Karnal

Wenn die eigenen Wünsche mit den Erwartungen der Anderen kollidieren. Vor historischem Setting inszeniert Marilou Diaz-Abaya ein düsteres, niederschmetterndes Liebesmelodram, in dem alle Säfte fließen.

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Karnal (1983) beginnt mit einem verlorenen Sohn, der sich sein Scheitern eingestehen muss. Dem Moloch Manila hat der noch junge Narcing (Philip Salvador) mit seiner Frau Puring (Cecille Castillo) den Rücken gekehrt. Seine Versuche, in der Großstadt Fuß zu fassen, sich ein neues Leben aufzubauen, das ihn die alten, schmerzhaften Erinnerungen vergessen lässt, sind missglückt. Der letzte Ausweg ist die Rückkehr in die Provinz und damit auch in die Arme seines herrschsüchtigen Vaters. Zwar ist das Paar nun nicht mehr eingekerkert von Hochhäusern, aber die weiten Felder sind letztlich sogar noch enger als das wuselnde Manila. Die Dos und Don’ts des Landlebens lassen einem hier wenig Spielraum, sich zu entfalten. Wenn es nicht gerade die Regeln des verbitterten Patriarchen sind, die befolgt werden müssen, bleibt man dem neugierigen Blick der Dorfbewohner ausgeliefert. Gleich nach seiner Ankunft ist Narcing als Schnösel verschrien, und seine Frau wird wenig später wegen ihres unangemessenen Kleidungsstils verspottet. Alles, woran sich die beiden noch festhalten können, ist ihre Liebe und die Hoffnung darauf, möglichst schnell wieder zu verschwinden.

Ein intimes Geständnis aus der Gegenwart

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Die Filmemacherin Marilou Diaz-Abaya gehörte zu den bekanntesten Autor_innen, die das philippinische Kino hervorgebracht hat. Mit einer um die 20 Titel fassenden Filmografie und ihrer Flexibilität im Umgang mit verschiedenen Genres und Produktionsbedingungen nimmt sie in ihrer Heimat eine ähnliche Rolle ein wie Ann Hui in Hongkong (auch wenn Diaz-Abayas Output im Vergleich zu ihren männlichen Kollegen fast schon bescheiden war). Karnal ist eine ihrer bekanntesten Regiearbeiten, ein mit Preisen dekoriertes, sehr klassisches Melodram, das wie eine Literaturverfilmung aussieht. Doch wer eine gediegene historische Liebesgeschichte erwartet, die auf entfesselte Gefühle und die Mode der amerikanischen Kolonialzeit in den 1930er Jahren setzt, wird sein blaues Wunder erleben.

Tatsächlich basiert Ricardo Lees Drehbuch zu diesem düsteren und zunehmend grausamen Film auf einem Erlebnisbericht aus einem Lifestyle-Magazin. In den Philippinen ist so eine Vorlage nicht unüblich. Oft bedient sich das Kino hier bei der Popkultur und bei Geschichten, die das Leben schrieb. Das schlägt sich nicht nur in unzähligen Produktionen nieder, die auf den dort äußerst beliebten Comics basieren, sondern auch in einer Modewelle, die während der 1990er Jahre immer wieder wahre Verbrechen in reißerischer Manier auf die Leinwand schwemmte. Passenderweise konstruiert Diaz-Abaya ihren Film wie ein intimes Geständnis aus der Gegenwart: Die Handlung wird als Erinnerung einer älteren, immer wieder erschüttert in die Kamera blickenden Dame (Charito Solis) erzählt, deren Identität erst am Schluss geklärt wird.

