Katzenmenschen

Die Schöne und das Biest. Paul Schraders persönlichste Regiearbeit ist visuell betörender Horror.

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Nach seinen Drehbuch- und Regieerfolgen Taxi Driver (1975) und Ein Mann für gewisse Stunden (American Gigolo, 1980) entschied sich Paul Schrader, eine kommerzielle Auftragsarbeit anzunehmen. Im Zuge von Universals Neuinszenierungen klassischer Horrorfilme Anfang der 1980er Jahre, zu denen auch John Carpenters Das Ding aus einer anderen Welt (The Thing, 1982) zählt, verfilmte Schrader erstmals ein fremdes Drehbuch, das nur lose auf Jacques Tourneurs Film noir Katzenmenschen (Cat People, 1942) basierte. Rückblickend, so der Regisseur, hätte er seinen Film, der 1982 nur mäßigen Erfolg an den Kinokassen einbrachte, anders nennen sollen.

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Und tatsächlich zeugt Schraders Katzenmenschen von der ersten Minute an von visueller Emanzipation. Leuchtende Rot- und Orangetöne bestimmen mit den Vorspanntiteln das gesamte Bild, werden bald als vom Wind durchwehte Wüstensandschleier erkennbar, unter denen Totenschädel und Gebein hervorragen. Eine Art mystisch-historische Traumsequenz zelebriert das Zusammenleben von Mensch und Tier an einem frühen Ort der Erde. Einem schwarzen Panther, der majestätisch im Schatten eines Steppenbaums verharrt, wird eine Frau in Fesseln zugeführt. Tätowierte, halbnackte Krieger übergeben sie dem Tier wie bei einer Opferung. Die Körper der zwei Arten vereinigen sich im Bild, die Raubkatze liebkost den Menschen. Schließlich mündet der Prolog in einem Aufwachen in der Jetztzeit, blendet über auf das betörende Antlitz Nastassja Kinskis, deren Augen mit denen der „Katzenfrau“ verschmelzen und einen Seelenzustand symbolisieren, der sich über Jahrhunderte nicht verändert hat. Und diese mystische Qualität hält der Film bis zum Ende aufrecht.

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Kinski spielt Irena, eine junge schüchterne Frau, die soeben nach New Orleans gekommen ist. Am Flughafen empfängt sie ihr Bruder, der geheimnisvolle Paul (Malcolm McDowell). Doch Orientierung im neuen Umfeld, geschweige denn Schutz, kann auch er ihr nicht bieten. Ganz im Gegenteil: Der scheinbar Vertraute entpuppt sich als eigentliche Gefahr, die wahrhaftige Bestie in Menschengestalt. Was Irena nicht ahnt, ist, dass dadurch auch ihre eigenen animalischen Triebe zum Vorschein kommen – und so eine Blut- und Gewaltfehde heraufbeschwören.

Katzenmenschen ist einer der gelungensten Filme über Transformation. Die physische Veränderung, die beide Hauptfiguren hier durchleiden, basiert nachhaltig auf Abweichungen ihres seelischen Zustands, der in Schraders Film gleich in zweierlei Hinsicht interpretiert wird. Das Offensichtliche – die Lykanthropie vom Menschen zur Wildkatze als spezielle Form des in dieser Zeit äußerst populären Tier-Horrors – wird lange Zeit durch Licht- und Schattenspiele verhüllt. Nur zweimal setzt Schrader sichtbare Protheseneffekte ein. Klar erkennbar bleibt dies lediglich in der finalen Verwandlung Irenas in die schwarze Leopardin, wobei das modellierte animalische Gewebe wie ein künstlicher Embryo aus seiner ebenso artifiziellen menschlichen Hülle brustaufwärts herausbricht. Explizites Shape-Shifting, wie es der berühmte Maskenbildner Rob Bottin zeitgleich bei Carpenters Film oder Joe Dantes Das Tier (The Howling, 1981) zelebrierte, liegt hier jedoch nicht vor.

