Kismet – Würfel Dein Leben!

Ein Würfel trifft die Reiseentscheidungen zweier junger Menschen, die auf eine Odyssee durch Europa geschickt werden. Mit minimaler Technik realisiert, versucht der simulierte Dokumentarfilm das Lebensgefühl der heutigen Twens wiederzugeben.

Kismet – Würfel Dein Leben!

Der Zufall und seine Metapher des Würfels haben seit Urzeiten die Künste herausgefordert. In der Moderne wird er konstitutives Element im künstlerischen Schaffensprozess. Auch das Kino der Moderne öffnet sich insbesondere mit der Nouvelle Vague der lebensweltlichen Kontingenz. Im Dokumentarfilm sucht die Bewegung des cinéma vérité um den kürzlich verstorbenen Jean Rouch eine neue Wahrhaftigkeit im Aufbrechen des in sich geschlossenen Systems Film hin zur Realität. In seiner 1960 entstandenen Chronik eines Sommers (Chronique d’un été) gibt der französische Autor ein präzises Stimmungsbild der jungen Generation. Spontane Interviews, improvisierte Diskussionen, das Streunen der Kamera durch die Straßen von Paris auf den Spuren von Einzelschicksalen – diese Methode prägte zugleich eine neue, als authentisch rezipierte Ästhetik: verwackelte Bilder, spärliche Lichtquellen, natürliche Dekors. Heute hingegen verschwimmt mit dem Aufkommen der Reality-TV-Formate nicht nur die Grenze zwischen Fiktionalem und Dokumentarischen zunehmend. Es werden zudem die gleichen ästhetischen Codes wie im modernen Kino verwendet. Aber was früher eine existentielle Frage nach Wahrhaftigkeit war, wird heute oft zum hohlen Spiel mit Konventionen und formalen Regeln. Was passiert, wenn hinter den ästhetischen Formeln keine weltanschauliche Überzeugung mehr zu stehen scheint?

Kismet – Würfel Dein Leben!

Das Gefühl hat man leider bei Kismet – Würfel Dein Leben! . Mit Mini-Budget und kleinem Team gedreht, präsentiert sich der Film in der lebensnahen Ästhetik dürftig ausgeleuchteter Bilder, verwackelter Einstellungen und viel Rauschen auf der Tonspur. Zentraler Aufhänger des Films ist eine formale Regel, der die Geschichtsebene grundlegend unterworfen ist: Kismet schickt zwei junge Menschen, die sich nicht kennen, für eine Woche auf eine Reise durch Europa, die Berliner Radio-Moderatorin Caroline Korneli und der Filmstudent David Sieveking. Jede ihrer Entscheidungen muss durch das Zufallsprinzip – durch den Würfel – entschieden werden. Zürich? Österreich? Nordsee? Zuerst wird festgelegt, welche Zahl für welche Option steht, dann wird gewürfelt, das Ergebnis ist verbindlich. Fast zeitgleich zu seinem ersten Kinofilm Viktor Vogel, Commercial Man (2001) hat Lars Kraume dieses filmische Experiment in Angriff genommen, das nun mit einiger Verspätung seinen Weg in die Kinos findet.

Kismet – Würfel Dein Leben!

Die Idee zu Kismet stammt aus der Redaktion des jetzt-Magazins, die 2002 auf eine Zeitungsseite und ein Internetportal eingedämpfte Jugendbeilage der Süddeutschen Zeitung. So wirkt auch der Film ein bisschen wie ein nostalgischer Nachruf auf dieses legendäre Magazin der 90er und scheint auf sein Leserpublikum zugeschnitten. Man trampt mit Backpack und ohne Geld, trotzdem steht einem die ganze Welt offen. Große Themen wie Freiheit und Liebe werden zwischen den beiden Protagonisten ausgehandelt auf eine Art, wie man das nur mit Anfang 20 kann. Die schönsten Momente aber sind die, in denen das Duo, um sich auf liebenswürdige Weise ein Frühstück zu ertricksen, mit zwei Leipziger Rentnern über Jesus und die Zeugen Jehovas diskutiert. So frontal sind selten unterschiedliche Welten aufeinander geprallt. Am Ende ihrer Reise quer durch Deutschland stehen sie am Züricher See und stellen fest, dass die seltsamsten Zufälle erstaunlicherweise die sinnvollsten waren, die sie unverhofft ihrem Ziel näher brachten – alles ergibt irgendwie einen Sinn. Diese kuriose teleologische Gewissheit, die der Ausgang der Geschichte impliziert, macht einen stutzig. Und der Blick in das Presseheft zum Film ist enttäuschend: die beiden entscheidenden narrativen Wenden im Film sind durch eine unsichtbare Hand gelenkt, wichtige Reisebekanntschaften keine Zufallsbegegnungen, sondern professionelle Schauspieler. Was einem als dokumentarisches Stück Realität verkauft wird, ist im Sinne der Erzählbarkeit hin auf einen schönen narrativen Bogen manipuliert. Übrigens wurde auch die Auswahl der beiden Hauptdarsteller durch ein aufwendiges Casting nicht dem Zufall überlassen.

Im Islam bedeutet Kismet das „Zugeteilte“, das dem Menschen von Allah vorbestimmte Schicksal, das gläubig ertragen werden muss. Also doch alles versteckter Determinismus? Die ganze erfrischende Spontaneität der Protagonisten, ihre echte Improvisationskunst und ihr Ideenreichtum sind auf einen Schlag verraten, der ästhetische Code des Dokumentarischen verkommt zu einem Jargon. Beim Verlassen des Kinosaals stellt sich eine gewisse geistige Leere ein und der Wunsch wird stark, mal wieder einen Film von Jean Rouch zu sehen.

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