Kill Barbara with Panic

Eine gehörnte Ehefrau kehrt als wütender Geist wieder. Mit Gothic-Horror-Klassizismus und dunkler Musikalität inszeniert Celso Ad. Castillo einen paranormalen Catfight der Extraklasse.

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Gleich zum Auftakt weht ein kalter Hauch des Vertrauten um Kill Barbara with Panic (Patayin mo sa sindak si Barbara): Die melancholisch bedrohliche Spielmusik, die den Vorspann begleitet, erinnert ein wenig an das Thema von Rosemary’s Baby (1968). Das ist nicht unbedingt überraschend, weil das philippinische Kino nie einen Hehl daraus gemacht hat, sich an dem zu orientieren, was anderswo, besonders in Hollywood, erfolgreich war. Auch an der Musik. Man denke nur an den Score von Mike De Leons Batch ’81 (1982), der Wendy Carlos’ Synthesizerstücke aus dem thematisch ähnlich gelagerten Uhrwerk Orange (A Clockwork Orange, 1971) wachruft. Über die Qualität von Kill Barbara with Panic sagt dieses vermeintliche Plagiatentum freilich nichts aus. Zum einen ist die Variation von etwas Bekanntem immer auch eine Neuerfindung, und zum anderen muss man sich gerade auf den Philippinen für solche Neuerfindungen nicht rechtfertigen. Schließlich bedient man sich nur bei der Kultur eines Landes, von dem man ein halbes Jahrhundert lang besetzt war. Der fremde Einfluss ist somit auch zum Teil der eigenen Identität geworden.

Durch Eifersucht zum Monster mutiert

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Dabei provozieren die vertrauten Klänge aus dem Vorspann eine Erwartungshaltung, die nie eingelöst wird. Das soll nicht bedeuten, dass sich Kill Barbara with Panic unberührt von vergangenen und damals gegenwärtigen Strömungen des Genres zeigt. Er reiht sich zwar mit seinem Gothic-Horror-Klassizismus in eine alte Tradition des Horrorfilms ein und weist darüber hinaus auch einige Parallelen zu dem nur ein Jahr zuvor entstandenen Der Exorzist (The Exorcist, 1973) auf. Trotzdem findet Regisseur Celso Ad. Castillo einen sehr eigenen Zugang zum Genre. Wie in vielen philippinischen Filmen handelt es sich auch hier im Kern um ein Melodram, wie man es schon in unzähligen Seifenopern sehen konnte: eine Dreiecksbeziehung zwischen einer gehörnten Ehefrau, ihrem Mann und ihrer Schwester. Interessant dabei ist jedoch, dass Castillo diesen Konflikt auf einer übernatürlichen Ebene austragen lässt, weil die Betrogene Ruth (Rosanna Ortiz) bereits tot ist – deswegen aber noch lange keine Ruhe geben will. Die Geistergeschichte entwickelt sich aus einer seltsamen Rückblende, in der Ruth beschließt, sich nicht direkt an ihrem Mann zu rächen, sondern sich mit einer Scherbe ihres Spiegels zu erdolchen, um anschließend, mit Superkräften und potenzierter Boshaftigkeit, wiederzukehren. Als sie dann auch noch erfährt, dass hinter der vermuteten Affäre ihre Schwester Barbara (Susan Roces) steckt, will sie diese mit allen Mitteln in den Wahnsinn treiben. Und tatsächlich: Als die zunächst ungewöhnlich gefasste Titelheldin mit ihrer nicht aus der Form zu bringenden Imelda-Marcos-Frisur von ihrem Schicksal erfährt, taucht Castillo sie in ein Meer der Dunkelheit, indem nur ein kleiner Lichtkegel ihre angstgeweiteten Augen hervorhebt.

