Kein Sterbenswort

Das darf man wohl Zwangslage nennen: Die Polizei jagt Alexandre für den Mord an seiner Frau. Gangster jagen ihn, weil sie noch lebt. Sie selbst will sich mit ihm treffen – acht Jahre nach ihrem Tod.

Kein Sterbenswort

Wie in Vertigo (1958) steht im Zentrum des Films eine tote Frau, die auf geheimnisvolle Weise ins Leben des Helden zurückkehrt. Acht Jahre nach Margots (Marie-Josée Croze) Ermordung erhält Alexandre (François Cluzet), Kinderarzt in Marseille, eine E-Mail aus dem Reich der Toten. Ein unscharfes Video zeigt in einer Menschenmenge eine in die Kamera starrende Frau. Die Absenderin bittet Alex um ein Treffen und um strikte Geheimhaltung. Zeitgleich rollt die Polizei den Mordfall wieder auf, weil neben zwei neuen Leichen am Tatort Beweise aufgetaucht sind, die Alex zum Hauptverdächtigen machen. Und wiederum zeitgleich gerät Alex noch weiteren Verfolgern ins Visier: einer Gangsterbande im Auftrag eines Unbekannten, der Margot für quicklebendig hält und alles daran setzt, sie zu finden.

So die verfahrene Ausgangssituation. Anders als in Vertigo scheint der Held diesmal frei zu sein von morbiden Obsessionen, offenbar ein echt unbescholtenes Komplott-Opfer. Zumindest schaut Cluzet die meiste Zeit fast rührend ahnungslos drein, verwirrt und schwer mitgenommen. Auch scheint seine Liebe zu Margot, die bis in die Kindheit zurückreicht, weit reiner, unschuldiger zu sein, stets auf aufrichtiger Gegenseitigkeit beruhend.

Kein Sterbenswort

Andererseits: Vielleicht zu unschuldig? Immerhin blieb der Mord, angeblich von einem Serienkiller verübt, dem Zuschauer verborgen, nur ein Schrei aus dem Dunkel war in der Anfangssequenz zu hören, dann wurde Alex – an einem Seeufer auf dem eigenen Grundstück – niedergeschlagen und stürzte ohnmächtig ins Wasser. Nicht nur die Polizei mag sich fragen, wie er überhaupt lebendig ans Ufer kommen konnte. Nach gut einer Dekade Dauertraining mit „unzuverlässigen Erzählern“ (wenn man Die üblichen Verdächtigen (The Usual Suspects, 1995) einmal als Anfang dieser Welle betrachtet) ist man als Zuschauer abgebrüht (oder paranoid) genug, das Unwahrscheinlichste für das Nächstliegende, den Unschuldigsten für den Schuldigen zu halten. Kein Sterbenswort (Ne le dis à personne) ist ein Film, der mit einer solchen Haltung rechnet und spielt.

Endgültig zum Gejagten wird Alex, nachdem Margots einstmals beste Freundin getötet wird und auch hier alle Spuren zu dem Kinderarzt führen. Glück für ihn, dass er – abermals am gleichen Tag wie die oben genannten Vorfälle – dem Underdog Bruno (Gilles Lellouche) aus der Patsche geholfen hatte. Bei dem kann er nun unterschlüpfen und erfährt von ihm und seinen Kumpels brüderliche Hilfe. Auch Alex’ Schwester (Marina Hands) und deren Frau (Kristin Scott Thomas) leisten ihm Beistand, obwohl erstere vielleicht selbst in den Fall verstrickt ist ...

Kein Sterbenswort

Klingt alles sehr konstruiert? Ist es auch. Es ist sogar unverschämt konstruiert, und das bis jetzt Beschriebene ist erst der Anfang, der Film legt hier noch einige Schippen nach. Aber die Konstruktion funktioniert fast bis zum Schluss makellos wie ein Uhrwerk. Was zu gleichen Teilen an einem bis ins Detail durchdachten Plot und einer exakt auf jede Pointe hinarbeitenden Inszenierung liegt. Der Film ist ein Lehrstück in erzählerischer Ökonomie und in offen manipulierender Informationsvergabe (dem Schnitt im richtigen Moment, der Kamera als Zeigeinstrument, der Musik als Stimmungsregulator). Regisseur Guillaume Canet und sein Team halten mit ihrer Beherrschung genreerprobter Stilmittel nicht gerade hinterm Berg, und gelegentlich wirkt Kein Sterbenswort dabei fast angeberisch: Eine Ballhaus’sche Kamerafahrt durch eine Wohnung? Ein kontrapunktisch eingesetzter Score bei einer dramatischen Verfolgungsjagd? Eine lügende Rückblende im großen Finale? Alles kein Problem. So gern man sich hier als Zuschauer an der Hand nehmen und durchs Labyrinth führen lässt – der Film scheint an jeder zweiten Abzweigung damit zu kokettieren, dass er, wenn er wollte, auch die Gegenrichtung einschlagen könnte.

