Kill Your Darlings – Junge Wilde

John Krokidas zeigt in seinem Debütfilm die Anfänge der beat generation zwischen Aufbruchstimmung und Unheil.

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Wenn ein Student im Film auf einen Seminartisch springt, muss man als Zuschauer unwillkürlich „carpe diem“ murmeln. Das Setting von aufrührerischen jungen Männern hinter backsteinernen Collegemauern ist unauslöschlich ins Kinogedächtnis gebrannt und erscheint auch in John Krokidas’ goldbraun leuchtenden Bildern von Nostalgie umflort, selbst wenn sein Club prominenter toter Dichter in Sachen Sex, Drogen und Sprengung literarischer Formen ziemlich hemmungslos zur Sache geht. Der schnöselig-aufsässige Lucien Carr (Dane DeHaan) auf dem Tisch rezitiert zur Empörung der Lehrenden Zeilen von Henry Miller und wird im Folgenden, ohne selbst künstlerisch tätig zu sein, zum Magneten für die jungen Literaten Allen Ginsberg, William Burroughs und Jack Kerouac, die Protagonisten der künftigen beat generation, die sich 1944 an der New Yorker Columbia University erstmals über den Weg laufen. Kill Your Darlings - Junge Wilde erzählt den Gründungsmythos dieser legendären literarischen Bewegung, der auf einem Mord ruht.

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Mit der Aufsicht auf die im Hudson treibenden Leiche David Kammerers (Michael C. Hall) beginnt und schließt der Film, doch dazwischen geht es nicht so sehr um eine kriminalistische Auflösung wie um das Heraufbeschwören einer Stimmung, in der der Mord Lucien Carrs an seinem ihm nachstellenden Englischlehrer zum symbolischen Zentrum wird. Zu erzählen haben Krokidas und sein Co-Drehbuchautor Austin Bunn dabei jede Menge: vom Coming-of-Age des jungen Ginsberg (Daniel Radcliffe), der dank der Begegnung mit Carr sein künstlerisches und sexuelles Erwachen erlebt. Von einer literarischen new vision, die antritt, Form und Tradition zugunsten eines radikal subjektiven, freien Ausdrucks über Bord zu werfen. Von der US-Gesellschaft der letzten Kriegsjahre, in der zwischen Jazz und Frontberichten im Radio schon die restaurative McCarthy-Ära ihre Schatten vorauswirft – Jennifer Jason Leigh als mit ungekämmtem Haar durchs Haus tapsende, geistig verwirrte Mutter Ginsbergs wirkt wie die vorweggenommene Nachkriegs-Paranoia in Person. Von einer bigotten Rechtsprechung, die beim Mord eines Heteros an einem Schwulen wortwörtlich von honor slaying spricht. Von der Ehe des jungen Jack Kerouac (Jack Huston) mit Edie Parker (Elizabeth Olsen) zwischen Antibürgerlichkeit und unüberwundenen patriarchalen Mustern.

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Die Stofffülle bringt es mit sich, dass der Film vieles nur anreißt, doch seine Anlage ist zu sehr plot-getrieben, als dass man die bruchstückhafte Erzählweise zur formalen Absicht erklären könnte – eher ist es ein leicht orientierungsloses Drehbuch, das den titelgebenden Ratschlag William Faulkners zur Kunst des Weglassens selbst nicht so recht beherzigt. Andererseits ist es Krokidas anzurechnen, dass er seinen widerborstigen Stoff dramaturgisch nicht allzu sehr glättet. Immer wieder scheint Kill Your Darlings aus der Gediegenheit des akkurat ausgestatteten, treffsicher besetzten period piece ausbrechen zu wollen, die Form aufzurauen und auszubeulen – etwa wenn die Emotionen Ginsbergs bei einer Standpauke des Rektors oder bei einer rauschhaften Nacht in einer Jazzbar über verzerrte Tonspuren und Zeitlupen sichtbar werden. Oder wenn er beim Einbruch der vier Helden in die Bibliothek mit dem zeitgenössischen Soundtrack bricht und ihr Aufmischen des ehrwürdigen Bestands mit einem Song der US-Indierockband TV on the Radio untermalt.

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Was die immer heikle filmische Darstellung literarischen Denkens und Schaffens betrifft, so verharrt der Film oft auf der Ebene der Rezitation, lässt seine Figuren einander immer wieder einschlägige Stichworte zuwerfen. Eindrücklicher gelingt der Brückenschlag über Montage und Musik. Wenn die vier über Kammerers Bücherregal herfallen, wüst Seiten zerschnippeln und zu einer die Tapete bedeckenden Collage neu zusammenfügen, löst Krokidas diese Szene unter druckvollen Jazzrhythmen in einem Schnitt-Stakkato auf. Das mag nicht sehr innovativ sein, setzt aber die proklamierte formale Befreiung und Ablösung des Alten durch das Neue filmsprachlich wirkungsvoll um. Man wünschte Kill Your Darlings noch ein paar mehr solcher Momente, in denen die wilde Impulsivität der Figuren direkt in die Inszenierung schwappt.

Größtenteils bleibt der Film jedoch konventionelles, wenn auch dichtes und stimmiges Schauspielerkino. Burroughs (Ben Foster) und Kerouac werden mit lebhaft sprechenden Szenen eingeführt  – der eine stoned und im Anzug in der Badewanne, der andere mit einem Football einen weiblichen Akt von der Wand werfend. Vor allem der sportliche, breitschultrige Kerouac als Verkörperung eines ur-amerikanischen Schriftstellertypus ist trotz weniger Szenen sehr präsent. Michael C. Hall als Kammerer gibt eindringlich den Vertreter einer nur knapp älteren Generation, der die Geister, die er rief, nicht mehr versteht und verzweifelt nach Liebe und Anschluss sucht. Doch getragen wird der Film vom Zusammenspiel von Daniel Radcliffe und Dane DeHaan. Radcliffes durch nerdige Brillengläser staunend auf die Welt blickender Dichter-Zauberlehrling mag recht brav angelegt sein – umso kunstvoller gelingt es DeHaan im Kontrast, Ginsbergs Objekt der Begierde eine faszinierende erotische Aura zu geben, hinter Carrs sanft-provokativer Blasiertheit eine stetige Aggressivität lauern zu lassen.

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Bemerkenswert ist, dass Krokidas diese letztlich destruktive Figur zum eigentlichen Geburtshelfer der beat generation macht, ihre Mordtat zur Metapher einer mit Tod und Zerstörung flirtenden künstlerischen Strömung. Vielleicht ist die Unentschlossenheit der Form auch Ausdruck der schlingernden Haltung des Films zu seinem Stoff. Der Blick auf die beats und ihre Exzesse, so empathisch-fiebrig er bisweilen wird, scheint nie ganz frei von bürgerlichem Unbehagen. So bekommt auch eine plakative Sequenz gegen Filmende, die schwulen Sex, Mord und Drogenrausch gegeneinander schneidet, einen leicht konservativen Beigeschmack – als wäre der unbefangene Blick der Kamera auf den nackt seinen Liebhaber erwartenden Ginsberg nur gegen eine Montage zu haben, die Unschuldsverlust als Unheil heraufbeschwört.

Trailer zu „Kill Your Darlings – Junge Wilde“


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