Keep the Lights On

In seinem preisgekrönten Drama erzählt Ira Sachs die Geschichte einer unmöglichen Beziehung zwischen zwei homosexuellen Männern.

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Nehmen wir die Pointe für das Berliner Publikum gleich vorweg: In einer amüsanten mise en abyme feiert der Protagonist von Keep the Lights On auf einer Filmparty seinen Teddy-Award, den Ira Sachs selbst auf der letzten Berlinale gewonnen hat. Aber das ist bei Weitem nicht alles, was diesen Film sehenswert macht. Der in Deutschland wenig bekannte New Yorker Independent-Regisseur legt mit Keep the Lights On (2012) seinen vierten Spielfilm vor, aber es ist erst der zweite, den das deutsche Publikum nach Married Life (2007) zu sehen bekommt. Auch wenn einer der beiden Protagonisten ein dänischer Dokumentarfilmer und kein amerikanischer Spielfilm-Regisseur wie Ira Sachs ist, gehört Keep the Lights On in die Kategorie der Autobiografie. Er ist Sachs’ Antwort auf das Buch Porträt eines Süchtigen als junger Mann, in dem sein ehemaliger Partner Bill Clegg den gemeinsamen Lebensabschnitt aufarbeitet.

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Die Liebe zwischen Erik (Thure Lindhardt) und Paul (Zachary Booth) beginnt 1998 und endet zehn Jahre später. Der junge Erik arbeitet seit Langem an einem Dokumentarfilm über den homosexuellen New Yorker Regisseur Avery Willard, der von den 1940er bis 1980er Jahren heimlich erotische Filme drehte. Das zögerliche Fortschreiten dieses Projektes ist auch ein Beleg dafür, dass sich Erik mit dem Erwachsenwerden schwertut. Der blonde Thure Lindhardt passt perfekt auf diese Rolle des großen Jungen. Sein Lebensgefährte Paul hingegen ist – wie auch Bill Clegg im echten Leben – ein Literaturagent ersten Ranges, der sein komfortables Einkommen in seine Leidenschaft für Drogen investiert. Während Erik – so wie Ira Sachs mit Forty Shades of Blue (2005) – mit seinem Dokumentarfilm einen Achtungserfolg erzielt und über Filmfestivals tourt, lebt sein Partner allein in der gemeinsamen New Yorker Wohnung den Höllentrip eines Crack-Junkies.

Keep the Lights On ist insofern auch ein historischer Film, als er den New Yorker Zeitgeist über eine Dekade auf brillante Weise wiedergibt – ohne das Publikum jemals mit historischen Hintergrunddetails zu behelligen. Es gelingt Ira Sachs, die Stimmung in der Schwulenszene Manhattans Ende der 1990er Jahre spürbar zu machen, die von zwei Epidemien geprägt ist: Aids und Crack. In einem der ergreifendsten Momente des Films erkundigt sich Erik am Telefon nach den Ergebnissen seines HIV-Tests. Ansonsten ist von Aids kaum die Rede; diese eine Szene reicht aus, um den dunklen Schatten über die gesamte Geschichte zu legen.

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Als akribische Chronik eines unmöglichen Lebens zu zweit wirkt Keep the Lights On wie die fortwährende Grübelei eines enttäuschten Liebenden, der nicht verstehen kann, wie aus so viel anfänglichem Verlangen und erhabener Schönheit ein so großes emotionales Schlamassel werden konnte. Im autobiografischen Genre kann zu viel Selbstoffenbarung immer verfänglich werden. Ira Sachs tappt nicht in diese Falle. Zwar sind Eriks bedingungslose Unterwerfung unter die verrückten Launen seines Freundes und seine emotionale Erniedrigung schwer erträglich. Selten jedoch ist die Verbitterung des betrogenen Partners zu spüren. Vielmehr rettet der sanfte Blick auf Paul, den die Drogensucht phasenweise bis zur Unkenntlichkeit verwandelt, den Film vor plakativem Voyeurismus. Lange Einstellungen und flüssige, aber zugleich sparsame Kamerabewegungen halten die Inszenierung bewusst nüchtern. Das wirkt manchmal etwas kühl, macht aber auch den Anblick männlicher Nacktheit in den zahlreichen Sexszenen aushaltbar: Von der allerersten Begegnung zwischen Erik und Paul an wird offensichtlich, dass Sachs die Wahrheit des homosexuellen Paares insbesondere über den körperlichen Ausdruck der Leidenschaft zu erlangen sucht.

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Warum ist die schwule Liebe von Wong Kar-Wais Happy Together (Hongkong, 1997) über Ang Lees Brokeback Mountain (USA, 2005) bis Ira Sachs’ Keep the Lights On im Kino immer zum Scheitern verurteilt? Im Laufe der Jahre, als Paul eine immer geringere Rolle in Eriks Leben spielt, wandelt sich Keep the Lights On in den Bildungsroman einer werdenden Künstlerexistenz. Mit der Vergangenheit befriedet, bleibt am Ende das, was es außer der Liebe einem Menschenleben noch erlaubt, sich permanent neu zu erfinden: das künstlerische Schaffen.

