Kiriku und die wilden Tiere
Mit Kiriku und die wilden Tiere setzt Michel Ocelot nach Kiriku und die Zauberin erneut eine Hommage an afrikanische Kultur und Musik in Szene. Der Film wurde 2005 in Cannes bei der erstmals stattfindenden Kindervorführung mit Erfolg einem jungen Publikum präsentiert.

Schon nach den ersten Minuten, in denen Kirikus Geschichte erzählt wird, fühlt man sich an vergangene Tage erinnert: Als Zeichentrickfilme tatsächlich noch gezeichnet und die Animationen nicht am Computer erstellt wurden. Während sich Filme wie Toy Story (1995), Die Monster AG (Monsters, Inc. , 2001) oder Ice Age (2002) gegenseitig mit immer perfekteren Animationen überbieten und die Anzahl der virtuell erstellten Haare im Fell eines Tieres ein Qualitätsmerkmal darstellt, setzt Kiriku und die wilden Tiere (Kirikou et les bêtes sauvages, 2005) auf andere Effekte: Der Charme der Figuren liegt in der Art und Weise der Zeichnungen begründet, die eckig und kantig sind. Grundformen und -linien spielen eine größere Rolle als realistische Details.
Jede Figur hat individuelle Merkmale, die meist überhöht sind und dennoch eine gewisse Realität widerspiegeln. Die Frauen der afrikanischen Sippe, der auch Kiriku angehört, sind keine Disney-Schönheiten: Die eine ist klapperdürr, die andere hat Hängebrüste, eine dritte ein sehr breites Becken und ein ausgeprägtes Kinn. Auch die Kinder besitzen Charaktergesichter und unterscheiden sich sehr voneinander, vor allem Kiriku fällt auf, denn er ist der kleinste von allen. Auf realistische Proportionen haben die Regisseure Michel Ocelot und Bénédicte Galup dabei keinen Wert gelegt; Kiriku reicht den Erwachsenen gerade mal bis zu den Knien. Trotzdem ist er der schlauste des Stammes, der auf jede Frage eine Antwort weiß und jedes Problem lösen kann.

Dass dieses Konzept aufgeht, hat sich schon bei dem Vorgänger Kiriku und die Zauberin (Kirikou et la sorcière, 1998) gezeigt, der ebenfalls unter der Regie von Michel Ocelot entstand und in Frankreich ein großer Kassenschlager wurde. Wie schon im ersten Teil entwirft der in Guinea aufgewachsene Ocelot das Portrait einer afrikanischen Landbevölkerung, die fernab der Zivilisation ihren Alltag bestreitet: Ein alter weiser Mann berichtet voll Bewunderung von den Heldentaten Kirikus. Dabei ergibt seine Erzählung keine abgerundete Handlung, vielmehr reiht er verschiedene Episoden aneinander, die den harten Überlebenskampf eines Dorfes in der Nähe des Kilimandscharo schildern. Durch die gegenseitige Unterstützung sowie Kirikus Schläue und Mut schaffen es die Dorfbewohner immer wieder sich gegen Plagen zur Wehr zu setzen und Dürre und Krankheit zu trotzen.
Die episodische Erzählweise ist für einen Kinderfilm ungewöhnlich und verhindert eine Identifizierung mit den Figuren. Statt mitzufiebern ist man sich als Betrachter immer darüber im Klaren, ein Zuschauer zu sein. In diesem Sinne ist auch der abrupte Beginn des Films zu verstehen, der nahtlos an Kiriku und die Zauberin anknüpft und damit quasi die ‚erste Episode’ fortsetzt. Ohne Einführung wird man in die mit der Errettung Kirikus beginnende Handlung hineingeworfen. Aus welchem Grund er in Lebensgefahr geschwebt hat, entzieht sich dem Betrachter. Das führt dazu, dass man in den ersten Minuten an den Fähigkeiten des Filmvorführers zweifelt. Erst nach und nach wird klar, dass dies tatsächlich der Anfang des Zeichentrickfilms ist. Die Orientierungslosigkeit weicht langsam einem Gefühl der Unzufriedenheit, an dem Vorangegangenen nicht Teil gehabt zu haben. Da hilft auch Michel Ocelots Beteuerung nicht, Kiriku und die wilden Tiere sei keine Fortsetzung.