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Kill Barbara with Panic zeigt verschiedene Formen der Besessenheit. Wie sehr oft sind es die besonders empfindsamen Frauen, die von einer fremden Macht beherrscht werden. Wobei das Fremde eigentlich sehr vertraut ist. Bei dem Teufel, der in die kleine Karen (Ellen Esguerra) fährt, handelt es sich um ihre wütende Mutter, die schon zu Lebzeiten durch ihre krankhafte Eifersucht zum zerstörerischen Monster mutiert ist. Wenn Ruth vor ihrem unbeholfenen Gatten steht, Drohungen ausspuckt und wild herumfuchtelt, bringt man als Zuschauer schon kein Verständnis mehr für sie auf, obwohl den Betrogenen die Sympathie doch meistens sicher ist. Ruth aber hat kein Maß mehr, keine innere Stimme, die ihr sagt, dass es jetzt genug ist. Aus Liebe wird sie zur Personifikation des Hasses. Castillo setzt dabei auf einen scharfen Kontrast zwischen der Eleganz von erhabenen Schauplätzen – wie herrschaftlichen Villen und einsamen Stränden bei Sonnenuntergang – und der größten menschlichen Niedertracht. Bemerkenswert ist, dass die Geschichte fast ausschließlich unter Frauen spielt. Nachdem der Ehemann schon bald unglücklich die Treppe herunterpurzelt, entwickelt sich der Film schnell zu einem paranormalen Catfight der extremen Art.

Exaltierte Verrenkungen

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Wenn Ruth nicht gerade ihre Tochter für die eigenen Rachepläne instrumentalisiert, lässt sie die Puppen tanzen oder treibt ihre Haushälterin während einer Séance zu exaltierten Verrenkungen. Die Symptome der Besessenheit in Kill Barbara with Panic sind nicht neu, ungewohnt ist aber, wie leidenschaftlich und ungezügelt sie hier in Szene gesetzt sind. Dabei haben sie ihren Ursprung nicht im abstrakten Bösen, sondern in vertrauten Gefühlen wie Eifersucht und Missgunst. Selbst Barbara wird im Laufe des Films zu einer Anderen; nicht, weil sie von ihrer Schwester besessen wird, sondern durch ihre Angst. Castillo erzählt von einer besonderen Form des Body Horrors, die keine Mutationen mit sich bringt, sondern den totalen Kontrollverlust. Jeder Körper ist hier nur eine Hülle, sogar Karens hässliche kleine Puppen, die immer wieder ein Eigenleben entwickeln und – wenn man sie gegen einen Bettpfosten schlägt – zu bluten beginnen.

Selbst wenn sich der Film mal nicht mit seinen Figuren beschäftigt, ist er reine Choreographie. Die Bilder sind durchsetzt von Bewegung – von den im Wind flatternden Vorhängen über die zitternden Zimmerpflanzen bis zur Wanddekoration, die sich selbstständig macht. Während Karen von ihrer Mutter zu einem infernalischen Klaviersolo getrieben wird, bewegt sich die Einrichtung dazu im Takt, wie ein quietschendes altes Getriebe. Auch abgesehen von Ernani Cuencos schönem, psychedelisch angehauchtem Soundtrack wird Kill Barbara with Panic in solchen Momenten von einer dunklen Musikalität erfüllt.

Was sagt Gott dazu?

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Wie die meisten der größeren Regisseure in der philippinischen Filmindustrie hat auch Castillo sehr unterschiedliche Werke gedreht. Martial-Arts-Produktionen finden sich ebenso darunter wie Nympha (1971), der zu den prominentesten Vertretern der damals populären Bombas (Sexfilme) zählt. Sein bekanntester Film ist jedoch Burlesk Queen (1977), der mit fast dokumentarischen Nachtclubaufnahmen die Leidensgeschichte einer jungen Frau erzählt, die in den 1950er Jahren mit einer Art erotischem Bauchtanz ihr Geld verdient. Normalerweise sind die Machtverhältnisse klar abgesteckt, wenn Frauen im Kino ihren Körper verkaufen. Burlesk Queen handelt aber nicht von Ausbeutung, sondern porträtiert ein fast warmherziges Arbeitsumfeld, während es der Vater und  der Liebhaber sind, die den vermeintlich schändlichen Beruf sabotieren. Dass Castillo kein Moralist ist im konservativen Sinne ist, merkt man auch Kill Barbara with Panic an. Zunächst wirkt es tatsächlich so, als würde hinter dem ganzen Spuk ein pädagogischer Gedanke stehen, der auch hinsichtlich der katholischen Tradition der Philippinen konsequent wäre: „Betrügt eure Ehepartner nicht, sonst holt euch der Teufel!“ Doch letztlich ist es ein buchstäblicher Deus ex machina, der zeigt, dass Gott nicht unbedingt nach reaktionären Moralvorstellungen handelt.

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