Killer Joe

Keine Scham. Keine Gnade. Keine Helden.

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Es ist schon eine leidige Debatte, auf die man sich gar nicht mehr so recht einlassen mag. Deshalb gleich vorneweg, ohne irgendwas zu beschönigen: Es geht in William Friedkins neuem Werk Killer Joe um nichts als Sex und Gewalt. Ja schlimmer noch: Der Regisseur der so vielzitierten Genrefilme Brennpunkt Brooklyn (French Connection, 1971) und Der Exorzist (The Exorcist, 1973) wendet diese älteste aller Erfolgsformeln auch noch zum reinen Selbstzweck an. Mit sichtlich Spaß an der Sache erzählt Friedkin die Geschichte eines Killer-Cops, der engagiert wird, um den schwierigen Teil in der Durchführung eines hinterhältigen Familienkomplotts auszuführen. Mama Smith soll das Zeitliche segnen, denn die hat Rücklagen. In den USA wurde Killer Joe mit dem gefürchteten NC-17-Rating versehen, was dem kommerziellen Erfolg eines Films meist nicht sehr zuträglich ist.

Betrachtet man Friedkins garstige Thrillerkomödie, muss man jedoch annehmen, der Regisseur habe es darauf angelegt. Die Lust am Zusehen schöpft sich aus dem durchweg moralisch verwerflichen Handeln der Figuren. Ein schlechtes Gewissen oder langes Hin- und Herüberlegen gibt es bei den Smiths nicht, schließlich ist die Situation brisant und die Mutter ungeliebt. Getragen wird der Film jedoch am stärksten von Joes (Matthew McConaughey) Auftritten, der eine ambivalente Rolle als Gesetzeshüter und Gesetzesbrecher einnimmt. Die Stilisierung zum undurchsichtigen, überlegenen Bösewicht gelingt Friedkin durch viele Großaufnahmen, Körperfokussierungen und unterkühltes und selbstgefälliges Gerede. Schon praktisch, wenn man die „Aufklärung“ eines Mordes übernehmen kann, den man selbst begangen hat. Damit knüpft Friedkin an seine früheren Werke wie eben French Connection oder Leben und Sterben in L.A. (To Live and Die in L.A., 1985) an, die dem Kriminalfilm mit unethisch agierenden Polizistenfiguren neue Impulse geben konnten.

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Dann sind da aber noch der derbe Sexismus und die bonbonfarbene Gewalt. Nicht dass sich Killer Joe ausschließlich in expliziten Darstellungen suhlt, doch punktuell haut Friedkin so scham- und rücksichtslos auf die Pauke, dass man sich nicht so recht zwischen Belustigung und Abneigung entscheiden mag. Wohl oder übel fühlt man sich an tarantinoeske Gewalteskapaden erinnert, wobei bei Friedkin eine ungleich chauvinistischere Note mitschwingt. In einer Szene macht sich Joe in einem Anflug von Rage mit Fäusten und Konservendosen über Sharla (Gina Gershon), die zweite Ehefrau des Familienvaters Ansel (Thomas Haden Church), her. Das Geschlecht, so stellt sich heraus, ist dem muskulösen Brutalo egal, wenn er durch die Handlung eines anderen in den Nachteil gerät.

Diese und andere Szenen, in denen man Matthew McConaugheys Gewalttaten beiwohnt und die er in seiner Figur des Killer-Cops mit so viel Genuss am Sadismus ausführt, erhalten allerdings eine ganz besondere Komik, stehen sie seinen Rollen als sensibler RomCom-Lover, dessen nach hinten gegelte Welle man am liebsten kräftig verwuschelt hätte, doch diametral entgegen. Die Frisur ist das Einzige, was in Killer Joe davon übriggeblieben ist, nur dieses Mal thront der pechschwarze texanische Sheriffhut darauf. Die sensible Erscheinung des Traummannes weicht dem rauen Bild des durchtriebenen Unsympathen, dem zum Erreichen seiner Ziele jede erdenkliche Form von Unsittlichkeit Recht ist. Zum sentimentalen Liebhaber wird er zwar trotzdem, doch ist diese Liebe – welch Zynismus – eine erkaufte.

