Kill Me Please

Vor 20 Jahren wurde Benoît Poelvoorde als Mörder bekannt, der zumindest im deutschen Filmtitel einen Hund beißt. In Olias Barcos schwarzer Komödie will er nun nur noch ins Gras beißen.

Kill Me Please 1

„Ich war zuerst hier. Ich will zuerst sterben!“ Nach einem nächtlichen Hausbrand in Dr. Kruegers Klinik für begleiteten Suizid fürchtet ein Patient um die Ordnung der Dinge. Wie jeder hier hat er  einen rigorosen Bewerbungsmarathon hinter sich gebracht, bei dem es die Klinikleitung davon zu überzeugen galt, dass er es besonders verdient habe zu sterben. Und nun soll durch das Feuerchaos ein später eingezogener Patient vorgezogen werden? So weit kommt es noch!

Doch Dr. Krueger (Aurélien Recoing) hat ganz andere Sorgen: Bei dem Brand kam ein Mensch ums Leben, nur handelte es sich dabei keinesfalls um einen der todessehnsüchtigen Patienten, die allesamt, ihrer Lebensmüdigkeit zum Trotz, instinktiv vor der lodernden Gefahr flohen.

Kill Me Please 2

Benoît Poelvoorde wurde als Regisseur der pechschwarzen Komödie Mann beißt Hund (C’est arrivé près de chez vous, 1992) berühmt, nun kehrt er als Schauspieler mit einem ähnlich morbiden Film wieder. Am Beginn von Kill Me Please (2010), der ebenso wie Mann beißt Hund mit schwarzweißen Bildern und wackelnder Handkamera arbeitet, kommt Demanet (Poelvoorde) mit Flachmann und Kippe zur Therapiesitzung. „Unheilbar“ sei er erkrankt, erklärt er und trägt zum Beweis eine Wollmütze, mit der er die Folgen seiner angeblichen Chemotherapie verdeckt. Tatsächlich ist Demanet physisch kerngesund, aber dafür psychisch umso labiler. Es sind vor allem Männer, zumeist kreativ veranlagte, die mit ihm die Klinik bewohnen. Da gibt es den Enddreißiger, der sich einst aus dem Fenster werfen wollte, es aber zu öffnen vergaß, den gediegenen älteren Herren, der vor der Verabreichung des tödlichen Gifts eine Prostituierte zu sich kommen lässt, um beim Sex zu sterben, und schließlich die trans- sowie ziemlich pansexuelle Sängerin Rachel (Zazie de Paris).

Zwei weitere depressive Männer freunden sich langsam an: Vidal (unnachahmlich: Bouli Lanners), der seine Frau als Wetteinsatz beim Poker verlor, und der Kanadier Breiman (Saul Rubinek), der – wenn seine Französischkenntnisse versagen – ausruft: „Je suis déso-fucking-lé!“ Bei einem ihrer Waldspaziergänge mit einer staatlichen Ermittlerin, die das moralisch zweifelhafte Krankenhaus schließen lassen will, wendet sich Kill me please vom psychologischen Drama zur makabren Satire. Das große „Offing“ beginnt – die narrative Beförderung großer Teile des Casts ins Off.

Diese Bewegung in die ewige Horizontale gerät nicht nur überraschend und zunehmend grotesk, sondern auch ziemlich ironisch, da es anfangs ausschließlich sterbensunwillige Figuren erwischt. Dies ändert sich zwar mit der Zeit, auch werden die Abtritte vorhersehbarer und die Komik wirkt gelegentlich überdehnt – und dennoch findet das Drehbuch immer wieder herrlich absurde Ideen: Sei es eine im Sarg eingeschlossene Krankenschwester, sei es der grandiose Einfall eines Patienten, eine akut asthmatische, eventuell gar angeschossene Frau zu einem Picknick zu entführen, oder aber der bitterböse Umgang des Films mit der französischen Nationalhymne.

Doch Kill Me Please hat, wie viele der besseren schwarzen Komödien, auch eine durchaus ernsthafte Grundierung. So verlässt eine Patientin die Klinik, nachdem sie Zeugin eines Todesfalls wird und über diese Konfrontation zur Wertschätzung des Lebens zurückfindet. Der leitende Arzt wiederum, der geschworen hat, Leben zu retten, gleichzeitig aber finanziell auf den Todesdrang seiner Patienten angewiesen ist, führt in eiskalter BWLer-Manier aus, welchen wirtschaftlichen Schaden Selbstmörder jährlich anrichten, indem sie sich mit dem frei gewählten Tod aus dem produktiven Arbeitsleben verabschieden. Interessant wäre hier eine ebenso zynische Gegenrechnung gewesen, ob der Suizid nicht viel mehr einen Dienst an der Gesellschaft darstellt, indem er dem Steuerzahler Ausgaben für Krankengeld, Medikamente und Therapien erspart. Oder anders formuliert: Wie viel Geld muss die Gesellschaft für jene aufwenden, die sie durch ihren Druck kaputt macht?

Kill Me Please 3

Das schwarzweiße Bildmaterial verfremdet das Aussehen roten Bluts, weißen Schnees und grüner Bäume und entrückt die Handlung damit ein Stück der unmittelbaren Realität, was es einem als Zuschauer leichter macht, bei einem eigentlich bedrückenden Thema dennoch zu schmunzeln. Eine der schönsten Einstellungen gelingt Kameramann Frédéric Noirhomme bei einem Streit im Wald – durch die Mitte des Bildes verläuft eine Straße, links und rechts stehen Baumreihen und je ein Mann. Linien und Symmetrie ordnen das Bild, alle Bewegung ruht, auf dem Boden liegt der Körper einer toten Frau. Ein Kunstschuss hat sie niedergestreckt, kurz bevor sie ein Geheimnis verraten wollte, das den Handlungsverlauf abgekürzt hätte. Kill Me Please aber lässt sich nicht von einer seiner Figuren sabotieren und befördert sie deshalb kurzerhand ins Jenseits, wo sie die Umsetzung des Drehbuchs nicht mehr stören kann. In dieser medialen Selbst-Reflexivität schließt Kill Me Please an Mann beißt Hund an – nur inszeniert sich Benoît Poelvoordes Figur diesmal nicht als Mörder, sondern als Selbstmörder.

Trailer zu „Kill Me Please“


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Kommentare


Lehmann

Schöner Text. Danke dafür. habe den Film gerade gesehen und mich prima amüsiert.

Nur eine kleine Anmerkung: Breiman ist - wie dessen in Oberbayern geborener Darsteller Rubinek selbst - Kanadier, kein US-Amerikaner. Das wird im Dialog ausdrücklich erwähnt.


Michael

Danke für den Hinweis. Ist abgeändert.


Sassenberg

Ich habe den Film soeben gesehen und, mit Verlaub, ein paar Details anders wahrgenommen. Es gibt keine Patientin, der es gelingt, die Klinik zu verlassen. Sie wird, wie fast alle anderen, zum Opfer des großen "Offing". Sie hat kein Asthma, sie wurde nicht angeschossen und sie wird auch nicht zum Picknick eingeladen, sondern von ihrem "Retter" fast vergewaltigt, den sie ihrerseits ins Jenseits befördert. Ich kann mir solche Ungenauigkeiten bei den Inhaltsangaben von Filmen nicht erklären. Ich finde sie immer wieder ärgerlich.






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