Keine Sorge, mir geht’s gut

In dem französischen Beziehungsdrama mit Thriller-Elementen macht sich eine junge Frau auf die Suche nach ihrem vermissten Zwillingsbruder und dabei entscheidende Schritte in Richtung Wahrhaftig- und Selbstständigkeit.

Keine Sorge, mir geht’s gut

„Take a step out of your fake world“, lautet die erste Zeile des Liedes, das der Bruder von Lili (Mélanie Laurent) komponiert und als letzte Nachricht an seine Schwester hinterlassen hat, bevor er spurlos und von heute auf morgen verschwunden ist. Als die 19-jährige Studentin nach den Sommerferien in das Haus ihrer Eltern zurückkehrt, erklären diese, er sei nach einem heftigen Streit mit dem Vater (Kad Merad) untergetaucht und hätte sich seitdem nicht mehr gemeldet. Lili versucht ihn immer verzweifelter, aber ohne Erfolg, über sein Handy zu erreichen, driftet zunehmend in eine Depression und verweigert schließlich die Nahrungsaufnahme, woraufhin sie in eine Klinik für Essgestörte eingewiesen wird. Dann treffen plötzlich Postkarten ihres Zwillings ein, und sie macht sich hoffnungsvoll auf die Reise nach deren Ursprung.

Bereits der letzte Film des französischen Regisseurs und ehemaligen Toningenieurs Philippe Lioret, Die Frau des Leuchtturmwärters (L’équipier, 2004), handelte von einer Tochter, die dem Geheimnis ihrer Eltern auf die Spur kommt. Und von einer äußerlich idyllischen, abgeschirmten Welt - die bretonische Insel Ouessant zur Zeit des Algerienkrieges - die durch den Einbruch der Realität in Gestalt eines Neulings aus den Fugen gerät. In Keine Sorge, mir geht’s gut (Je vais bien, ne t’en fais pas) ist es ein beliebig austauschbarer, identitätsloser Vorort in Frankreich, in dem eine gepflegte, anonyme Reihenhaussiedlung der nächsten ähnelt und in dem alle Bewohner während des Abendessens durch ein substanzloses, betäubendes Fernsehprogramm gleichgeschaltet zu werden scheinen. Lilis Bruder hat diese gutbürgerliche Maskerade vor seinem Verschwinden einmal als „Truman Show“ bezeichnet, weil das Bewahren einer Kulisse hier lebenserhaltend sei und die Angst vor ihrem Einsturz und dem, was sich dahinter befindet, moralisch fragwürdige Mittel erfordere.

Keine Sorge, mir geht’s gut

Der Neue, der die Fassade zum Bröckeln bringt, ist diesmal allerdings kein Fremder, sondern ein junger Mann aus den eigenen Reihen, Thomas (Julien Boisselier), der nur einige Häuserblocks von Lili entfernt aufgewachsen ist und sich nun, Jahre später, in sie verliebt. Die ergreifenden, interessanteren Liebesgeschichten sind allerdings jene, die mittels Abwesenheit und Verlust erzählt und lebendig werden oder fast ausschließlich rückblickend stattgefunden haben: zwischen Schwester und Bruder, der nur einmal auf einem Foto zu sehen ist, durch Lilis Sorge um ihn aber immer anwesend scheint. Und zwischen Tochter und Vater, der anfangs unbeteiligt und gefühlsarm wirkt, jedoch noch eine andere Seite verbirgt.