Dennoch ist der Film schön anzusehen, wenn man hinter die Geschichte blickt und die vor allem durch die Musik transportierten Bezüge zu Afrika auf sich wirken lässt. Nach jeder bekämpften Gefahr versammeln sich die Freunde und Nachbarn Kirikus um dessen Heldentaten zu feiern: „Kiriku, Kiriku, Kiriku, alles was er tut, macht er richtig gut“. Was im ersten Moment ein bisschen nach ‚Reim dich oder ich fress dich’ klingt, weckt mit der Zeit in Wort und Klang Assoziationen einer mit Afrika verbundenen Lebensfreude. Verantwortlich für die völlig auf orchestrale Elemente verzichtenden Melodien ist unter anderem der Senegalese Youssou N’Dour, der in den 90ern mit dem Lied Seven Seconds seinen internationalen Durchbruch feierte.
Anders als in den animierten Filmen der letzten Jahre üblich, wird hier ein sehr realistisches Märchen ohne Hang zum Kitsch erzählt. Die Hexe Karabag, die den Dorfbewohnern immer wieder Steine in den Weg legt, ist letztlich nichts anderes als eine Metapher für das Schicksal, das nur durch den Zusammenhalt und den besonderen Wert der Familie überwunden werden kann. Einzig die verzerrte Stimme des bösen Fetisch erinnert doch wieder an Hollywood-Klischees und fügt sich so gar nicht in diesen Film ein, der ansonsten auf Althergebrachtes verzichtet. Das ein oder andere Manko ändert jedoch nichts daran, dass Kiriku und die wilden Tiere Klein und (besonders) Groß in seinen Bann ziehen wird. Es ist eben ein Zeichentrickfilm der anderen Art.
Filmkritik von Sarah Hergenroether
Veröffentlicht am 28.08.2006
Kommentare zu Kiriku und die wilden Tiere
Es gibt bisher noch keine Kommentare.
Hinterlassen Sie hier Ihre Meinung oder Anmerkungen zu Kiriku und die wilden Tiere. Kommentare werden in der Regel innerhalb eines Tages freigeschaltet.
Kommentar schreiben
Blog: Berlinale im Dialog

Verfolgen Sie das Festivalgeschehen der Berlinale auch im deutsch-französischen Berlinale-Blog des DFJW auf critic.de/berlinale-im-dialog
Film-Angaben
Titel: Kiriku und die wilden Tiere
Originaltitel: Kirikou et les bêtes sauvages
Frankreich 2005
Laufzeit: 75 Minuten
Regie: Michel Ocelot, Bénédicte Galup
Drehbuch: Michel Ocelot, Bénédicte Galup, Marie Locatelli, Philippe Andrieux
Produktion: Didier Brunner
Kinostart: 05.10.2006
DVD-Angaben
Titel: Kiriku und die wilden Tiere
Vertrieb: Al!ve AG
Bild: 1,85:1, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 2.0/Stereo), Französisch (DD 2.0/Stereo)
Untertitel: Deutsch
Altersfreigabe: ohne Altersbeschränkung
Spieldauer: 72 Minuten
Extras: Making Of; Trailer
Verleih ab: k.A.
Verkauf ab: 20.04.2007
Copyright Kiriku und die wilden Tiere
Fotos: © Alamode
BERLINALE 2012

Unser Special zur Berlinale 2012 - schon jetzt mit Trailern und Vorab-Infos zu den Filmen! www.critic.de/berlinale/
Berlinale 2012: Empfehlungen
Filmempfehlungen für Forum, Forum Expanded und Panorama der 62. Internationalen Filmfestspiele Berlin. weiter
Aktuelle Filme
The Firm
R: Alan Clarke
Der Junge mit dem Fahrrad
R: Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne
Hugo Cabret
R: Martin Scorsese
Boardwalk Empire
R: Timothy Van Patten, Allen Coulter ...
Neu im Kino
02.02.2012
Underworld Awakening
R: Måns Mårlind, Björn Stein
Die Summe meiner einzelnen Teile
R: Hans Weingartner
Dame, König, As, Spion
R: Tomas Alfredson
Moneyball
R: Bennett Miller
26.01.2012
Michael
R: Markus Schleinzer
26.01.2012
Ein riskanter Plan
R: Asger Leth
Arirang - Bekenntnisse eines Filmemachers
R: Kim Ki-duk
The Artist
R: Michel Hazanavicius
Drive
R: Nicolas Winding Refn
Demnächst im Kino
Der Junge mit dem Fahrrad
R: Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne
Hugo Cabret
R: Martin Scorsese
Die Unsichtbare
R: Christian Schwochow
In Darkness - Eine wahre Geschichte
R: Agnieszka Holland
Black Gold
R: Jean-Jacques Annaud
Don 2
R: Farhan Akhtar
Take Shelter
R: Jeff Nichols
Shame
R: Steve McQueen
Beauty
R: Oliver Hermanus
Das Turiner Pferd
R: Béla Tarr
Der Schnee am Kilimandscharo
R: Robert Guédiguian
Viva Riva
R: Djo Munga
Der Preis
R: Elke Hauck
Young Adult
R: Jason Reitman
Der perfekte Ex
R: Mark Mylod
Der König von Bastøy
R: Marius Holst
Kill Me Please
R: Olias Barco
Martha Marcy May Marlene
R: Sean Durkin
Das Leben gehört uns
R: Valérie Donzelli
Beloved
R: Christophe Honoré
The Yellow Sea
R: Na Hong-jin
Aktuell im TV
Motel
Mi 08.02, 22:10 Uhr, Kabel Eins
Waltz with Bashir
Nacht von Mi auf Do, 08.02-09.02., 02:00 Uhr, arte
Berlin is in Germany
Do 09.02, 20:45 Uhr, kultur (ZDF digital)
Metropolis - restaurierte Fassung
Do 09.02, 21:00 Uhr, 3sat
Spur der Steine
Fr 10.02, 22:25 Uhr, 3sat




