Kinsey
Dieses “Biopic” versucht, das Leben und die Arbeit des Sexualfoschers Alfred Kinsey zusammenzuführen; bemerkenswert Neues oder Skandalöses findet sich nicht.

Schon bevor Kinsey Ende 2004 in den USA in die Kinos kam, sorgte er dort für einige Aufregung. Konservative und vor allem christliche Kritiker wehrten sich dagegen, dass der Sexualforscher Alfred Kinsey mit dieser Verfilmung seiner Biographie in einem positiven Licht dargestellt werde, obwohl er doch, so seine Kritiker, Forschungsergebnisse verfälscht und zudem ein moralisch fragwürdiges Leben geführt habe.
Dass Kinsey das Thema menschliche Sexualität nicht nur theoretisch und vor allem statistisch erforschte – dies insbesondere in den beiden bedeutenden Studien Sexual Behavior in the Human Male und Sexual Behavior in the Human Female –, ist allerdings keine Neuigkeit, die erst mit Bill Condons Film in die Welt gesetzt wurde: Auch mehrere in jüngster Zeit erschienene Biographien, die zum Teil als Vorlage für das Drehbuch dienten, würdigen den vor fast fünfzig Jahren verstorbenen Kinsey, ohne deshalb sein Privatleben zu ignorieren, und auch T. C. Boyles neuer Roman Dr. Sex (The Inner Circle) setzt sich mit diesem Thema auseinander.
Condons Kinsey versucht denn auch, um Kinseys Leben einigermaßen gerecht zu werden, das Privatleben mit der Arbeit des Wissenschaftlers zu verbinden. Folgt man der angebotenen Deutung, bewegten Kinsey, der zunächst ein geradezu manischer Sammler und Erforscher von Gallwespen war, vor allem zwei Tatsachen dazu, eine gründliche statistische Untersuchung des menschlichen Sexualverhaltens zu beginnen: die eigenen Erfahrungen von Sexualität in seiner Ehe sowie die Erkenntnis, dass seine Studenten fast gar kein Wissen über die menschliche Sexualität besaßen. Kinsey entwickelte für seine Arbeit spezielle, damals bahnbrechende Interviewtechniken, die persönliche Einfühlung und große Toleranz gegenüber den Befragten mit weitgehender Anonymität verbanden und es so seinen Mitarbeitern ermöglichten, eine Vielzahl an intimen Details aus dem Leben der Befragten zu erfahren.

Die Vermischung von Kinseys persönlichem und wissenschaftlichem Interesse an Sexualität führt Condon mit dem Kunstgriff ein, dass er immer wieder schwarzweiß gefilmte Szenen einfügt, in denen Kinsey (Liam Neeson) von seinen Mitarbeitern zur eigenen Biographie befragt wird; dabei unterbricht er sie zuweilen, um ihnen Verhaltensregeln für solche Interviews zu erläutern. Diese Szenen präsentieren damit nicht nur die methodische Herangehensweise des Sexualforschers, sondern ermöglichen durch seine Antworten auch den Einsatz von Flashbacks, in denen seine persönliche Geschichte ausgebreitet wird. Die private Erzählung wird ihrerseits immer wieder von Szenen unterbrochen, in denen Kinsey bei seinen Vorlesungen und Vorträgen zu sehen ist, in denen man also weiteres über seine Forschungen und Ergebnisse erfährt.
Der ganze Film kreist so zwar um die Person Alfred Kinsey, doch bleiben die einzelnen Episoden oft eher unverbunden nebeneinander stehen; sie ergeben ein zwar breites, aber doch seltsam blutleeres Bild des Sexualforschers. So wirkt die Entwicklung vom Insekten- zum Sexualforscher zwar konsequent, doch seine Bereitschaft zu sexuellen Experimenten – die im übrigen nur angedeutet werden, einzig seine Neigung zur Homosexualität wird zurückhaltend in Szene gesetzt – scheint gewissermaßen aus dem Nichts zu kommen.

