Klass

Sympathy for the devil? Ein Jahr nach Winnenden erscheint in Deutschland Klass.

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Irgendwo in Estland. Irgendwie wie überall. Joosep (Pärt Uusberg) gelingt nicht mal der Korbleger. In der Umkleide malträtiert ihn eine Gruppe um Wortführer Anders (Lauri Pedaja), sperrt ihn nackt in die Mädchenkabine. Erst als Thea (Paula Solvak) ihren Freund Kaspar (Vallo Kirs) animiert, das Opfer freizulassen, findet die Schikane ein Ende. In der Folge emanzipieren sich Kaspars Entscheidungen von Theas Einfluss, der Seitenwechsel von Anders zu Joosep vollzieht sich immer bewusster.
Was als Jugenddrama über Zivilcourage angelegt sein könnte, entwickelt in seinen Fragestellungen eine zunächst überraschende Komplexität. Die richtet sich an Kaspar, der zentralen Figur in Ilmar Raags Film, aus. In seinem Verhältnis zu Thea und Joosep sowie im Blick auf die sexuell konnotierte jugendliche Gewalt liegt das Potenzial der Erzählung. Äußerst fragil und vom sozialen Gesamtgefüge belastet kommt die junge heterosexuelle Liebe daher. Kein Wunder – hat sich das Paar doch eigentlich nichts zu sagen. Ihre Gemeinschaft steht wie eine Behauptung inmitten von Klass. Anders Joosep und Kaspar. Sehr schnell führt der Film zusammen, was zusammen gehört.
Der eine wird von seiner Schuldirektorin als Bauernlümmel abgekanzelt, lebt bei der Oma und besucht die Schule nur auf Bewährung. Der andere verkriecht sich zu Hause, die Mutter will zu viel, der Vater zu wenig, beide handeln falsch. Früh kommt eine Waffe ins Spiel, und des erklärenden Dialogs der beiden Isolierten hätte es gar nicht mehr bedurft. Ihr Weg ist vorgezeichnet.

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Mit Elephant (2003) hat Gus Van Sant den bislang elementaren künstlerischen Beitrag zu Amokläufen an Schulen vorgelegt. Mit großer Sicherheit fand er eine passende Form, die ihm Abstraktion und Distanz ermöglichte. In Plansequenzen folgt die Kamera am Tag der Tat Bewegungsabläufen, vermisst den Raum, reduziert komplexe Vorgänge auf Begegnungen. Die Frage nach der Relevanz neuester Medien für Jugendliche beantwortet er formal. Auf psychologische Erklärungen lässt er sich nicht ein.
Ähnliches ist bei The Great Ecstasy of Robert Carmichael (2005) zu beobachten, einem äußerst diskutablen Film, der sich formale Strenge auferlegt und das Unfassbare jugendlicher Gewalt in der Radikalität und Direktheit seiner Bilder sucht. Auch hier werden keine fadenscheinigen Erklärungsansätze gesucht, das Grauen steht für sich.
Im Gegensatz zu genannten Vorbildern findet Klass jedoch kein eigenes überzeugendes formales Konzept. Den Filmbildern stellt er Videoaufnahmen entgegen, die jene Präzision vermissen lassen, welche gerade digitalen Kameras zuteil werden sollte. Raags Scheitern auf ästhetischer Ebene ist aber nicht das Hauptproblem des Films.

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Klass verortet sich scheinbar im Diskurs weiterer Filme wie der beiden jüngeren deutschen Produktionen Sieben Tage Sonntag (2007) und Weltstadt (2008). Sie alle beruhen auf tatsächlichen Vorkommnissen und spüren jugendlichen Gewaltexzessen nach. Immer stehen die Täter und ihre Handlungen im Vordergrund, in all diesen Geschichten gibt es eine „Thea“ als inkarnierte Alternative zur Gewalt und Entsozialisierung.
Regisseur Christian Klandt und sein Darsteller Gerdy Zint haben es in Weltstadt verstanden, sich gegen Psychologisierung abzuschotten, ohne im Sinne Hanekes mit einer Wurzel des Bösen zu winken. Ihre Figur verweist auf etwas, das hinter den Bildern steckt und dem sich der Zuschauer selbst widmen, aussetzen muss. Ein Film in diesem Kontext kann nur Teil des Diskurses ein, muss über sich hinausweisen.
Raag missversteht dies nicht nur, er wagt auch etwas, das seinen Film im Sinne einer seriösen Diskussion geradezu beerdigt. Anders als alle genannten Beispiele beschreibt Klass einen Weg vom Opfer zum Täter. Wie im traditionellen Rache-Genrebeitrag werden die Handlungen von Kasper und Joosep motiviert, sogar als logische Folge präsentiert. Der Film zeigt keine Alternative auf, im Gegenteil: Der Vergeltungsschlag scheint nicht nur die einzige, sondern auch die richtige Option. Keine Wahl lassen die durchweg eindimensional, undifferenziert gezeichneten Antagonisten um Anders, kleine Sadisten ohne Hirn und Herz.

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Einfallsreicher zeigt sich Klass in der Präsentation des Martyriums, das die beiden Opfer durchlaufen. Die Schuldigen werden – ganz in der Logik des Vigilante-Films – zur Rechenschaft gezogen. Hier gibt es keine Kollateralschäden. Der Film stellt dies sogar wie in einem lauten Moment der Selbsterkenntnis aus: Ein Mädchen, das zwar wie durchweg alle Beteiligten wenig sympathisch wirkt, aber doch die Tyrannei der andern meistens verschlafen hat, fragt einen der Berserker, ob es für sie nach draußen ginge oder sie an der Pforte zum Hinrichtungszimmer das erste Opfer würde. Hier entscheidet sich ihr Menschenleben im Bruchteil einer Sekunde; als das Urteil positiv ausfällt, bedankt sie sich artig. In dieser Szene wagt Raag einen Zynismus, der an [filmid:1004]Death Sentence (2007) erinnert, sich dem Rest des Films aber so gar nicht einfügen will.

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In Stefan Maiers kürzlich ausgestrahlter Dokumentation Der Amoklauf von Winnenden erklärt ein verantwortlicher Redakteur der Lokalzeitung, dass er den Opfern eine Stimme habe geben wollen, dem Täter aber kein Gesicht. Dem Verzicht der Winnender Zeitung auf Täterfotos steht Klass diametral entgegen. Er gibt den Tätern nicht nur ein Gesicht, sondern auch einen guten Grund für ihre Morde.

Kommentare


Ciprian David

Ich habe viel mehr den Film als die politische Korrektheit der Herangehensweise im Fokus gehabt, und fand Klass ein durchaus guter Film. So wie Haneke immer vorgeht.


john

Dieser Film zeigt die warheit so was passiert nicht nur in der schule sondern überall im berufsleben in der armee im kindergarten


Anikene

Meiner Meinung nach ein sehr gut gelungener Film. Ich habe ihn bereits vor ein paar Jahren in Estland gesehen und bin positiv überrascht, dass es ihn nun auch auf Deutsch gibt.
Ein Thema, dass noch viel zu wenig thematisiert wird. Allerdings find ich die Altersfreigabe etwas hoch angelegt - in Estland ist der Film ab 12 freigegeben und es ist schließlich kein einfacher Gewaltfilm, sondern ein leider immer wieder auftretendes Phänomen der heutigen Zeit.






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