Die zierliche 24-jährige Mélanie Laurent (Der wilde Schlag meines Herzen, De battre mon coeur s’est arrêté, 2005) - für ihre Leistung mit dem Romy Schneider Preis ausgezeichnet - spielt Lili mit spürbar wachsender, nervöser Anspannung und Hilflosigkeit, was diese gleichzeitig labil und kämpferisch macht, abrupt in Tränen ausbrechen lässt und sich dann wieder in Wutanfällen gegen ihre verschlossenen Eltern entlädt. Laurents zurückgenommene, feine und präzise Darstellung von Lilis Flucht nach Innen und ihrer radikalen Weigerung, dem gewohnten Alltag nachzugehen, solange der Verbleib des Bruders nicht aufgeklärt ist, tragen die Handlung beinah in jeder Szene, auch über einige Schwächen des Drehbuches hinweg. Dies thematisiert Depression und Magersucht ein wenig lapidar, ist stellenweise überladen und ausscherend oder zu sprunghaft, wenn es beiläufig die sexuelle Belästigung Lilis durch ihren Arbeitgeber andeutet. Oder ihre zunächst beharrliche Ablehnung gegen die Liebe von Thomas nicht vollständig überzeugend in Zustimmung umwandelt. Es hält aber die emotionale Spannung zwischen den Figuren, die häufig in Liorets Filmen im Mittelpunkt steht, bis zum Schluss.

Keine Sorge, mir geht’s gut

Das Gefühlsdrama spielt mit Versatzstücken des Thrillers, wenn Lili von ihren Freunden aus der Klinik entführt werden soll und sich weigert, ohne ihr weggeschlossenes Handy - die einzig mögliche Verbindung zu ihrem Bruder - zu gehen, sodass es mit dem Risiko, erwischt zu werden, aus einem Schließfach entwendet werden muss. Und wenn sie sich anschließend auf Spurensuche begibt, indem sie in die Orte fährt, aus denen die rätselhaften Postkarten abgeschickt wurden. Dabei trifft sie auf eine mögliche Augenzeugin in Gestalt einer Hotelangestellten, die vor kurzem tatsächlich jemanden zu Gast gehabt haben will, der laut Beschreibung Lilis Zwilling hätte sein können.

Familiäre Enge findet ihren Ausdruck im wiederholten Zusammensitzen am häuslichen Küchen- oder Esstisch, welches weniger Harmonie als Unbehagen ausstrahlt. Die anfänglich klaustrophobische Atmosphäre erreicht ihren Höhepunkt in der geschlossenen Krankenhausabteilung, mit dem Bild einer körperlich ausgezehrten Lili, die aufgrund ihrer Kraftlosigkeit ans Bett gefesselt ist. Später wird diese durch Impressionen der Weite abgelöst, wenn Lili ans Meer reist und beim ersten Zusammensein mit Thomas von einem Sturm überrascht wird. Wie schon in Die Frau des Leuchtturmwärters dient die Natur als Stellvertreter für den Gemütszustand der Menschen, für die innere Befreiung, den Wirbel und die Bewegung nach der Lethargie. Die finale Auflösung des Geheimnisses entlässt einen schließlich mit gemischten Gefühlen, ist gleichzeitig weit hergeholt und nahe liegend, schwer nachvollziehbar und doch logisch, ärgerlich und anrührend.

Kommentare


Martin Z.

Sehr einfühlsam gemacht und mit überzeugenden Schauspielern besetzt. Und so habe ich auch die ersten 80 Minuten mit Interesse verfolgt. Zwei Dinge haben mich jedoch dabei immer wieder beschäftigt: erstens ’Was will der Regisseur uns sagen?’ Sehen wir hier das übliche Eltern-Kinder-Problem? oder ist es die immerwährende Nähe zwischen Zwillingen? oder vielleicht ein Seitenhieb auf die Behandlungsmethoden der modernen Psychiatrie?
Und zweitens wurde es immer klarer, dass der verschwundene Zwillingsbruder nicht wieder auftauchen wird. Damit ging das bisschen angesammelte Spannung immer mehr flöten. Zumal die erklärenden Erkenntnisse etwas konstruiert Zufälliges an sich haben. Die letzten zehn Minuten bringen dann zwar eine Lösung, die man fast schon nicht mehr braucht, denn die Tochter hatte sich ja inzwischen beruhigt, weil wieder frisch verliebt (ein Tröster schwirrte die ganze Zeit schon um sie herum) und die Eltern wollen ohnehin die ganze Geschichte unter dem Teppich halten. Und auch als am Ende jeder der vier Beteiligten Bescheid weiß, sprechen sie nicht miteinander darüber.
Dann kann es nur am Drehbuch liegen. Ansonsten halten wir es wie es der Titel empfiehlt.






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