Kinsey wird keineswegs als Heiliger oder als unproblematische Persönlichkeit gezeigt; im Gegenteil wird er in Neesons Darstellung bei allem Einfühlungsvermögen, das er auch besitzt, zu einem zuweilen rücksichtslosen Egomanen, der oftmals Schwierigkeiten hat, emotionale Verletzlichkeiten, etwa seiner Mitarbeiter (dargestellt von Chris O´Donnell, Peter Sarsgaard, Timothy Hutton), zu berücksichtigen oder überhaupt zu bemerken. Auch tritt Kinsey seinen Kindern gegenüber so autoritär auf wie sein verhasster Vater ihm gegenüber, und bei gesellschaftlichen Anlässen ist es seine Frau Mac – grandios verkörpert von Laura Linney –, die sein oft wenig feinfühliges Verhalten abfängt.
An der Auseinandersetzung mit seinen Gegnern – die Rolle eines besonders verklemmten Professors an der Indiana University ist in einem Anfall von Ironie mit Tim Curry besetzt, dessen Gesicht auf ewig mit dem Transvestiten Frank´n´Furter aus der Rocky Horror Picture Show (1975) verbunden sein wird – geht Kinsey letztlich fast zugrunde. Regisseur Condon schenkt seiner Hauptfigur aber noch eine sehr emotionale Begegnung, die – mit dem Verweis darauf, dass die “sexuelle Revolution” der 60er und 70er Jahre auch eine Folge von Kinseys Arbeiten ist – verdeutlicht, dass seine Arbeit nicht umsonst geblieben ist.
Kinsey, insgesamt eher konventionell inszeniert und streckenweise langatmig, taugt kaum zum Skandalon, selbst wenn gelegentlich teilweise unbekleidete Körper zu sehen sind. In den Reaktionen auf den Film und damit auch der öffentlichen Thematisierung von Kinseys Werk wird aber deutlich, wie wichtig und notwendig die Arbeit des Sexualforschers war und wie groß der Widerstand gegen einen selbstverständlichen Umgang mit Sexualität vielerorts nach wie vor geblieben ist.
Filmkritik von Rochus Wolff
Veröffentlicht am 22.03.2005
Kommentare zu Kinsey
Es gibt bisher noch keine Kommentare.
Hinterlassen Sie hier Ihre Meinung oder Anmerkungen zu Kinsey. Kommentare werden in der Regel innerhalb eines Tages freigeschaltet.
Kommentar schreiben
Blog: Berlinale im Dialog

Verfolgen Sie das Festivalgeschehen der Berlinale auch im deutsch-französischen Berlinale-Blog des DFJW auf critic.de/berlinale-im-dialog
Film-Angaben
Titel: Kinsey
USA 2004
Laufzeit: 118 Minuten
Regie: Bill Condon
Drehbuch: Bill Condon
Produktion: Gail Mutrux
Darsteller: Liam Neeson, Laura Linney, Chris O´Donnell, Peter Sarsgaard, Timothy Hutton, John Lithgow, Tim Curry
Kinostart: 24.03.2005
Copyright Kinsey
Fotos © 20th Century Fox
BERLINALE 2012

Unser Special zur Berlinale 2012 - mit Kritiken, Empfehlungen und Trailern. www.critic.de/berlinale/
Berlinale 2012: Empfehlungen
Filmempfehlungen für Forum, Forum Expanded und Panorama der 62. Internationalen Filmfestspiele Berlin. weiter
Berlinale: Kritiken
Die Wand
R: Julian Pölsler
Barbara
R: Christian Petzold
Revision
R: Philip Scheffner
Caesar Must Die
R: Paolo Taviani, Vittorio Taviani
Death for Sale
R: Faouzi Bensaïdi
Aujourd'hui
R: Alain Gomis
Extrem laut und unglaublich nah
R: Stephen Daldry
Neu im Kino
09.02.2012
Die Unsichtbare
R: Christian Schwochow
Der Junge mit dem Fahrrad
R: Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne
Hugo Cabret
R: Martin Scorsese
In Darkness - Eine wahre Geschichte
R: Agnieszka Holland
Black Gold
R: Jean-Jacques Annaud
02.02.2012
Moneyball
R: Bennett Miller
Die Summe meiner einzelnen Teile
R: Hans Weingartner
Underworld Awakening
R: Måns Mårlind, Björn Stein
Dame, König, As, Spion
R: Tomas Alfredson
Demnächst im Kino
Gefährten
R: Steven Spielberg
Extrem laut und unglaublich nah
R: Stephen Daldry
Don 2
R: Farhan Akhtar
Take Shelter - Ein Sturm zieht auf
R: Jeff Nichols
Shame
R: Steve McQueen
Beauty
R: Oliver Hermanus
Barbara
R: Christian Petzold
Das Turiner Pferd
R: Béla Tarr
Der Schnee am Kilimandscharo
R: Robert Guédiguian
Viva Riva
R: Djo Munga
Kaddisch für einen Freund
R: Leo Khasin
Der Preis
R: Elke Hauck
Young Adult
R: Jason Reitman
Der perfekte Ex
R: Mark Mylod
Der König von Bastøy
R: Marius Holst
Kill Me Please
R: Olias Barco
Martha Marcy May Marlene
R: Sean Durkin
Das Leben gehört uns
R: Valérie Donzelli
UFO in Her Eyes
R: Xiaolu Guo
Beloved
R: Christophe Honoré
The Yellow Sea
R: Na Hong-jin
Leb wohl, meine Königin!
R: Benoît Jacquot
Neu auf DVD
Crazy, Stupid, Love.
R: Glenn Ficarra, John Requa
Sieben Tage Sonntag
R: Niels Laupert
Boardwalk Empire Season 1
R: Timothy Van Patten, Allen Coulter ...
Aktuell im TV
Cincinnati Kid
So 12.02, 20:15 Uhr, arte
Neandertal
So 12.02, 20:15 Uhr, kultur (ZDF digital)
L.A. Confidential
Nacht von Mo auf Di, 13.02-14.02., 02:00 Uhr, arte
Im Schatten
Di 14.02, 20:25 Uhr, 3Sat
Hotel Ruanda
Nacht von Di auf Mi, 14.02-15.02., 00:15 Uhr, BR














