Kirschblüten - Hanami

Ein Witwer verwirklicht posthum den Lebenstraum seiner verstorbenen Frau und reist nach Japan. Doris Dörries Berlinale-Wettbewerbsbeitrag Kirschblüten – Hanami gehört zu den positiven Überraschungen auf dem Filmfestival.

Kirschblüten - Hanami

Wie oft bei Doris Dörrie sind viele Dinge arg deutlich. Um die Langweiligkeit des bayerischen Provinzbeamten Rudi zu betonen, wird nicht nur erwähnt, dass dieser keine Abenteuer mag. Er muss sein Brot außerdem als Abteilungsleiter für Abfallwirtschaft verdienen. Wenn er nach Hause kommt, werden die altgedienten Symbole Strickjacke und Pantoffeln herangezogen, und seinen täglichen Weg zur Arbeit und zurück schneidet die Regisseurin gegen eine watschelnde Ente. Aber bald schon merkt man, dass Kirschblüten – Hanami ein Märchen sein will, und Märchen dürfen das.

Dieser Rudi also, gespielt von Elmar Wepper, ist todkrank. Die Ärzte erzählen zuerst seiner Frau (eine bayerisch sprechende Hannelore Elsner) davon, und die bringt es nicht über sich, ihrem Mann den nahenden Tod zu offenbaren. Stattdessen geht das Ehepaar auf Reisen, nach Berlin und an die Ostsee, wo Rudi in der ihm eigenen Art anmerkt, das Meer sei auch nicht mehr das, was es mal war. In der Hauptstadt besuchen sie ihre erwachsenen Kinder, die keine Zeit und vor allem keine Nerven haben, sich um die Eltern zu kümmern. So ist es die Freundin der Tochter, die Rudi und Trudi die Stadt zeigt und die mit Trudi zu einer japanischen Butoh-Tanz-Aufführung geht.

Kirschblüten - Hanami

Nicht nur dieser Theaterabend ist ein Verweis auf den in Japan spielenden zweiten Teil des Films. Die gesamte Geschichte des Besuchs der Eltern in Berlin ist Ozus Reise nach Tokio (Tôkyô monogatari, 1953) nachempfunden, bis in Details wie die eigentlich nicht zur Familie gehörende Freundin, die als einzige den alten Leuten Respekt und Wärme entgegenbringt. Die Rolle der stillen und bescheidenen Setsuko Hara hat hier die mit Berliner Schnauze ausgestattete Nadja Uhl übernommen. Das Thema Japan strahlt also durch den gesamten Film, auch dort, wo man lediglich ein explizit deutsches Lebensgefühl zu sehen meint. Manches ist eben doch nicht so überdeutlich.

Man verrät nicht zu viel, wenn man auf die entscheidende Wende ungefähr zur Mitte hin zu sprechen kommt. Es ist nicht Rudi, der eines Morgens tot im Bett liegt, sondern unvorhergesehenerweise seine Frau. Der Witwer entdeckt im Rückblick, dass er mit seiner Stoffeligkeit den größten Traum Trudis verhindert hat. Die wollte nämlich Butoh-Tänzerin werden und einmal im Leben den Fuji sehen, den Berg, der in Deutschland immer als Fujijama bezeichnet wird. Rudi, der nie ins Ausland wollte, macht sich nun auf seine eigene Reise nach Tokio, um seiner Frau im Geiste Japan zu zeigen.

Kirschblüten - Hanami

Anders als in ihren letzten Filmen gleitet Dörrie dieses Mal nicht ins Esoterische ab. Kirschblüten ist eher eine Verbeugung vor japanischer Kultur als eine Vereinnahmung, und zudem überzeugt der Film vor allem, weil seine Einstellungen und Szenenabfolgen mit viel Gestaltungswillen komponiert sind. Das gilt auch für die Aufnahmen in Tokio, die wie der Part in Deutschland mit einer Digitalkamera gedreht wurden und eine langsame, stellenweise dokumentarische Annäherung an die futuristische Großstadt-Welt erlauben. Wo Bill Murray in Lost in Translation (2003) einen ganzen Film lang reines Befremden im Gesicht trägt, lässt sich Weppers Rudi bald auf seine Umgebung ein. Der Konfrontation mit Neonreklamen und Schulmädchen-Sex-Shows, beides ein Klischee für japanische Kultur, folgen neugierige Blicke, die die Fremdheit nicht mehr in den Vordergrund stellen. Und der erste Teil des Films, der sich mit dem Verhältnis von Eltern und Kindern beschäftigt, versammelt schöne Beobachtungen, nach denen man das unmittelbare Bedürfnis hat, die eigenen Eltern endlich einmal wieder anzurufen.

Wepper, ein als typischer Fernsehdarsteller lange unterschätzter Schauspieler, gibt zusammen mit Hannelore Elsner ein geradezu traumwandlerisches Paar ab, deren unbedingter Gleichklang sich auch in ihren Namen äußert: Rudi und Trudi, da ist sie wieder, die überdeutliche Dörrie, aber, wie gesagt, ein Märchen darf das. Ohne ihren Mann, sagt Trudi einmal, hätte sie gar nicht nach Japan reisen wollen. Stattdessen ist Rudi nun ohne sie in Tokio. Wepper übersteht souverän auch Peinlichkeiten wie die, in Trudis Jacke und Rock durch die fremde Stadt laufen zu müssen. Eine junge Butoh-Tänzerin wird zu seiner Führerin, und am Ende steht er tatsächlich vor dem Sehnsuchtsberg, dem schüchternen Fuji, der nur zögernd sein Gesicht hinter den Wolken preisgibt. Dann aber in vollendeter Schönheit.

Trailer zu „Kirschblüten - Hanami“


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Kommentare


Martin Z.

Ein sehr emotionaler Film über die grosse Liebe und die vielen verpassten Gelegenheiten, das während der gemeinsamen Zeit auch rüberzubringen. Stellenweise kann man schon zum Taschentuch greifen, was wir vor allem Elmar Wepper zu verdanken haben, den wir hier wohl in seiner besten Rolle erleben. Aber die Tränendrüsen stellen ihre Funktion sofort ein, wenn seine Kinder ins Bild kommen. Ihr Verhalten gegenüber dem Vater - der bestimmt kein Bilderbuch-Pappi war - ist treffsicher beobachtet und trifft mehr als man denkt den Nagel genau da, wo’s weh tut. „Ich kenn’ ihn nicht“, sagt er über seinen Sohn „und er kennt mich auch nicht.“ Die Funkstille zwischen den Generationen ist ohrenbetäubend. Hilflosigkeit und auch Wehmut machen sich breit. Und es wird spürbar, dass eigentlich alle Beteiligten darunter leiden. Da scheint die Flucht in eine metaphysische Transzendenz vielleicht eine Lösungsmöglichkeit für den Trauernden zu sein.


Werner Lorenzen-Pranger

Ohne Tadashi Endos sehr gelungene Übertragung der "Geliebten Stimme" Cocteaus in die "japanische" Choereografie zu diesem Film wäre wohl wieder einmal nur ein sehr hausbackenes Stück "deutsches Kino" entstanden.
Daß dieser Film nicht, wie so viele andere deutsche Produktionen, nur langweilt und nervt liegt eindeutig an ihm.






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