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Kommentare


Johann Peter Werth

Das klingt ja insgesamt ganz versöhnlich. Aber es gibt noch ein paar Punkte, die mir in Ihrer Auffassung noch nicht ganz deutlich sind:

1. „[Die Kameraführung] wirkt manchmal etwas kühl, macht aber auch den Anblick männlicher Nacktheit in den zahlreichen Sexszenen aushaltbar.“ — Das klingt nach einem sehr traurigen Verhältnis zur männlichen Nacktheit Ihrerseits. Wo liegt genau das Problem? Sind’s die Schwänze? Ist es der Sex an sich?

2. Apropos: „Von der allerersten Begegnung zwischen Erik und Paul an wird offensichtlich, dass Sachs die Wahrheit des homosexuellen Paares insbesondere über den körperlichen Ausdruck der Leidenschaft zu erlangen sucht.“ — Was, bitte, meinen Sie denn damit? Schwule Beziehungen definieren sich nur über Sex? Da haben Sie möglicherweise etwas missverstanden.

3. „Warum ist die schwule Liebe (…) im Kino immer zum Scheitern verurteilt?“ — Sind zehn Jahre Beziehung „Scheitern“? Ist es nicht möglich, eine Geschichte so zu erzählen, wie das Leben eben spielt, ohne in einem pilcherschen Sonnenuntergang zu enden? Scheitern heterosexuelle Paare im Film nicht?


Almut Steinlein

Hallo Herr Werth,
vielen Dank für Ihren Kommentar.
Zu eins eine Gegenfrage: Wo verläuft bei Sexszenen, egal ob homo- oder heterosexuell, die Grenze zur Pornographie? Meiner Meinung nach gelingt es Ira Sachs, körperliche Leidenschaft zu zeigen, ohne pornographisch zu werden.
Was zwei angeht, empfehle ich Ihnen, den Film anzuschauen, sich einen Eindruck über den Stellenwert der Sexualität in der Geschichte zu verschaffen und die Frage dann eher dem Regisseur zu stellen.


Carsten

Ich habe den Film grade gesehen und muss sagen, dass ich nach dem Lesen der Kritik einen vollkommen anderen Film erwartet hatte. Wo im Text von AIDS, dem Höllentrip eines Crack-Junkies und zahlreichen Sexszenen die Rede ist, da ist der Film doch weniger drastisch und ein subtiler Beziehungsfilm, der beispielsweise die Dramaturgie des Drogendramas geschickt unterläuft und eben keinen Höllentrip bietet.
Ich kann mich dem ersten Kommentator nur anschließen und finde einige Aussagen etwas befremdlich. So zahlreich waren die Sexszenen meiner Meinung nach nicht, bedenkt man auch dass der Film ein Paar über mehrere Jahre begleitet. Die Nacktheit wurde auch nicht offensiv eingesetzt, bis auf einen Hodensack im Halbschatten gab es da in der Richtung ja nichts Ungewöhnliches zu sehen. Den Satz mit der „Wahrheit des homosexuellen Paares“ hab ich nicht verstanden bzw. nachvollziehen können. Was soll das sein, diese Wahrheit? Und liegt der Fokus im Film wirklich so sehr auf dem Körperlichen oder sind da nicht Zwischentöne und wird nicht anhand des Körperlichen über das Seelische erzählt? Und auch vom Scheitern der Beziehung kann wohl nicht unbedingt die Rede sein, dafür ist das Ende wohl doch zu offen gehalten, um für eine solch fatalistische Lesart Stoff zu bieten.
Eine Nachfrage hätte ich noch zur AIDS- und Crack-Epidemie: Hatten diese beiden Epidemien ihren Höhepunkt nicht vielmehr Mitte der 80er und Anfang der 90er? Vom HIV(!)-Test des Protagonisten gleich auf „den dunkle Schatten“ AIDS zu schließen, scheint mir übertrieben und widerspricht meiner Meinung nach dem Film und seiner Darstellung und seine Aussagen zu HIV.


Almut Steinlein

Lieber Carsten, vielen Dank für Ihren Kommentar. Der Film ist weder ein Aids- noch ein Drogendrama, sondern eine Liebesgeschichte. Da bin ich mit Ihnen einer Meinung. Trotzdem spielen beide Themen für das Paar eine Rolle; Aids kam meiner Erinnerung nach auch in Zusammenhang mit einer Nebenfigur vor. Und die Drogenabhängigkeit wird ja nicht aus Sicht des Süchtigen, sondern des hilflosen Partners erzählt.
Sexualität spielt meiner Meinung nach von der allerersten Szene an eine zentrale Rolle in der Geschichte. In ihr spiegelt sich die intensive anfängliche Anziehung, Eriks phasenweise Erniedrigung (Bettszene mit dem anderen Mann) und schließlich seine Abnabelung von Paul (Szene im Landhaus). Oder, wie Sie es ausdrücken, im Körperlichen kommt das Seelische zum Ausdruck.


Carsten

Liebe Almut, falls ich mich nicht falsch erinnere (was nach einmaligem Sehen ja durchaus möglich ist), wird von HIV (nicht AIDS!!!) eigentlich nur gesprochen, wenn von Eriks Ex-Freund die Rede ist, der im Film ja aber nicht auftaucht und auch nicht unter einem dunklen Schatten zu leben scheint. Dieses reflexartige Schließen von HIV auf AIDS und das damit verbundene und teilweise durch die Wortwahl suggerierte Horrorszenario fand ich etwas ärgerlich in einem Text der mit einigen präzisen Beobachtungen punkten kann...






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