Kleine Tricks

Der Regisseur, Drehbuchautor und Produzent Andrzej Jakimowski braucht für seine Sommergeschichte nur eine polnische Kleinstadt, einige Laiendarsteller und viel Spontaneität.

Kleine Tricks

Zwischen wackligen Fassaden und bröckelnden Gemäuern lebt es sich nicht gerade luxuriös, aber beneidenswert entschleunigt. Die sommerliche Hitze treibt die gemütlichen Bewohner des kleinen polnischen Nests im Irgendwo auf abgewetzte Sessel in schattige Ecken und den siebenjährigen Stefek (Damian Ul) in die leergefegten Straßen. Stefek hat Schulferien und jede Menge Langeweile in der öden Provinz. Fernsehen und Computerspielen sind bei ihm nicht angesagt. Ihn zieht es aus den muffigen vier Wänden hinaus, denn er will wahre Abenteuer erleben. Wenn der Junge nicht gerade den Flug der Tauben verfolgt oder mit dem Gebrauchtwagenbastler Jerzy (Rafal Guzniczak) Motorrad fährt, dann geht er seiner Lieblingsbeschäftigung nach und beobachtet die selten einfahrenden Züge am Bahnhof. Die Spiele anderer Kinder interessieren ihn nicht. Meistens erobert er allein seinen Heimatort und sehnt sich nach seinem Vater, der vor einigen Jahren die Familie im Stich ließ. „Ich bin deine Mutter und dein Vater.“ tröstet die bildschöne achtzehnjährige Elka (Ewelina Walendziak) ihren kleinen Bruder und nimmt auch in Kauf, dass der kleine Quälgeist ihre Verabredungen mit Jerzy vermasselt. Als eines Tages Stefek seinen Vater (Thomasz Sapryk) auf dem Bahnhof erkennt, weiß er nicht, wie er ihn ansprechen soll und muss mit kleinen Tricks dem Schicksal ein wenig nachhelfen.

Kleine Tricks

Aus der kindlichen Perspektive eröffnet Kleine Tricks die bescheidene, aber durchaus unbeschwerte Lebensart des polnischen Kleinstadtkosmos. Mit träumerischem Blick folgt die Kamera den neugierigen Wahrnehmungen des Kindes und fängt das für Stefek oft unverständliche Leben der Erwachsenen ein. Der Zuschauer durchläuft mit dem Protagonisten eine amüsante Daseinsschulung entlang verschiedener Lektionen. Zum einen lernt man der alltäglichen Präsenz von Schwierigkeiten mit Geduld und Gelassenheit zu begegnen, zum anderen, dass pures Vertrauen auf Glück kein Erfolgsgarant ist, etwa wenn der Junge regelmäßig seine Schwester Elka zu ihren Vorstellungsgesprächen begleitet und ihr manchmal stundenlang unnütz die Daumen drückt. Da die Geschwister immer den vereinbarten Termin verpassen, hilft Stefeks leidenschaftliche Unterstützung nichts und Elka muss weiterhin in einer Kneipe aushelfen. Ihren Bruder hingegen vergisst die Schwester nie, denn die Sorge um Stefek steht stets an erster Stelle.

Kleine Tricks

In einem liebenswert-schäbigen Provinznest, weitab von Kriminalität, Hektik und Stress, suggeriert der Regisseur das Ideal einer in Harmonie existierenden Gesellschaft. Hier geht man noch in die alten unübersichtlichen Läden mit verblassten Angeboten, pflegt ungezwungen den nachbarschaftlichen Kontakt und genießt die kleine Freiheit im wildromantischen Fluss zu baden. Von der Omnipotenz unserer technischen Kommunikationsmittel spürt man nichts: nostalgisch preist der Film die Qualität der Abgeschiedenheit. Stefeks Lebensraum wird zu einer positiven Alternative gegenüber der Großstadt stilisiert. Der Mensch verfügt zwar nur über begrenzte Entfaltungsmöglichkeiten, ist jedoch Teil eines sozial funktionierenden Miteinanders.

Kleine Tricks

Andrzej Jakimowski setzt in seiner linear erzählte Sozialkomödie auf eine subtile Bildsprache und vor allem auf viele spontan gedrehte Szenen. Häufig ließ der Regisseur die Kamera ohne Wissen der Darsteller laufen, um die Aufnahmen „[…] aus dem Verborgenen zu stehlen.“ Elkas und Stefeks Emotionen spiegeln sich in den Nahaufnahmen ihrer Gesichter. Die angestrebte Verbindung aus unprofessioneller Authentizität der Schauspieler und lockerem Handlungsaufbau, um dessen Kern sich phantasiereiche Nebenhandlungen gruppieren, zahlt sich aus. Für die ästhetische Verknüpfung der einzelnen Episoden erklingt bisweilen zart-heitere Musik (Tomasz Gassowski) à la Goran Bregovic, die mit sanftem Blechgeschepper den osteuropäischen Gesamteindruck unterstreicht. Kleine Tricks erklärt sich als eine polnische Anleitung zum Glücklichsein.

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Kommentare


Peter Gerber

Der beste Film, den ich seit Langem gesehen habe; das Gegenteil eines "Action-Films" und trotzdem spannend bis zur letzten Minute; beeindruckend vor allem das unergründliche Minenspiel der Hauptfigur!Faszinierend fand ich die Art und Weise, mit der die Kamera den Zuschauer "führt" und "mitnimmt". Ein im besten Sinne "poetischer" Film, der es fast schon genial versteht, eine Atmosphäre zu zeichnen, die sich unmittelbar auf das Empfinden des Zuschauers überträgt.


Dorte P.

Ich stimme sowohl dem Rezensenten Sebastian Thiele als auch dem Kommentatoren Peter Gerber völlig zu.
Der Film macht einem daran denken, was in unserer modernen Zeit verloren gegangen ist. Keine mehr Kinder dürfen träumen, dürfen auf eigene Faust die Welt erforschen. Das durfte man, als ich Kind war.
Alles im Film sieht mit unseren modernen Augen hässlich und arm aus, aber die Leute spüren es nicht in dem Masse. Das habe ich auch nicht als Kind.
Die polnische Kultur, wie ich sie in Polen erlebt habe und auch in der polnischen Literatur und in polnischen Filmen, ähnelt so sehr der süditalienischen.
Auch die Musik hat mir sehr gefallen, und auch ich bin auf Goran Bregovic gekommen.
Konklusion: ein poetischer, grosser kleiner Film, der mir sehr gefallen hat.






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