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Völlig unverständlich, dass gerade auch die deutsche zeitgenössische Kritik den Film bei Veröffentlichung der Effekthascherei rügte und sogar meinte, in Katzenmenschen gehe es weniger um Menschen als um visuelle Extravaganz. Dabei wird hier vorrangig das Wesen der Charaktere beleuchtet, visualisiert der Film Leidenschaft, Qual und Schicksal. Zunächst mystisch aufbereitet, woraus Katzenmenschen auch seinen fantastischen Einschlag bezieht, im Folgenden aber vor allem als zeitgenössische Version eines essenziellen Dramas um Schuld und Sühne. Die Thematik wird dabei gänzlich ohne den typisch selbstironischen Genre-Bezug entfaltet, wie es beispielsweise John Landis’ American Werewolf (An American Werewolf in London, 1981) ein Jahr zuvor tat, und ist vielleicht ein Grund, warum der Film damals floppte.

Schraders Vision setzt sich auch markant von der Tourneurs ab, deren Psycho-Horror zeitgemäß verhüllt und fast schon sanft erscheint. Sei es nun der intensive, ja beißende Blick McDowells, der das Tier im Manne, all sein inzestuöses Begehren – der Wunsch nach Erlösung durch Sex mit der eigenen Schwester – zum Ausdruck bringt, oder die Unsicherheit und gleichzeitige Aggressivität von Irena, die sich letztlich selbst fesseln und einsperren lässt, um ihren Frieden zu finden: Das Wechselspiel von (animalischer) Macht und Machtmissbrauch steht in Schraders Film immer wieder für die dunklen Seiten des Menschen selbst. Das erotische Knistern – vor allem zwischen Irena und ihrem neuen Freund, dem Tierpfleger (!) Oliver (John Heard) – schlägt immer auch in angstvolle Entblößung um.

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Als einer der letzten Genrefilme, die vollständig ohne Computereffekte entstanden, erweist sich Katzenmenschen als überdurchschnittlich gut gealtert. Der gegenwärtige Blu-ray-Transfer bringt all die farblichen Nuancen der originalen 35mm-Quelle zur Geltung. Neben den gelungenen Matte-Paintings des berühmten Albert Whitlock (Hitchcocks Die Vögel, 1963) ragt das aufwändige Szenenbild Fernando Scarfiottis heraus, der bis heute vor allem für seine Arbeit an Bertoluccis Der letzte Tango in Paris (The Last Tango in Paris, 1972) internationale Anerkennung genießt. Statt durch den häufigen Einsatz von Effekten besticht der Film mit einer intelligenten Inszenierung räumlich-figürlicher Verbindung: vom Schwimmbad-Wasser reflektierte Lichtspiele als Metapher für morphologische Wandlung, die subjektive Nachtsicht der Tiere, deren Umfeld ständiger Beeinflussung unterliegt, und immer wieder das private Zimmer, der vermeintliche Zufluchtsort, als eigenes Gefängnis, aus dem es zeitlebens auszubrechen gilt. Nicht zuletzt die eigene Vergangenheit per se, wenn sich Irenas (menschliches) Porträt einmal überdeutlich auf der Glasoberfläche eines Bilderrahmens spiegelt. Sind Fotos nichts anderes als Abbildungen der persönlichen Historie, so wird der letzte Blick der Protagonistin als gebändigtes Raubtier doppelt betont, indem er zweimal, zuletzt parallel zum Abspann, als Standbild fixiert wird – und in den Erinnerungen der Zuschauer fortdauert, noch lange nachdem der Film zu Ende ist. „See these eyes so green, I can stare for a thousand years“, singt David Bowie passend dazu im berühmten Titelsong.

Ausstattung und Extras: Koch-Media veröffentlicht Katzenmenschen in einem beispielhaften Bildtransfer, der Ton (Dolby Stereo im Original) entspricht dem Alter der Erstveröffentlichung. Es gibt einen sehr informativen Audiokommentar von Paul Schrader in Spielfilmlänge, bei dem er detailliert auf die Produktionsgestaltung eingeht und über die Arbeit mit Schauspielern und Crew spricht. Des Weiteren: Set-Interview mit Schrader (10 Min.), Porträt des Regisseurs aus dem Jahr 2000 (25 Min.), Interview mit Robert Wise über Val Lewton, den Produzenten des Originalfilms von 1942 (4 Min.), Featurette über die Spezialeffekte (11 Min.), deutsche und englische Trailer, Trailer zum Original, Bildergalerie, deutsche und englische Untertitel. Zusammen mit der zeitgleichen Wiederveröffentlichung von Straßen in Flammen (Streets of Fire, 1984) zeigt Koch beispielhaft die Möglichkeiten des Mediums Blu-ray, auch ältere Filme wieder in ursprünglichem Glanz zugänglich zu machen.

Trailer zu „Katzenmenschen“


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