Kinshasa Collection – Kritik

Antikoloniale Ungewissheiten: Die Webserie Kinshasa Collection wirkt immer wieder unfertig, uneindeutig und ohne eigene Handschrift. Umso besser, denn auf diesem Weg feiert sie ein utopisches Versprechen der Mode.

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Am Ende seiner famosen 800-seitigen oral history über den Kongo beschreibt der Belgier David van Reybrouck eine globalisierte Wirklichkeit, in der der Westen keine Rolle mehr spielt. In den labyrinthischen Elektronikmärkten Guangzhous, wo Kantonesen und Kongolesen rund um die Uhr Deals machen, ist er, der liberale, neugierige Journalist, die einzige Langnase. Und niemand schert sich um ihn. Für uns ans welthistorische Rampenlicht gewöhnte Europäer schmeckt das vielleicht noch nach Zukunft, aber allen laut tönenden Rückzugsgefechten der verglühenden Imperialmächte zum Trotz (Brexit, America First, Europa der Völker etc.) gibt es bereits Welten, in denen die alte Logik von globalpolitischem Zentrum und seiner Peripherie keine Bedeutung mehr hat. Und irgendwann brauchen wir vielleicht auch keinen europäischen Schriftsteller mehr, um uns glaubwürdig von diesen Welten zu berichten. Solch dekoloniale Sphären zu erkennen heißt für unsereins, oftmals lieb gewonnene Privilegien zu ver-lernen, sich im Entwöhnen zu üben. Konfusionen zuzulassen, wo politisch fragwürdige Sicherheiten waren. Offene Ausgänge geschlossenen Formen vorzuziehen. „Ja“ zu sagen zu Ungewissheiten. Wenn Dorothee Wenner ungefähr in der Mitte ihrer kostenlosen sechsteiligen Web-Serie Kinshasa Collection in einem Multikulti-Viertel in Guangzhou vor einer Restauranttür steht und verschüchtert grinsend sagt: „Man kommt auch ohne uns gut aus auf der Welt“, ist das ein klares Nicken in Richtung van Reybrouck. Araber, Afrikaner, Asiaten huschen hinter ihr rein und raus, alle mit Zielen und Gründen. Und sie, die Regisseurin, die schon lange die Kontrolle über ihr Projekt verloren hat, steht da und staunt. Vielleicht ist dieser Moment das heimliche Zentrum dieses überallhin strebenden, meist faszinierend ungeformten Projekts, das so sehr ins Doppeldeutige und Unklare verliebt ist, dass es sich manchmal selbst verliert. Und genau deswegen sehr sehenswert ist.

Geplante Spontaneität

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Kinshasa Collection erforscht Ungewissheiten auf vielerlei Pfaden, seien es formale, ästhetische oder erzählerische. Im Herzen ist die Serie eine klassische Culture-Clash-Comedy über ein nur auf den ersten Blick idealistisches Filmteam (Wenner, Pascal Capitolin, Jana Keuchel), das für einen Wettbewerb um die Förderung afrikanisch-deutscher Kulturprojekte einen Trailer über die Modeszene der kongolesischen Hauptstadt Kinshasa dreht. Das geschieht in der gerade für postkoloniale Themen beliebten, weil Ambivalenzen nachfühlenden Form der Mockumentary, genauer gesagt als ein inszeniertes Making-of über die Tücken interkultureller Projektarbeit. Viele ineinander verschachtelte Ebenen von meta und real also. Und wie es sich für eine Culture-Clash-Comedy gehört, werden viele Momente von Social Awkwardness ausgekostet („Ich freu mich auf die Affen in Kinshasa“ – „Die Bonobos“?). Aber die Vorzeichen sind auf clevere Weise von Anfang an verkehrt. Es ist nämlich gerade nicht das afrikanische Chaos, das das durchgeplante europäische Projekt schnell ins Straucheln bringt, sondern die chaotischen Zustände innerhalb des Filmteams selbst. Die Weißen sind herrisch und unflexibel, während die Kongolesen, geübt im Improvisieren und im Umgang mit Unvorhergesehenem, locker auf alle Hindernisse reagieren können. Guter politischer, weil festgefügte Rollenbilder unterlaufender Humor ist das, wenn die Stringer (Tshoper Kabambi, Cedrick Nzolo) der von weither gereisten Filmcrew immer wieder mangelnde Professionalität und schlechte Planung vorwerfen.

