Kid-Thing

Annie’s got a paintball gun.

Kid-Thing 01

Ist dieses Kind Junge oder Mädchen? Das Gesicht allein verrät es nicht, die langen blonden Haare sprechen für ein Mädchen, das Auftreten dagegen für einen Jungen. Nachdem man beschlossen hat, dass es wohl eher ein Junge ist, fällt nach ungefähr einer halben Stunde Laufzeit der Vorname des Zwischenwesens – „Annie“ – und wirft damit sämtliche Vorstellungen von typisch mädchenhaftem Verhalten über den Haufen. In einer symbolhaften Szene von Kid-Thing (2012) verpasst Annie einer Barbiepuppe keine schicke Frisur, sondern reißt ihr sämtliche Gliedmaßen heraus. Der Nachname der Schauspielerin Sydney Aguirre liefert die wunderbar passende Assoziation mit dem Werner-Herzog-Film, in dem Klaus Kinski einen irren Choleriker verkörperte (Aguirre, der Zorn Gottes, 1972), denn „Tomboy“ Annie kann mindestens so schön wütend werden wie Kinski: Wenn sie nicht gerade Raupen zerquetscht oder mit einem Paintball-Gewehr auf tote Kühe schießt, dann bombardiert sie fahrende Autos mit Knack-und-Back-Teig oder zertrümmert mit einem Baseballschläger den Geburtstagskuchen einer Rollstuhlfahrerin.

Kid-Thing 02

Annie hat allerdings auch gute Gründe für ihre vielen Ausbrüche angestauter Energie: Ihre Schule musste wegen eines Gaslecks vorübergehend schließen, und ihr Hinterwäldler-Vater Marvin (Nathan Zellner) kommuniziert lieber mit seinen Ziegen oder hypnotisiert Hühner mit pinker Kreide, anstatt sich um seine Tochter zu kümmern. Eine Mutter gibt es nicht, manchmal kommt ein Freund des Vaters (David Zellner) zu Besuch – dann werden manisch Rubbellose geöffnet, oder die Männer rangeln zu Opernmusik auf der Couch. Der eher nuschelnde als sprechende Marvin liest Selbsthilfebücher mit dem Titel „How to become a better person“ und versteht unter Humor, sich am Esstisch einen Zahn herauszureißen. Annie findet es nicht lustig, reagiert auf die Manieren des Vaters aber mit gleichgültig-gelangweilter Gelassenheit. Eines Tages trifft „Der Zorn Gottes“ auf den vermeintlichen Teufel, als Annie im Wald auf die Hilferufe einer Frau aufmerksam wird, die dort seit mehreren Wochen in einem Schacht gefangen ist. Statt die Verzweifelte zu befreien, wirft Annie ihr – natürlich mit Wut – selbst gemachte Sandwiches, Toilettenpapier und Capri-Sonne in die Höhle, versorgt sie mit einem Walkie-Talkie, beschimpft sie als „devil“ und „wicked witch“ und schlägt ihr schließlich einen Pakt vor.

Kid-Thing 06

Einiges spricht dafür, dass die Frau im Schacht, die unsichtbar bleibt und auf den Namen Esther hört, lediglich ein Produkt von Annies Fantasie ist: eine imaginäre Freundin, die nicht weglaufen kann und Annies teuflische Seite ebenso zum Ausdruck bringt wie ihre Einsam- und Hilflosigkeit. So wie Esther in ihrer Höhle gefangen ist, so sitzt Annie in einer ländlichen texanischen Einöde fest, in der Basketballkörbe und Kuhkadaver gleichermaßen unbeachtet vor sich hin rotten und die vor allem von spleenigen Freaks bewohnt zu sein scheint. In einer Szene besucht Annie einen Nachbarn, der mit einem missgestalteten Finger schräge Gitarrensoli zum Besten gibt, eine Beinprothese trägt und zudem noch blind ist. Kid-Thing ist der vierte Langfilm des texanischen Autors und Regisseurs David Zellner (Goliath, 2008), sein Bruder Nathan hat ihn produziert und die Kamera geführt. Die „Zellner Brothers“, die auf ihrer Website in roten Jumpsuits ihren Sinn für Gender Crossing demonstrieren und damit das Pendant zu Annie abliefern, drehen ansonsten Kurzfilme und Videos, die wie Kid-Thing von absurden Situationen und einem trockenen Humor gekennzeichnet sind.

Kid-Thing 03

Hier entsteht Komik häufig durch das ausgedehnte Ausspielen von Szenen, das in die Länge gezogene Draufhalten der Kamera auf das Geschehen und die Gesichter der Protagonisten. Ruhige, statische Einstellungen bilden einen schönen Kontrast zu Annies energischen Zerstörungsanfällen, die auf der Tonspur von dominantem Vogelgezwitscher wie von einem ironischen Chor begleitet werden. Kühe oder Katzen glotzen teilnahmslos in die Gegend, und Vater Marvin wird schließlich von gefräßigen Ziegen überwältigt, was Annie ebenfalls teilnahmslos zur Kenntnis nimmt. In einer dramatisch aufgebauten, poetisch-makabren Sequenz verbindet Zellner eine in der Natur entsorgte Kloschüssel mit galoppierenden Pferden und friedlich grasende Tiere mit einem von Fliegen bevölkerten Kadaver, auf den Annie mit ihrem Paintball-Gewehr eindrischt, bevor sie ihre Waffe provozierend auf uns richtet. Annies Verhalten mag auf den ersten Blick amoralisch und soziopathisch wirken, doch eine Frage, die sie ihrem mehrfach gehandicapten Nachbarn stellt, zeigt, dass sie durchaus ein Gewissen besitzt und ihr Handeln zu reflektieren scheint. Die Darstellung der jungen Sydney Aguirre vereint mühelos Witz und Traurigkeit, vermittelt Annies Frustration ebenso glaubwürdig wie ihre Verlorenheit und verleiht dem vernachlässigten Satansbraten gleichermaßen fiese und erschreckende wie amüsante und anrührende Facetten.

Kid-Thing 05

Szenen, in denen Annie Autohändler mit Telefonstreichen terrorisiert oder Bananen mit Böllern in die Luft sprengt, wechseln sich ab mit meditativen Naturaufnahmen von Wald und Wiesen, Himmel und Morgenröte, sodass Kid-Thing ein wenig so wirkt, als hätte Terrence Malick eine Episode von Jackass (2000-2002) verfilmt. We need to talk about Annie hätte Zellners Film auch heißen können, und vielleicht hätte Annies Vaters einen gar nicht mal so dummen Gesprächsbeitrag zu den Problemen seines Sprösslings genuschelt. Auf die Frage der Tochter, ob ihm schon einmal etwas Merkwürdiges zugestoßen sei, gibt er jedenfalls die herrlich abgeklärte Antwort: „After a while, you kind of seen it all.“

Trailer zu „Kid-Thing“


Trailer ansehen (4)

Kommentare


AnnieHall

Painball gun? ;-)






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.