Zuletzt kehrt sich diese „Ich kann alles“-Attitüde doch etwas gegen den Film selbst. Die Auflösung des Falls wirkt, obwohl – oder gerade weil – sie wohl bis in die letzte Verästelung logisch funktionieren dürfte, zu sehr over the top, zu viele Personen, die man zu flüchtig kennengelernt hat, sind darin involviert. Mit der Folge, dass des Rätsels Lösung großes Staunen, aber nur wenig Anteilnahme hervorruft.

Kein Sterbenswort

Dass Kein Sterbenswort, der zweite von Schauspieler Guillaume Canet inszenierte Spielfilm, trotzdem weit mehr ist als selbstverliebter Formalismus, liegt zum einen an dem durchweg überzeugenden (und bis in die Nebenrollen mit Stars besetzten) Ensemble. Gerade André Dussollier als Margots Vater, ein undurchsichtiger, latent aggressiver Kleinbürger, Jean Rochefort als korrupter Reiterhofbesitzer Neuville und Canet selbst als dessen missratener Sohn fügen Kein Sterbenswort interessante Facetten hinzu. Zum anderen liegt es an dem eigentlichen Faszinosum des Films, der Geschichte der von den Toten zu den Lebenden zurückkehrenden Margot, die bei allem Drumherum das Zentrum bleibt, das alles zusammenhält.

Vielleicht kommt dem Film dabei sogar zugute, dass er sich dafür recht wenig Zeit nimmt, vielleicht wäre er andernfalls zu pathetisch geraten: Dafür spricht die handwerklich brillante, aber auch ziemlich wuchtige Rückblende, in der sich Alex’ Erinnerungen an Margots Beerdigung, an ihre Hochzeit und an ihren Liebesschwur in der Kindheit ineinander verschachteln. Zu viele Szenen dieser Sorte könnten einen Film leicht versenken, in so sparsamer Dosierung wie in Kein Sterbenswort sind sie sehr wirkungsvoll – Schlaglichter auf eine love bigger than life, deren Anfänge und Abgründe zu erahnen Sache des Zuschauers bleibt.

Kommentare


stoif

Für alle die nicht nur auf Action a la Hollywood stehen.
Seht ihn euch an.
Ich liebe diesen Film.


Martin Z.

Die Geschichte an sich ist schon spannend genug, aber die Art, wie sie erzählt wird, macht den Film zum Knaller. Die hintergründige etwas überkonstruierte Komplexität verwischt bisweilen den Durchblick (deshalb lohnt ein wiederholtes Anschauen!) ohne aber Langeweile aufkommen zu lassen. Viele Promis glänzen in kleinen Auftritten neben Francois Cluzet, dem Franzosen mit dem Dustin-Hoffman Aussehen, der hier quasi als Richard Kimble agiert. Der deutsche Titel ist um vieles besser weil tiefsinniger als der des Originals: „Sag es niemandem“. Aber interessant ist außerdem hier noch die neue Variante, dass dem Verdächtigen bei der Flucht die oft geschmähten Immigranten der Banlieus helfen. Sie sind viel sympathischer als die Polizei, die mit viel subtilem Humor eher etwas auf den Arm genommen wird. Und wie in vielen Klassekrimis aus Frankreich wird mit Gewalt und Blut nicht gespart. Leider steht der stark überzuckerte Schluss mit viel goldenem Sonnenlicht in krassen Gegensatz zu übrigen Handlung. Oder ist das etwa ein Augenzwinkern des Regisseurs, um die Wucht der Morde abzufedern? Davon abgesehen aber sehenswert!






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