Kilometre Zero

Nach Schildkröten können Fliegen (Lakposhtha hâm parvaz mikonand, 2004) drehte mit Hiner Saleem ein weiterer iranischer Regisseur einen Film im krisengeschüttelten Irak. Aus den Erinnerungen der Hauptfigur Ako, ein kurdischer Exil-Iraker, setzt Saleem ein Porträt des Golfstaates unter Hussein zusammen.

Kilometre Zero

Aus einer Laune heraus entscheidet der Kommandant einer Kaserne im Nordirak, welche verschleppten Zivilisten aus dem nahe gelegenen Dorf exekutiert werden und welche am Leben bleiben. Der kurdische Elektriker Ako (Nazmî Kirik) hat Glück, nach Verhör und Misshandlungen darf er zu seiner Frau Selma (Belcim Bilgin) und seinem kleinen Sohn zurück. Er steht nun jedoch vor der Einberufung und muss sich zwischen Exil, Widerstandskampf und Militärdienst entscheiden. Noch bevor der Weg ins anvisierte französische Exil geebnet ist, wird Ako eingezogen. Es ist das letzte Jahr des ersten Golfkrieges (1980-88).

Mit Kilometre Zero (Kilomètre zéro) rekonstruiert der Regisseur und Drehbuchautor Hiner Saleem (Wodka Lemon, Vodka Lemon, 2003) an Originalschauplätzen den Golfstaat, der im Zeichen von Saddam Husseins Diktatur steht. Darin ist das Militär das Hauptinstrument einer menschenverachtenden Willkür, unter der nicht nur die zivile Bevölkerung, sondern selbst Angehörige der Streitkräfte zu leiden haben. Saleem verzichtet für das Porträt des Unterdrückungsstaates auf die Inszenierung von Verbrechen, wie den Giftgasangriff auf Halabdscha im März 1988. Eine Texteinblendung erinnert jedoch an die zeitliche Nähe zum Massenmord an tausenden Kurden. Durch diese Kontextualisierung erscheinen die Einstellungen, die Akos permanente Demütigungen durch ranghöhere Offiziere zeigen als bloße Spitze eines Eisberges des Terrorregimes. In Saleems Inszenierung bleiben so die ungezeigten Gräueltaten unterschwellig präsent.

Kilometre Zero

Saleems Film verweilt nicht in der Welt des Militärs, einer Männergesellschaft, in der paradoxe Befehle und plötzliches Sterben auf der Tagesordnung stehen. In Kilometre Zero werden die Kriegsfilmelemente, die sich aus Kasernenleben, Grundausbildung und Artilleriebeschuss zusammensetzen, alsbald zu Gunsten der eines Roadmovies abgelöst, als sich Ako mit einem zivilen Fahrer (Eyam Ekrem) auf den Weg macht, um den Leichnam eines gefallenen Soldaten an dessen Familie zu übergeben.

Im Gegensatz zu den meisten Vertretern des Roadmovies steht das Reisemotiv hier nicht für die Identitätsfindung der Hauptfigur, vielmehr führt es Akos Dilemma vor Augen: als Kurde zwar geografisch einer Heimat zugehörig zu sein, die jedoch keine eigenen Grenzen aufweist und Teil eines für ihn fremden Landes ist. So nutzt Saleem die unfreiwillige Autofahrt Akos mit dessen arabischem Reisebegleiter als Metapher eines Konfliktes für den selbst die Figuren des Films keine Lösung zu finden im Stande sind. Ako, der sich längst für das Leben im Exil entschieden hat, vergegenwärtigt sich während der Fahrt den bevorstehenden Heimatverlust, den er durch ein Leben in Europa befürchtet.

Kilometre Zero

Neben der Autofahrt als Metapher des Konfliktes zwischen Kurden und irakischen Arabern durchzieht Saleems Film auch eine offensichtliche Symbolik. So ist der Diktator des Golfstaates omnipräsent, indem eine Saddamstatue, die auf einem Lastwagen transportiert wird, Ako und seinen Fahrer unentwegt verfolgt. Diese Eindeutigkeit der Bildsprache führt zur Unausgewogenheit des Films, denn die bedeutungsgeladenen Einstellungen treten immer wieder in Konflikt mit der figurenbetonten Erzählebene des Films. Als Folge kann die Inszenierung von Akos persönlichen Tragödien, wie dessen Trauer um einen gefallenen Armeefreund, bisweilen wie aufgesetztes Gefühlskino erscheinen.

Dennoch kristallisiert sich zwischen diesen beiden Polen der Inszenierung eine besondere Stärke des Films heraus, die sich ebenfalls als Dichotomie manifestiert. Einerseits fangen beeindruckend komponierte Kameraeinstellungen die atemberaubende Schönheit der Landschaft ein und übersetzen somit Akos Idealvorstellung von seiner Heimat in eine Bildform. In einer zurückgenommenen Inszenierung gelingt es Saleem andererseits die Befindlichkeiten der Bewohner einer Region nachzuzeichnen, deren Anpassung an Krieg und Terrordiktatur zum Alltag geworden ist.

Kilometre Zero

Die Weite der trockenen Berglandschaft nutzt Saleem auch um sie Akos neuem Lebensraum gegenüber zu stellen. Im Kontrast fährt Ako auf einer verregneten Landstraße im französischen Exil, auf der eine Sichtweite von kaum 50 Metern möglich ist. Durch die rahmende Erzählung im europäischen Exil ist Kilometre Zero auch ein Film über den tiefgreifenden Lebenseinschnitt, den ein Jahre währendes Exil bedeutet. Als Ako mit seiner Frau in deren Pariser Wohnung vom Sturz des Diktators erfährt, zeigt die letzte Einstellung einen Blick auf die dunstige Stadt, während die Exil-Iraker in der europäischen Landessprache jubeln. Mit der Aufgabe der Sprache in diesem persönlichen Moment des Triumphs scheinen Ako und Selma auch einen Teil ihrer Identität eingebüßt zu haben.

Kommentare


Judith Wolf

Hiner Saleem ist kein iranischer Regisseur, wie der Rezensent behauptet, sondern ist in Südkurdistan (Nordirak) geboren. Er versteht sich selbst als kurdischer Regisseur und es liegt ihm sichtbar am Herzen, einen Beitrag zum noch jungen kurdischen Kino zu leisten.
Auch Bahman Ghobadi, der aus Ostkurdistan (tatsächlich Iran) kommt, begreift sein Werk explizit als stilistisch vom iranischen differentes, kurdisches Kino.
Wer mit der kurdischen Gesellschaft, ihrem Humor und ihrer Trauer, ein wenig vertraut ist, kann die Prägung der Filme beider Regisseure durch die kurdische Kultur nicht übersehen.
Ansonsten ist die Rezension o.k.


newroz

Ich schließe mich Frau Wolf an. Es muss klar zwischen Irakern (also Arabern) und Kurden unterschieden werden. Das selbe gilt , wie sie ebenfalls unterstricht, für den großen Filmemache Ghobadi.
Desweiteren hätte in der Rezension mehr auf die Spannungen zwischen dem Iraker und den Kurden Ako eingegangen werden können, welche schließlich das gespaltene udn gespannte Verhältnis zwischen beiden Ethnien verdeutlichen.






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