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Nun kann eine derartige Charakterzeichnung im zeitgenössischen Kino nicht mehr sonderlich frappieren. Das Grindhouse- oder Terrorkino lehrt uns jedoch, dass im schonungslosen Zeigen und Beschreiben des Sadistischen ein ungemeiner Reiz liegt, und sei es nur zum Zwecke des makabren Schauwertes. Genauso verhält es sich mit Killer Joe, auch wenn sich der Film nicht vollends der Beschuldigung des Selbstzweckhaften beugen muss. Eine Möglichkeit, der galligen Gewaltfantasie mehr abzugewinnen, ist nämlich, Killer Joe, ganz ähnlich wie ein Werk von Tarantino, als bunten Hommagefilm zu sehen.

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Elemente des Film noir blitzen vor allem in der Story und der Figurenkonstellation hervor. Chris (Emile Hirsch) ist der Prototyp des verzweifelten Kleinkriminellen, der es nicht schafft, seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen, und Dotty (Juno Temple) wird mit Zeitlupe und Nacktszenen zur unfreiwilligen Femme fatale ikonisiert. In der Inszenierung erinnert Friedkins Film an die fragwürdigen Triebe der populären Trashkultur. Mit schockartig auftauchenden Bildern der weiblichen Schambehaarung und einer wahrlich degoutanten Erotikszene zwischen Joe und der jugendlichen Dotty wird ein ordentliches Maß an Exploitation heraufbeschworen, was die starke Affektivität des Films auf die Spitze treibt: langsames Entkleiden nach männlicher Anweisung, eine voyeuristische Halbtotale der ganzen Nacktheit des kindlichen Körpers, dazu ein wolllüstiger Auftragskiller, dem die Vorfreude ins Gesicht geschrieben steht. Oh, diese gemeine Schaulust!

Sollte man sich bei so viel Bösartigkeit nicht entrüsten? Nun, eigentlich nicht. Killer Joe schafft, trotz der genauen geografischen Verortung, eine so artifizielle und hermetische, mit Metaelementen versehene Dystopie, in der Identifikationsmechanismen nicht ansatzweise greifen, dass man sich an solch grobem Unfug auch erfreuen darf. Killer Joe ist bitterböses Unterhaltungskino, das wirkt, solange es dauert. Zwar fühlt man sich nach diesem allerlei Schindluder treibenden Exzess irgendwie beschmutzt und strapaziert.  Aber als schlecht muss man das nicht empfinden.

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Kommentare


Stefan

Friedkin is back!

Wenn man sich zum Genre des harten Psychothrillers hingezogen fühlt und im Videotheken-Regal nach Friedkins neuestem Werk greift, wird man - so ging es mir jedenfalls - alles andere als enttäuscht. Mehr noch: Dieser Film, straff, atmosphärisch und mit einem McConaughey in der Rolle seines Lebens rangiert tatsächlich unter meinem Top-25 aller Zeiten.
Diese Bilder, diese Stimmung, exakt dies habe ich mir jahrelang gewünscht und jetzt ist es da. Danke, William Friedkin und alle, die da mitgewirkt haben!

PS: Man sollte vielleicht mal ein Buch schreiben übers Friedkins Protagonisten, viele davon unter den interessantesten der Filmgeschichte (French Connection, Cruising...)


Ulle

Schöne Kritik, genau so habe ich zugeschaut. Gerade die zweite Hälfte des Filmes ist meisterhaft inszeniert , obgleich mir das -bewusste- ( oder nicht?) Overacting von Hirsch an manchen Stellen sehr auf die Nerven gegangen ist. McConaughey hingegen ist eine echte Entdeckung und wirklich sehr, sehr böse .






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