KlassenLeben

In einem schlicht gehaltenen Dokumentarfilm zeigt Hubertus Siegert, wie eine Schulklasse jenseits der üblichen Einteilung in Leistungsstufen oder in gesunde und behinderte Kinder, mit den Unterschieden lebt und lernt.

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Gemeinsam Spaß zu haben ist einfach, zusammen zu arbeiten ist schon eine schwierigere Angelegenheit. Wo geistige und körperliche Defizite im kindlichen Spiel noch elegant umschifft werden können, treten Unterschiede in einer Lerngruppe umso stärker zu Tage. Alleine könne er die Aufgabe schneller bewältigen als mit seinen beiden Kameraden zusammen, sagt der elfjährige Dennis halb im Scherz, halb im Ernst in die Kamera. Doch hier geht es nicht um Schnelligkeit, nicht um das möglichst rasche Erreichen von Spitzenleistungen, an deren Zenit man womöglich als Jahresbester aufglüht, sondern das Ergebnis der Klasse als Ganzes zählt.

Die Berliner Fläming-Schule fordert die Konfrontation von Starken mit Schwachen bewusst heraus und vereint vom hochbegabten Schüler bis hin zu Kindern mit geistiger und schwerer körperlicher Behinderung viele unterschiedliche Persönlichkeiten in einer Schulklasse. In den 70er Jahren begann man systematisch traditionell getrennt voneinander unterrichtete Kinder in sogenannten Integrationsklassen an einen Tisch zu setzen und neben schulischen Leistungen verstärkt Wert auf die Ausbildung sozialer Fähigkeiten zu legen.

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Dokumentarfilmer Hubertus Siegert hat sich mit seinem Team so dezent wie möglich unter die Kinder solch einer Klasse gemischt und sie ein halbes Jahr durch ihren schulischen Alltag begleitet. Kein erzählender Kommentar, keine erklärenden Interviews mit Eltern oder Pädagogen stören die vor der Kamera agierenden Kinder, indem sie für die Bilder selbst die passenden Worte finden, aus dem Off das Gezeigte durch ihre Gedanken und Überlegungen vervollständigen. Nur nach und nach lernt der Zuschauer die Kinder kennen und erkennt langsam wieder, wem er eigentlich gerade zuhört. Erst nach einer Weile merkt man, dass ein Teil dieser Klasse von zwei zusätzlichen Pädagoginnen gesondert betreut wird, dass Johanna sehen gelernt hat, nachdem sie bereits laufen konnte, dass Marvin langsamer als die anderen lernt und Lena nicht nur im Rollstuhl, sondern auch im Sterben liegt.

Die Klassenlehrerin Frau Haase hält indessen ihre Schützlinge mit Strenge bei der Stange, verlangt viel von ihnen, vielleicht manchmal zuviel, wie sie im einzigen Frontalinterview des Filmes zugibt. Die höchste Anforderung an die Kinder bleibt dabei das Beharren auf Kooperation und gegenseitiger Hilfestellung. Egal wie gut das Referat eines gesunden Schülers ausfällt, wenn er den schwächeren Partner nicht unterstützt, dann ist seine Einzelleistung nicht mehr so viel wert. Daran scheinen die Schüler manchmal hart zu knabbern. Die Betreuer versuchen sie durch Einzel- und Gruppengespräche soweit zu bringen, einzusehen, warum Zusammenarbeit und Rücksichtnahme wichtiger sind als das isolierte Wissen. Das mühsam gemeinsam einstudierte Theaterstück unterstützt die spielerische Weitergabe dieser Idee: Für jeden Schüler gibt es eine Rolle, keine davon ist unwichtig, Gefühle zeigen ist nicht peinlich und jeder kann nur mit den anderen zusammen zur vollen Entfaltung gelangen.

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Die Kinder müssen kämpfen, auf der einen Seite gegen ihre bremsende Behinderung, auf der anderen gegen ihre im Vergleich galoppierende Auffassungsgabe. So fordernd diese Situation auch sein mag, die Lehrjahre dieser Kinder erscheinen im Gegensatz zum Sprichwort gleichwohl Herrenjahre zu sein, denn die Schüler werden im Gegensatz zu den Gepflogenheiten manch anderer Lernstätten ernst genommen, mit Rücksicht behandelt, ihre Probleme angehört, Maßregelungen erklärt und besprochen.

Der Film selbst entwickelt dabei wegen seiner zurückhaltenden und einfachen Machart eine angenehm verhaltene pädagogisierende Note. Siegert diskutiert nicht in diesem Film, noch bläst dem Zuschauer eine Marschrichtung aus den Bildern entgegen. Er ästhetisiert auch nicht wie in seiner letzten Arbeit Berlin Babylon (2001), einer bildgewaltigen Dokumentation über die Baustellen Berlins, geräuschvoll begleitet durch die eigens für den Film komponierten Klangmalereien der „Einstürzenden Neubauten“.

Damit unterscheidet sich Siegert ganz wesentlich von seinem französischen Kollegen Nicolas Philibert, an dessen eindringliches Porträt einer winzigen Dorfschule in Sein und Haben (Être et avoir, 2002) man beim Thema Integrationsklasse unweigerlich denkt. Siegert macht im Gegensatz zu Philibert Halt vor der Schwelle des Elternhauses, lässt das Private außen vor, glorifiziert nichts und meidet die Herausformung von übergewichtigen Protagonisten. KlassenLeben kommt mit zarten Tönen und ganz ohne erhobenen PISA-Zeigefinger oder Weltverbesserungsgeschrei aus, weist aber in eine bestimmte Richtung: Jede Schule sollte eine Prüfung sein, die aus mehr als dem Abschreiten des Lehrplans besteht.

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