Schnitte mit Ansage

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Ästhetisch zentral ist dabei die Ungewissheit, was an Kinshasa Collection vorgefunden (lies: dokumentarisch) und was erfunden (fiktiv) ist. Wobei das nicht als unvereinbarer Gegensatz zu verstehen ist. Die Dichotomie eines der Wahrheit verpflichteten dokumentarischen und eines mit der Illusion paktierenden fiktionalen Modus ist ja zum Glück schon seit Langem aufgeweicht. Was nicht heißt, dass man mit diesen Polen nicht wunderbar spielen kann. Kinshasa Collection macht genau das, und zwar im hyperexpressiven Modus. Die Form des Behind-the-scenes wird genutzt, um die eigene Gemachtheit ständig zu betonen. Kamerabewegungen werden durch Kommentare vorbereitet („Vorsicht, Stein“), Schnitte kommen mit Ansage („Mach mal aus“). Aber all das ändert natürlich nichts daran, dass die Kamerafrau/Protagonistin Jana auf stockfinsteren Hinterhöfen in Kinshasa de facto vor Steinen gewarnt werden muss, dass sich Menschen vor der Kamera wegdrehen, weil sie wirklich nicht gefilmt werden wollen, dass also die Inszenierung real ist. Man könnte diese real/fake-Dynamik vielleicht gut so beschreiben: Innerhalb eines klar erkennbaren fiktionalen Rahmens werden dokumentarische Unwägbarkeiten zugelassen. Überraschungen können sich ja ohnehin nur vor einem Hintergrund des Erwarteten abzeichnen. Manchmal wird der an sich sympathisch offenherzige Umgang mit der Gestaltung des Vorgefundenen aber auch clumsy. Vor allem die deutschen Schauspielenden scheinen mit dem Konzept der Scripted Reality eindeutig größere Probleme zu haben als die kongolesischen, die ziemlich locker zwischen den Realitätsebenen changieren können. Hölzerne Gesprächsszenen mit Personen, die versuchen, sich selbst zu spielen (nichts ist schwerer als das), sind die Konsequenz. Wirklich unangenehm deutlich wird die Inszeniertheit aber nur bei einzelnen Plottwists („You have to go to China“), wenn das die Serie sonst charakterisierende spontane Element als etwas Vorbereitetes, Geplantes zutage tritt. KC ist eine Serie, die ihre Mehrdeutigkeiten immer wieder in die Waagschale wirft und auch manchmal ins Straucheln gerät.

Damned if I do, damned if I don’t

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Diese inszenierte Selbstdemontage der vor und hinter der Kamera Verantwortlichen touchiert dabei ein klassisches Topos postkolonialen Kulturschaffens: die Malaise der mit ihren Privilegien ringenden Europäer, die immer ein gespanntes Verhältnis zu den ihnen verfügbaren öffentlichen Ressourcen behalten. Kinshasa Collection wurde unter anderem durch den TURN-Fonds der Kulturstiftung des Bundes gefördert – DAS Aushängeschild der bundespolitischen Kulturarbeit mit Afrika, das aber (weil die Gelder eigentlich nur für inländische Kulturarbeit eingesetzt werden dürfen) zwingend deutsche Beteiligung voraussetzt. So wurde TURN oft Zielscheibe für eine Kritik, die die afrikanische Seite bevormundet sieht. Kinshasa Collection nimmt diese zuwendungsrechtlichen Verrenkungen gleich zu Beginn aufs Korn, wenn die Entscheidungsträger des fiktiven Förderprogramms „Africa on Eye Level“, für das sich das Filmteam bewirbt, bedauern, dass alle afrikanischen Bewerber „schon in der ersten Runde“ ausgeschieden seien – weil es ihnen an professioneller Erfahrung mangele. Die von progressiven Institutionen gern propagierte transkulturelle Projektarbeit bleibt also ein Lippenbekenntnis. Aber die Alternative, gar keine Projekte mit Afrikabezug zu machen, kann ja auch niemand wollen. Und so bleibt Kinshasa Collection angenehm ambivalent in der Frage, was man denn nun von scheinbar gut gemeinten, letztlich aber knallharte Anti-Migrations-Politik unterfütternden Investitionsprogrammen wie dem unter deutscher G20-Präsidentschaft lancierten „Compact with Africa“ zu halten habe. Denn wie man es dreht und wendet: Mindestens genauso frustrierend wie solche hinter Entwicklungshilfe-Sprech verborgene Realpolitik ist die Ignoranz, mit der solchen Initiativen öffentlich begegnet wird. Merkels African Turn stieß auch bei den G20-Partnern auf taube Ohren, von der sich ständig weiter gegen Migration radikalisierenden deutschen Öffentlichkeit ganz zu schweigen.