Gegen die Geschichte kommt man nicht an

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Man merkt Karnal die Nähe zu diesen populären Formaten an, weil er das Leid seiner Figuren exzessiv, ja geradezu hysterisch zelebriert und ihm mit dem hyperemotionalen Soundtrack von Ryan Cayabyab noch die Krone aufsetzt. Das erinnert, zumindest im Ansatz, an Vorabendserien, die sich an eine eher weibliche Zielgruppe richten. Doch Diaz-Abaya hat hier keine Schmonzette gedreht, und selbst wenn man Karnal so verstehen möchte, bleibt die Regisseurin dabei in einer Tradition sozialkritischer Kollegen wie Rainer Werner Fassbinder und Lino Brocka verwurzelt, die in ihren Filmen ein sehr genaues Gespür für die gesellschaftlichen und privaten Verhältnisse mit all ihren Ungerechtigkeiten bewiesen. So ist es sicher kein Zufall, dass Diaz-Abaya ausgerechnet in den letzten Jahren der Marcos-Diktatur von einem zerstörerischen Patriarchen erzählt, dessen Sturz unvermeidlich scheint.

Besonders anschaulich wird das Dilemma der Figuren am Gegensatz zwischen Großstadt und Provinz. Obwohl der Film kein einziges Bild von der Hauptstadt enthält, ist Manila ständig präsent. Hier bleiben die Bewohner zwar anonym und müssen immer damit rechnen, mit ihren Ambitionen auf die Fresse zu fliegen, dafür haben sie aber auch die Möglichkeit, sich zu verändern. Auf dem Land ist das anders. Schon das elterliche Haus mit seinen großflächigen, jegliche Hoffnung verschlingenden Schatten wirkt wie ein Gefängnis. Puring, die in Manila Verkäuferin war, sich hübsch machen durfte und in ständigem Kundenkontakt stand, verwahrlost hier zunehmend als unterfordertes Heimchen. Wenn sich Karnal ihr immer stärker zuwendet, kommt er letztlich zu dem Schluss, dass die Macht der Konventionen und der Geschichte zu groß ist. Der Kampf dagegen muss erfolglos bleiben. Langsam droht die junge Frau, sich in Narcings Mutter zu verwandeln, die bereits in der Vergangenheit an ihrem repressiven Umfeld zerbrochen ist und sich schließlich das Leben genommen hat. Aber auch Narcing, der schon aufgrund seiner Gewalttätigkeit mit etwas weniger Sympathie bedacht wurde, hat es nicht viel besser: Zu Hause ist sein Lebensweg genau vorbestimmt und erlaubt keine Abweichungen. Er soll hier bleiben, die Felder seines Vaters beackern und ein anständiger Ehegatte sein; ein Mann also, über den die Anderen nicht schlecht reden.

Ein Kopf segelt durch die Luft

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Karnal vermittelt auf beklemmende Weise, wie es sich anfühlt, wenn einem der familiäre und gesellschaftliche Druck die Luft abschnürt. Und jedes Mal, wenn er uns vor Augen hält, wie tief der Graben zwischen den Wünschen der Figuren (selbst der kleinsten Nebenfiguren) und der Wirklichkeit ist, gibt er hundert Prozent. Überraschend ist, dass es sich dabei nicht nur um die genretypischen Gefühlsausbrüche handelt – bei denen sich vor allem Cecille Castillo ins Zeug legt, als ginge es um ihr Leben –, sondern auch um Gewaltdarstellungen, die man so eher im Splatterkino als in einem „Frauenfilm“ erwartet hätte. Wenn Narcing während eines aufgeheizten Streits seinen Vater tötet, wird das etwa nicht als tragischer Unfall inszeniert, bei dem sich der Patriarch zufällig irgendwo stößt, sondern als Enthauptung, bei der auch ganz explizit ein Kopf durch die Luft segelt. Das kann man überzogen finden, aber immerhin geht es hier um nicht weniger als das Glück der Protagonisten, und extreme Gefühle erfordern eben drastische Handlungen. Von Anfang an ist klar, dass es in Karnal keinen Kompromiss geben kann. So wirkt es nur folgerichtig, wenn Marilou Diaz-Abaya ihren Film zunehmend zur Gothic-Horror-Story stilisiert, in der alle Säfte fließen.

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