Katze im Sack

Leipzig bei Nacht. Das Debüt von Florian Schwarz will besonders düster daherkommen – kaputte Beziehungen, kalter Sex, einsamer Tod.

Katze im Sack

„Ein Liebesfilm für alle, die keine Liebesfilme mögen“ – so wirbt der Verleih für den Debütfilm von Regisseur Florian Schwarz. Eingeladen zur Perspektive Deutsches Kino auf der diesjährigen Berlinale war der Film auf verschiedenen Festivals schon bereits mehrfach ausgezeichnet worden: Bester Nachwuchsfilm, Bestes Drehbuch, Beste Filmmusik und so weiter und so fort. Allein schon durch diese Reputation wird der Film wohl sein Publikum finden – zusätzlich spricht das Filmplakat gleich noch die Zielgruppe der Konzertgänger an, denn hier wird deutlich hervorgehoben: „Mit Musik von 2RAUMWOHNUNG und SLUT“.

Aber der Film erzählt natürlich vor allem eine Geschichte, die Geschichte eines jungen Mannes und einer jungen Frau. Doris (Jule Böwe) und Karl (Christoph Bach) begegnen sich zufällig im Zug. Sie fahren nach Leipzig, wo Doris von einem deutlich älteren Herrn empfangen wird: es ist ihr Freund Brockmann (Walter Kreye). In dem engen Zugabteil hat sich zwischen Doris und Karl aber etwas Merkwürdiges abgespielt: In Abwesenheit des anderen haben die beiden sich gegenseitig die Taschen durchwühlt – und auch etwas gefunden, das jeweils nach einem Geheimnis des anderen aussieht. Karl steigt in Leipzig spontan mit aus und folgt Doris in die Karaoke-Bar Lavozza, wo diese als Kellnerin arbeitet.

Katze im Sack

Damit sind die Personen etabliert, es folgen die Verwicklungen. Im Zentrum stehen weiter Doris und Karl, die aber unnahbar und rätselhaft bleiben. Nur die Probleme häufen sich. Doris interessiert sich zwar durchaus für Karl, kann es ihm aber nicht zeigen – Wieso? Weil sie auch in Brockmann verliebt ist, der aber nicht mit ihr schläft – Weshalb? Weil er ein Voyeur ist, dem das Bild genügt. So scheint es jedenfalls, denn mehr als vermuten lässt sich dies nicht; auch Brockmann ist – wie Doris und Karl – vor allem unnahbar und rätselhaft. Karl wiederum interessiert sich auch für Doris, kann es ihr aber ebenfalls nicht zeigen, weil er primär doch erst mal an Sex denkt. Jedenfalls zieht er lieber mit der hübschen Studentin Nele ab und lässt sich von Doris nicht mehr zurückhalten, die ihm – vielleicht – an dieser Stelle ihre Liebe anbietet. Mit ihrer rüden Verabschiedung verlieren sich die drei Personen aus den Augen.

Jetzt steht jeder für sich, ist allein und es müsste deutlicher werden, worum es eigentlich geht. Um Einsamkeit und Sehnsucht etwa? Katze im Sack sei ein Film über Sehnsucht, sagt jedenfalls der Regisseur. Welche Sehnsucht die Personen antreibt, lässt sich aus dem Film heraus jedoch nicht sagen, da wir über niemanden Konkretes erfahren. Möglicherweise ist das ganz bewusst so gestaltet, vielleicht soll hier etwas ganz Allgemeines gesagt werden, und dies Allgemeine wäre dann die Liebe – denn, natürlich, irgendwie sehnen sich alle danach. Die drei Protagonisten setzen Voyeurismus, Sex und Freiheit an Liebes statt; Brockmann ist Voyeur, Doris lässt sich von einem dahergelaufenen Aufschneider ficken und Karl – das erkennt Neles Schwester sofort – ist ein Cowboy, „der der Welt zeigen muss, wie frei er ist“. Was die drei Figuren aber eigentlich suchen ist Nähe und Liebe, und die können eben weder durch Sex, noch durch Voyeurismus oder Freiheit ersetzt werden.

Katze im Sack

Auf diese Fragen konzentriert sich der Film jedoch nicht – Florian Schwarz geht mit seinem Abschlussfilm einen anderen Weg. Zwar zeigt er, dass seine Figuren Probleme haben; welche das sind, scheint ihn aber nicht zu interessieren. Einem Feuerzeug, das über den Tisch geschoben wird, widmet er mehr Aufmerksamkeit: 10 Schnitte werden darauf verwendet und am Ende wartet man eigentlich nur noch auf die Einblendung des Herstellers. Werbefilm und Videoclip sind die Eltern von Katze im Sack; wenn Karl auf den Zug wartet, sieht er nicht nur aus wie der Marlboro-Mann, der Schnitt unterstützt dies noch – und vor allem die Musik. Gleichgültig was passiert, der knuffige Sound von 2raumwohnung, Slut und Moonbeas passt einfach immer.

Der Film bemüht sich in jedem Erzählstrang irgendwie „existenzialistisch“ zu wirken, in jeder Einstellung eigenwillig oder „schmutzig“ auszusehen und immer „cool“ zu klingen. Es gibt kaum ruhige Einstellungen, kein Bild, das wir länger als 5 Sekunden sehen, so gut wie keine stummen Szenen; immer wird ein Klangteppich (der meist völlig unpassend ist) über die Bilder gebreitet, der wie klebrige Soße über sie läuft. Dadurch gibt es im Film einige Szenen, die tatsächlich Videoclips sind und wem die Musik gefällt, der kann hier seinen Spaß haben – nur für Doris und Karl, für die sollte man sich nicht interessieren. Tatsächlich – ein Liebesfilm für alle, die keine Liebesfilme mögen.

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