Alles ist Business

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Was uns zu einer weiteren von Kinshasa Collection bearbeiteten Ungewissheit bringt, nämlich der, ob es sich hier um ein künstlerisches oder ein kommerzielles Projekt handelt. KC kann durchaus als dreieinhalbstündige Werbekampagne für eine gleichnamige Modelinie gesehen werden, die man in der letzten Episode per eingeblendeten Hyperlinks auch erwerben kann. Oder besser: Die Serie flirtet gekonnt mit der Unklarheit, ob sie nicht ein großer marketingtechnischer Streich ist. Wobei es sich bei der angepriesenen Up-Cycling-Mode um – nächste Volte auf der Spirale der Mehrdeutigkeiten – in China produzierte, in Kinshasa neu arrangierte Raubkopien bekannter Marken handelt. KC hat diebische Freude daran, eine westliche Geschmacks- und Rechtsvorstellungen unterwandernde Schattenökonomie zu entwerfen, die letztlich nur eine legitime Rache an der neokolonialen Weltordnung ist. Denn die kongolesische Textilindustrie wird seit jeher von den auf riesigen Kleidermärkten verhökerten europäischen Altkleidern geknebelt. Man kann das auf weite Teile Afrikas ausweiten. Perversion der Hilfsgeste: Hierzulande als humanistische Gabe eingesammelt, zwingen unsere Second-Hand-Klamotten im globalen Süden ganze Wirtschaftszweige in den Kollaps. Wenner kehrt damit zu einem von ihr schon mehrfach bearbeiteten Komplex zurück, wonach Kultur und Ökonomie in Afrika unentwirrbar ineinander verknotet sind. In Peace Mission porträtierte sie eine mit allen Wassern gewaschene Nollywood-Produzentin, die gekonnt Religiosität und Filmbiz jongliert, um Gewinne zu machen. Und in Drama Consult schickte sie eine Handvoll nigerianischer Businesspeople ins Herzstück der deutschen Wirtschaftsmacht, den Mittelstandssektor.

Idiotie und Risiko

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In KC agiert Wenner – erstmals selbst vor der Kamera – diese Ungewissheiten konsequent an der eigenen Person aus. Sie changiert ständig zwischen einer Übernahme des Manager-Gequatsches der Fördermittelgeber („Wir sind Top oder Flop“) und einer Kritik daran, wechselt von verbaler Überidentifikation mit Afrika zum Nachbeten von Stereotypen („Die haben da ja nicht mal Beton auf den Straßen“). Monika Rinck hat vor einiger Zeit ganz wunderbar beschrieben, was für ein Risiko es ist, sich zum Idioten zu machen. Wenner geht das Risiko ein. Es bleibt daher ein Wermutstropfen, dass die Serie als Ganzes manchmal kontraproduktiv mit solchen Entblößungen umgeht, weil sie Stereotype so oft wiederholt, dass sie sie eher verstärkt denn abbaut. Schlagendes Beispiel ist der jede Episode einleitende Recap: Zum einen wird da stets der Pitch vor der Auswahlkommission, der beim ersten Sehen noch clever-entlarvend ist, gezeigt – was uns letztlich vorführt, dass man ein sich konsequent entgrenzendes Projekt doch immer wieder auf ein paar Schlagworte eingrenzen kann. Schlimmer wiegt da, zum anderen, noch der jedes Mal wiederholte Allgemeinplatz vom Kongo als „Herzen der Finsternis“ – Klischees werden auch dadurch perpetuiert, dass man sie in kritischer Absicht wiederholt. Es wäre ja mal zu hoffen, dass jüngere Generationen bei Kinshasa zuerst an Sapeurs denken statt an Joseph Conrads problematischen Klassiker. Wobei dieser Text zugegebenermaßen nun in die gleiche Falle getappt ist.

