausser Bootsunfall), nicht oberflächlich einfach wahrhaftig (Wahrheit behaftet) gefühlvoll.


alex cznke

großartiger film. ich hab ihn grad zum zweiten mal gesehen.ich bin bin wahnsinnnig begeistert. ich kann mir kaum vorstellllen dass dieser film langatmig wirkt. super !!!


alex cznke

Britta hat nicht Recht. Dafür haben Stefan Ross und Oliver J. umso mehr Recht.






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