Kinder. Wie die Zeit vergeht.

Mit intimen Interviews und stimmungsvollen Aufnahmen der sächsischen Industrielandschaft erzählt Thomas Heise in seiner Dokumentation von einer Familie aus Halle-Neustadt.

Kinder. Wie die Zeit vergeht.

Jeanette wirkt mit ihren 24 Jahren schon reichlich abgeklärt und vom Leben gezeichnet. Seit sie sich allein um ihre beiden Kinder kümmern muss, fühlt sie sich nicht mehr wohl in ihrer Plattenbausiedlung. Was die Zukunft ihrer Söhne angeht, zeigt sich die junge Frau pragmatisch: Ihren Ältesten Tommy, ein typisches Problemkind, hat sie schon abgeschrieben. Den Jüngeren, so sagt sie optimistisch, kriegt sie aber noch hin.

Wie schon in Stau (1992) und Neustadt (1999) porträtiert Heise in Kinder. Wie die Zeit vergeht. Menschen aus Halle-Neustadt, einem Stadtteil, der nach der Wende von einer enormen Bevölkerungsabnahme und starkem Verfall geprägt war. Auf das als Prolog übertitelte Gespräch folgt ein achtjähriger Zeitsprung nach vorne: Jeanette arbeitet inzwischen als Busfahrerin, hat wieder einen Mann und nun auch eine Tochter. Um Jeanette soll es im restlichen Film aber nicht gehen, sondern um die jüngeren Familienmitglieder. Da wäre etwa Tommy, der Schwierigkeiten in der Schule hat und seine Freizeit mit einem Knasti verbringt, Paul, der ganze Stolz der Familie, aber auch Jeannettes kleiner Bruder Tino, der mit seiner rechten Gesinnung bei den Eltern aneckt.

Kinder. Wie die Zeit vergeht.

Obwohl in Kinder. Wie die Zeit vergeht. eine Familie im Mittelpunkt steht, gibt es nur wenige Momente eines familiären Miteinanders. Heise widmet sich den Menschen getrennt, führt mit ihnen persönliche Gespräche, hält ihren Alltag in kurzen und prägnanten Einstellungen fest und zeigt, wie einsam und verletzlich sie eigentlich sind. Diese Darstellung einer Familie aus der „Unterschicht“ ist der sensationalistischen Vorgehensweise verbreiteter Doku-Soap-Formate wie Frauentausch genau entgegengesetzt. Statt möglichst spektakuläre Konflikte zu provozieren, beschäftigt sich der Film mit der Befindlichkeit der Einzelnen. So wird zwar immer wieder das schwierige Verhältnis zwischen Tommy und seiner Mutter oder Tino und seinem Vater in den Interviews angesprochen, zu einer Konfrontation der verfeindeten Parteien kommt es aber nicht.

Kinder. Wie die Zeit vergeht.

An einigen Stellen hört man Heise aus dem Off eine Frage stellen, ansonsten hält sich der Regisseur, selbst bei kontroversen Äußerungen, zurück. Nie greift er als moralische Instanz in das Geschehen ein. Man könnte dabei von einer wohldosierten Empathie gegenüber den Porträtierten sprechen, die weder pathologisiert noch alles menschlich nachvollziehbar machen will. Einen etwas bissigen Kommentar zu Nazi Tino kann sich Heise aber dennoch nicht verkneifen: Auf die abfällige Äußerung des Jungen über das „Durcheinander  verschiedener Völker“ schneidet Heise eine Einstellung, die Tino beim Abendessen in einem chinesischen Restaurant zeigt.

Angesichts der sachlich aufgenommenen Interviews könnte man meinen, Kinder. Wie die Zeit vergeht. sei eine unterkühlte Schilderung ostdeutscher Tristesse. Zwar zeigt auch Heise hässliche Plattenbausiedlungen und behandelt Themen wie Arbeitslosigkeit und Rechtsradikalismus, jedoch findet er einen einprägsamen filmischen Stil, der über bloßen Realismus hinausgeht. Fast die Hälfte des Films über zeigt er romantische Aufnahmen von verfallenen Gebäuden oder der traumhaft wirkenden Industrielandschaft bei Nacht. Dem scheinbar trostlosen Leben der Menschen in Halle-Neustadt verleiht Heise eine ganz eigene Schönheit. Die Entscheidung, den Film in Schwarzweiß zu drehen, führt zu einer weiteren Stilisierung des Gezeigten.

Kinder. Wie die Zeit vergeht.

Auch auf der Tonebene schleichen sich mal auffällige, mal subtilere Mittel ein, die mit einem vermeintlichen Realismus brechen. Das an mehreren Stellen künstlich eingesetzte Vogelgezwitscher konfrontiert den Alltag der porträtierten Menschen mit der klischeehaften Vorstellung einer Idylle. Wie in seinem bei der diesjährigen Berlinale uraufgeführten Kompilationsfilm Material verfremdet Heise das Dokumentarische seines Films an einer Stelle mit der artifiziellen Musik des englischen Komponisten Charles Ives. Eine Silvesterfeier der Jungen wird so in eine unwirkliche Gegenwelt verlagert. Heises Weigerung, eine Entwicklung der Jungen oder gar ein hoffnungsvolles Ende zu konstruieren, spiegelt sich dann auch programmatisch im Titel von Ives Stück wieder: „The Unanswered Question“.