Tod der Autorin in Kinshasa Collection

Eine weitere Ungewissheit, die Kinshasa Collection umkreist, zielt auf die schwer zu klärende Frage der Autorenschaft ab. Immer wieder muss Wenner die Regie abgeben. Meist hat das etwas mit der Hautfarbe zu tun – sie als weiße Frau würde in einem kongolesischen Markt zu viel Trubel produzieren, als Europäerin beim Feilschen in China die Preise hochtreiben. Auch das ist erstmal lustig, weil die Figur des panischen Chefs, dem die Felle davonschwimmen, ein komödiantischer Standard ist. Doch die politischen Implikationen gehen tiefer. Man mag an jüngere Filme Phillip Scheffners (die von ihm mitgeleitete Firma pong hat KC produziert) denken, die auch mit Gesten abgegebener Autorenschaft experimentiert haben (Havarie, And-Ek-Ghes). Immer wieder erkundet Kinshasa Collection Welten, die europäischen Personen insgesamt und professionellen Filmschaffenden im Besonderen unzugänglich sind. Spannend ist, was dann passiert. Manchmal wandert die Kamera in andere Hände, manchmal bleibt sie ausgeschaltet, manchmal vertrödeln sich Wenner und Keuchel die Zeit, zum Beispiel in multikulturellen Vierteln Guangzhous ohne Europäer. Man improvisiert im Rahmen der sich verändernden Möglichkeiten. Man integriert sich. Aber noch auf einer anderen Ebene spielt KC mit der Absage an Autoren-Letztbestimmung. Immer wieder ploppen interaktive Schaltflächen über das Video, die einen in Zeit und Netz anderswo hinbefördern. So kann man ganze Passagen der Serie überspringen. Meist sind das handlungsarme, eher atmosphärische Sequenzen, Spaziergänge durch Städte. Interessanterweise versteht KC die Web-Logik nämlich nicht als Gebot, sich unsteter Zuschaueraufmerksamkeiten durch Clip-Länge anzudienen (jede Episode dauert über 30 Minuten), sondern um breit, teils fast verschwenderisch zu erzählen. Wer das nicht will, kann weiterskippen. Reizvoller noch allerdings sind die Links, die zu anderen Filmen führen, meist eigenständigen Arbeiten der kongolesischen und chinesischen Protagonisten (die vielleicht, aber das weiß ich nicht, aus Mitteln von KC produziert sind). Darunter sind sehr schöne Kurzfilme wie der tagebuchartige Letter from Xiaobei von Zimu Zhang über ein von Gentrifizierung bedrohtes Einwandererviertel in Guangzhou oder der verspielte Théatre Urbain von Nelson Makengo, in dem ein alter Kinois Puppen von Barbie und Captain America den Kongo erklärt. Der Hauptfilm stoppt, wenn diese Link-Optionen fett in der Mitte erscheinen, und wird damit zur Plattform, um anderes zu präsentieren. Diese Gesten wirken nach, weil sie glaubwürdig die eigene Arbeit zum Vehikel degradieren, um die Filme anderer in den Mittelpunkt zu rücken.

Der humanistische Geist der Mode

Solche Unterbrechungen erzeugen zusammen mit dem als disponibel markierten Exzess-Material der „Skip-this“-Sequenzen und der prinzipiellen, sich selbst thematisierenden Gemachtheit der Serie eine ganz bewusst gewählte ästhetische Unfertigkeit, Unabgeschlossenheit, Offenheit. Die Nähte bleiben stets spür- und sichtbar. Und dieses Nach-Außen-Wenden des Inneren ist nach Barbara Vinken auch eine klassische Strategie der „Mode nach der Mode“ (lies: postmoderne Mode): die außen laufende Naht, der ornamental eingesetzte Reißverschluss. Für Vinken ist damit ein Paradigmenwechsel in der Geschichte der Mode verbunden, eine Umkehrung der Inspirationsflusses. Anstelle einer Top-Down-Bewegung, nach der die Laufstegmode ein paar Jahre nach den Shows, in entstellten Formen, die Trends der Alltagswelt bestimmte, ließen sich Designer wie Alexander McQueen und Rei Kawakubo seit den späten 1970ern bewusst von den Styles der Punks und Pimps inspirieren. Die Straße wurde zum Motor der Haute Couture. Kinshasa Collection ist eine Serie in diesem Geiste, ein Sich-Einlassen auf Styles und Ideen, die von anderswo kommen. Und eine Serie über den humanistischen Geist der Mode, denn im Fließen der Stoffe über verschiedene Hauttöne verbirgt sich hier ein fast utopisches Versprechen, das vereinigende Element des Sich-Unterschiedlich-Machens, der Gemeinsamkeit in Individualität. KC ist ein „Post-Projekt“, postkolonial, postdokumentarisch, postironisch. Will sagen, die Geister des Kolonialismus, der Dokumentation und der ironischen Zuspitzung wabern noch durch die Serie, aber sie sind nicht mehr sie selbst, sie sind Wiedergänger, die in Gewändern der alten Welt neue Grillen treiben.

Hier kann man sich die gesamte Serie ansehen: https://kinshasa-collection.com/

 

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