Keyhole

Salome lässt die Schleier fliegen.

Keyhole

Von den vielen Träumen, die Carl Gustav Jung beschrieben hat, war ihm einer ganz besonders wichtig. Er berichtet, er sei im Haus seiner Kindheit gewesen und durch die verschiedenen Stockwerke gewandert. Obergeschoss, Erdgeschoss, Keller – je tiefer er stieg, desto älter wurde das Haus und desto weiter rückten die Eindrücke von seinen persönlichen Erinnerungen fort. Unter der Erde stand er plötzlich in uralten Katakomben, voller Sarkophage, Gebeine, vergilbter Dokumente. Jung zog daraus den Schluss, dass wir in unseren Träumen viel mehr als nur unser eigenes Gedächtnis verarbeiten, mehr erinnern als die eigene Geschichte. Es gibt kollektive, geteilte Bilder und Muster, die jeden Menschen im Traum begegnen können. Jung nannte sie die Archetypen.

Guy Maddin lässt in Keyhole das Kino zur Jung-Maschine werden. Ein Haus, unzählige Zimmer, Fragmente alter Mythen. Es gibt dort einen Gangster, Ulysses (Jason Patric), der „nach Hause“ muss. Seine Frau (Isabella Rossellini) versteckt sich in irgendeinem der Zimmer, gemeinsam mit ihrem splitternackten Vater (Claude Dorge), den sie an ihr Bettgestell gekettet hat. Aber es könnte auch alles anders sein. Während im Erdgeschoss ein paar Gangster von der Polizei belagert werden, treiben sich überall die Geister herum.

Keyhole 2

In Sachen traumähnlicher Erzählverfahren kann man den Kanadier Maddin schon seit einiger Zeit auf eine Stufe stellen mit den Großmeistern der oneirischen Filmarbeit von Fellini bis Lynch. Die endlose Modulation von Räumen, die repetitiven Situationen, die doppelt und dreifach kodierten Figuren, die Bewegungen und Stillstände, die Spannung zwischen Kohärenz und Zerrissenheit, kurzum: alle formalen Aspekte des Traumgeschehens lassen sich nachbauen durch Kameratricks und einfallsreiche Montage.

Maddin hat dabei einen vollkommen eigenen Zugang gefunden. Vielleicht kann man ihn als eine alternative Version David Lynchs beschreiben, wenn dieser nach Eraserhead (1976) seinen Stil nicht mehr wesentlich geändert, sondern nur immer weiter radikalisiert hätte. Niemand schneidet frenetischer als Maddin, niemand schwelgt so obsessiv und zugleich so zynisch in den Fetischen der visuellen Vergangenheit. Die Kinogeschichte liefert Maddin seine Archetypen: In Keyhole wirft er klassische amerikanische Filmgangster mit Tweed-Westen und Tommy Guns in seine dunklen Stummfilm-Geisterbahnen. Ulysses ist ein regelrechter Film-noir-Macho, grob und selbstgefällig. Doch diesmal geht Maddin noch viel weiter zurück, zerfetzt Griechisches und Biblisches in Einzelteile und näht daraus kleine Frankensteinkostüme. So wird Ulysses auf seiner Odyssee geführt von Ariadnefäden in Gestalt der Haare seiner Ehefrau, die er allenthalben aus den Schlüssellöchern verschlossener Türen zieht. Doch er findet keinen Minotaurus, sondern eine tanzende Salome. Wo die echte Salome damals den Tanz der sieben Schleier tanzte, tanzt Maddin den der siebenhundert. Das erste Bild des Films zeigt schon einen halb transparenten, sich im Wind bauschenden Vorhang, auf den ein hysterisch lachender Männerkopf projiziert wird. Überall sind Schleier, Trugbilder, Schirme, Geister, Projektionen.

Keyhole 3

Die Quay-Brüder haben über ihren ersten Spielfilm Institute Benjamenta (1995) gerne erzählt, dass die Hauptfigur das Institutsgebäude selbst sei, das seine Bewohner erträume. Genau so muss man sich das Haus in Keyhole vorstellen: Anders als Jungs Traum-Museum ist es selbst der Träumer, und die Menschen sind nur das Material. Immer wieder glaubt man, einen Schlüssel gefunden zu haben, eine der Figuren als den Träumer identifizieren zu können: Ulysses, seine Frau, den tot geglaubten Sohn. Doch das ergibt nie lange Sinn, und danach bleibt immer nur das Haus.

Natürlich darf man Maddins Filme niemals mit dem Anspruch begegnen, eine kohärente Interpretation sei Ziel oder nur Möglichkeit. Der Kanadier wird stets alles in seiner Macht Stehende tun, Raum und Story immer neue Haken schlagen lassen, um jede psychoanalytische Lesart in die Sackgasse laufen zu lassen. Maddin produziert das, was man gern „Vedrängtes“ nennt, und er will seine Zuschauer dafür begeistern, es so kaputt zu lassen, wie sie es vorfinden. Freude bereiten ihm Verbote, Geheimnisse, das Unlösbare, nicht die Analyse.

Keyhole 4

Doch das alles ist nichts Neues in den Maddin-Welten. Für Menschen, die noch keinen seiner Filme kennen, ist wahrscheinlich jeder gleichermaßen vollkommenes Neuland, auf das man sich einlassen kann oder das man sofort und für immer meidet. Für diejenigen allerdings, die Maddin schätzen und mit ihm vertraut sind, schleicht sich mit Keyhole eine gewisse, schwer festzumachende Ernüchterung ein. Eigentlich ist alles wie immer, die schrillen Szenarien, die psychotischen Voice-overs, das wilde Montagegezucke. Aber all das wirkt hier seltsam gezähmt, fast manierlich. Von einigen starken Einfällen abgesehen, fehlt es Keyhole an der für Maddin so wichtigen Trash-Mentalität, dem Element des Way over the top, das seine Meisterstücke so ganz und gar aus dem Orbit der alltäglichen Filmwelt schießen ließ. Keyhole ist noch immer ein sehr verrückter, sehr anstrengender, sehr schwer vergleichbarer Film. Aber ein braver, etwas langweiliger Guy-Maddin-Film. 

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