Kommentare


cnongs

Der Film ist die absolute asche und bringt niemanden etwas, es gab schon einen ersten Teil, der genauso mist war. Dieser Film ist eine Falschdarstellung und zeigt nicht die aktuelle Situation in Halle-Neustadt.

Er ist plump gemacht, da er nur eine einseitige, negative, depressive, gedrückte Stimmung verbreitet und das noch in Graustufen wieder gegeben

Ich kann nur hoffen das der Filmmacher dafür nicht noch Geld bekommen hat.

Es war eine Zumutung diesen Film zu sehen. Zum Glück war die Sendezeit recht spät, mir tun trotzdem alle leid, die ihn sahen und dadurch ihre Zeit verschwendet haben, weil sie am ende vielleicht hofften, wenigstens noch ein paar Bilder ihrer Stadt zu sehen.

Ich bin mir sicher, dass kein Halle-Neustädter diesen Film noch einmal sehen möchte. Ein möglicher Verwendungszweck wäre als Negativ-Beispiel für Lehrzwecke.

Sehr geehrter Herr Filmemacher, ich möchte Sie hiermit bitten, bitte keine weiteren Filmreportagen zu produzieren und zu zeigen.

Der Ansporn eines Filmemachers sollte es doch sein, den Zuschauer etwas zu geben (Liebesgefühle, Witz, Spannung, Motivation, Erkenntnisse) und wenn er das nicht kann, dann sollte er wenigstens versuchen einen realistischen Film zu produzieren und nicht mit einer Anti-Haltung gegenüber der Bevölkerung eine Negativ-Stimmung erzeugen.

Halle-Neustadt hatte 1989 mit 43 % den höchsten Akademiker Anteil in der arbeitenden Bevölkerung und es war die jüngste Stadt mit einem Durchschnittsalter von 23. Ihre Kinder sind jetzt Erwachsen. Bitte verunglimpfen Sie ihre eigene Stadt.


Michael Klawitter

Der Kommentar spricht für sich selbst, im wahrsten Sinne des Wortes. Nur. hat "cnogs" den Film nicht verstanden, auch weil er nicht "dahinter" zu sehen vermag. Nein, es ist in ganz großer Film - gehört allerdings nicht ins Genre "Heimatfilm".... auch wenn es Landschaftsbilder von ungeheurer Eindrücklichkeit (gerade wegen der SW-Verwendung) gibt. Ich verstehe "cnogs" Verbitterung vielleicht damit, daß ihm das offensichtliche, positive seit der Wendezeit nicht im Film vor kommt. Aber dieser Film ist eben kein Werbefilm für die mitteldeutsche Zeit nach 1990.


Bartleby

Stumpf geht der Mensch zugrunde.
Dieser Film ist eine Offenbarung. Nicht weil er etwas über das Leben in der ostdeutschen Platte, über das Leben in Halle-Neustadt erzählt, sondern weil er von der Existenz an sich redet bzw. vielmehr schweigt. Nicht umsonst löst der Film soviel Widerspruch aus: das Problem ist, dass Heise als Chronist der Nachwendezeit in Ostdeutschland gilt, doch dieser Film müsste sich deutlich von dieser engen Vereinnahmung distanzieren, es geht nicht um Ostdeutschland, auch wenn diese Kulisse für einen solchen Film mehr als passend erscheint, es geht um viel mehr. Eine Parabel auf die Sprachlosigkeit, die Nichtigkeit, die Demütigung der Existenz. Über Trug, Illusion und Indoktrination einer erschöpften, einer verirrten Zivilisation. Dumpfheit und Depression. Verirrung und Verblendung. Existentialismus in Reinform. Das ist gewagt. Das ist grenzwertig. Das ist groß. Selten zuvor habe ich Ciorans Wort, dass es für den Menschen besser gewesen wäre, nie zu existieren, in derart filmischer Klarheit gesehen. Jedem dieser Gestalten würde man zuallererst wünschen, nie geboren zu sein oder wie Cioran schreibt: „Wenn jeder begriffen haben wird, dass das Geborensein eine Niederlage ist, dann wird die Existenz endlich erträglich werden ... “
Ja, der Titel, schwierig ... wieso eigentlich hat Heise nicht den letzen Satz in dem Film auch zum Titel gemacht: „Der Mund entsteht mit dem Schrei.“ Besser geht’s doch nicht. Der Schrei hat nur Sinn, wenn ihn jemand hört. Hier aber würde er ungehört verhallen, als blasses Echo zwischen den Platten hin und her hallen, auf alle Zeiten. "Wie die Zeit vergeht" - das klingt jetzt fast wie eine Art Hoffnung, es werden andere Zeiten kommen, so recht glauben möchte man daran aber nicht.






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