As I Open My Eyes - Kaum öffne ich die Augen – Kritik

Die tunesische Regisseurin Leyla Bouzid zeigt einen Umsturz ohne revolutionären Chic: Eine junge Frau liebt die Musik, die Menschen, sich selbst. Und scheitert daran.

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Sechs Jahre nach den arabischen Revolutionen sind die damaligen Hoffnungen auf mehr Selbstbestimmung für viele nur eine ferne Erinnerung. Lediglich Tunesien scheint als Klassenbester aus dem sogenannten Arabischen Frühling hervorgegangen zu sein: Es gibt freie Wahlen, eine erstarkende Zivilgesellschaft – und Filme. Neben Hedi (2016), der im Wettbewerb der diesjährigen Berlinale zu sehen war, kommt nun zeitgleich As I Open My Eyes – Kaum öffne ich die Augen von Leyla Bouzid ins Kino. Wir springen zurück ins Jahr 2010, die Geschichte wird in Tunis geschrieben, noch bevor sich die kollektive Anspannung im Protest gegen Diktator Ben Ali entlädt. Diese Stimmungen sind bereits spürbar, doch gibt sich As I Open My Eyes zunächst mehr als familiär-intimer Film denn als sozialkritisches Pamphlet. Und doch wird Kritik an der bestehenden Ordnung geübt: allerdings stets mit und durch die persönlichen sozialen Beziehungen, die Zwänge und Verpflichtungen, die sich rund um die 18-jährige Farah (Baya Medhaffer) entfalten. Sie hat gerade ihr Abitur gemacht, mit Bestnoten, und bereits die Zulassung fürs Medizinstudium in der Tasche. Doch Farah singt seit kurzer Zeit in einer Rockband und brennt für die Musik. Sie fängt eine Beziehung mit dem Gitarristen Borhène (Montassar Ayari) an, und die Band wird nach und nach ihr Lebensmittelpunkt. Es sind für Farah völlig neue Momente der Freiheit, sie probiert sich aus und lebt den Exzess. Im matten Schein der Nacht scheint alles möglich.

Die Perfidie der Diktatur

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Doch die zartschmelzenden Versprechungen von Jugend und Liebe sind fragil. Die Band kann nur versteckt proben, ebenso müssen Farah und Borhène ihre Leidenschaft verbergen und vor allen anderen leugnen. Gleichwohl liegt hinter allem eine Hoffnung, und die Bedrohung durch das Regime bleibt zunächst eine abstrakte Größe, eine laue Möglichkeit am Horizont. Doch als Bandmitglied Ali (Aymen Omrani) als Zivilpolizist enttarnt wird, bricht das Vertrauen der Jugendlichen untereinander zusammen. Die Banalität und Alltäglichkeit der Diktatur, sie überrascht und entlarvt vielleicht vor allem uns westliche Zusehende: Hatten wir nicht damals so viel Hoffnung in die rebellische Facebook-Jugend von Tunis und Kairo gesetzt? Doch die Bilder vom bösen Herrscher und seinen Schergen, mit deren Hilfe das Volk brutal niedergeknüppelt wird, sie greifen zu kurz. Die Perfidie, mit der in der Diktatur alle sozialen Beziehungen von innen gesprengt und mit Misstrauen versetzt werden, ist eine entscheidende Spannung, durch die As I Open My Eyes seine Filmsprache schreibt. Und so drängen sich die einzelnen Figuren des Films auch nicht in den Vordergrund, selbst Farah nicht. Denn sie alle sind Teil einer größeren Logik, einer allumfassenden Bewegung. Nur in den namensgebenden Momenten des Augenöffnens wird sichtbar, dass es überall auf der Welt Mächte gibt, die den Menschen zurückdrängen und lähmen wollen.

Utopie im Takt der Musik

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Der Proberaum von Farahs Band wird dabei zu einem Ort, an dem sich ein neues Gefühl von Gemeinschaft entfaltet und die allgegenwärtige Kontrolle für kurze Momente nicht mehr greift. Aber auch das ist eine Illusion. Trotzdem: Die Verausgabung, mit der sich die Freunde dem Takt ihrer Musik hingeben, lockert die Spannung, die sich mit der Zeit immer enger um die Handlung schlingt. Bouzid filmt die Band ab und lässt As I Open My Eyes zeitweise zu einem veritablen Musikfilm werden. Mutter Hayet wird zudem von der populären tunesischen Sängerin Ghalia Benali verkörpert. Hayet selbst war früher Sängerin, hat ihre Leidenschaft aber aus Gründen moralischer Schicklichkeit aufgeben müssen. So leidet Farahs Mutter daran, dass sie zugunsten eines abgesicherten und sozial anerkannten Lebens auf ihre eigenen Passionen verzichtet hat und diese nun in ihrer Tochter wiederaufleben. Die Mutter-Tochter-Beziehung wird immer präsenter und macht die gegenseitigen Projektionen der beiden Frauen zu einer Generationenfrage.

Implosion der Affekte

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Farahs Vater Mahmoud (Lassaad Jamoussi) hingegen verwaltet in aller Bequemlichkeit den wirtschaftlichen Niedergang, als Angestellter irgendwo in einem Kaff in der Wüste. Er wagt sich emotional kaum aus seinem Schneckenhaus heraus und stellt sich so naiv wie desinteressiert stets hinter seine Tochter. Als Farahs jugendliches Ungestüm den Eltern ihre damaligen Entscheidungen zwischen Freiheit und Anpassung zunehmend vor Augen führt, brechen alte Konflikte wieder hervor und stellen die Frage, wann und wie Veränderungen möglich sind. As I Open My Eyes beschreibt die tunesische Gesellschaft vor der Revolution als einen Raum, in dem soziale Bindungen von außen geformt und normiert werden. Als Farahs Mutter nach einer Eskapade ihrer Tochter versucht, sie beide in einem waghalsigen Kamikaze-Autocrash umzubringen, wird klar, wie viel Frust sich bei der Elterngeneration angestaut hat, der nur in persönlicher Verbitterung und autoritären Erziehungsmethoden zu münden scheint. Und nur auf den ersten Blick ist es seltsam, dass Bouzids Film diese Spannung kaum in Bilder übersetzt. Die Repression wird nicht an ihren Extremen, sondern im Kleinen fühlbar, sodass dem Film nichts Umstürzlerisches anhaftet. Auch wird der Kontext kaum beleuchtet, der Name des Diktators Ben Ali fällt kein einziges Mal. Darauf scheint Bouzid letztlich hinauszuwollen: dass Veränderungen eben im Kleinen, Alltäglichen beginnen. In den Zweifeln, Erinnerungen und Wünschen von Menschen, die nicht an die große Revolution und die Rettung der Welt denken, sondern an sich selbst.

Trailer zu „As I Open My Eyes - Kaum öffne ich die Augen“


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