Karger
Karger (Jens Klemig) ist der Typ, um den es hier geht. Sein Name ist Programm für anderthalb Stunden ostdeutsche Provinzdepression. Kräftig, tätowiert, Arbeiter in der Stahlindustrie, verliert er Job und Familie. Das Ganze im sächsischen Riesa.

Karg sind die Duschräume, die Metallspinde im Stahlwerk. Karg auch das Leben, das sich innerhalb eines eng abgesteckten Rahmens zwischen der eigenen Wohnung, der Familie, dem Arbeitsamt, der Dorfkneipe und der einzigen Disko am Ort abspielt. Man begegnet den immergleichen Menschen, die irgendein unsichtbares Band eint. Vielleicht ist es die Mundart, vielleicht sind es die braun gemusterten Sofamöbel oder die Wandschränke. Vielleicht sind es auch die deckungsgleichen Erfahrungen, über die sie gar nicht erst sprechen müssen, um zu verstehen. Denn karg sind auch die Dialoge.
Elke Hauck inszeniert dieses Riesa der Gegenwart in ihrem Spielfilmdebüt als lethargisches Geflecht zwischen Vergangenheit und keiner Zukunft. Unprätentiös, vor allem das. Die Ereignisse – Ehescheidungen, Jobverlust – passieren einfach, warum, das weiß auch im Film eigentlich keiner so genau. "Ich möchte Ihnen noch eine persönliche Frage stellen", sagt die Beamtin nach der vollzogenen Ehescheidung und fragt das Paar nach dem Trennungsgrund. Schweigen. Sie entschuldigt sich. Nein, nein, sagt Karger in Richtung seiner Ex-Frau, das würde er jetzt eigentlich auch gerne mal wissen, "was das alles soll". Man agiert nicht, man kämpft nicht, man reagiert. Tragödien, das war gestern. Die Trauer liegt in der Bierflasche oder dem Brillenglas des Kindes. Dem Ehering, der zu eng am Finger sitzt, um ihn einfach abzustreifen. Das ist irgendwie tragikomisch. Aber auch hochgradig menschlich. Der Film ist wie ein Blick ins Wohnzimmer der Nachbarn, ein bisschen wie ein Diaabend im Familienkreis. Die Geschichte ist fiktiv, die Dialoge erfunden, doch wirken die Figuren authentisch, das Werk dokumentarisch. Das liegt zum einen daran, dass die Regisseurin Elke Hauck für den Film in ihre eigene Heimatstadt zurückkehrte. Der kritische Blick derjenigen, die gegangen ist, mischt sich so mit dem liebevollen Blick derjenigen, die hier aufgewachsen ist.

Zweitens ist die gefühlte Authentizität auch Haucks Vorgehensweise geschuldet. Nach ihrem ersten Dokumentarfilm Flügge (2001) über die Träume jugendlicher Ostdeutscher wandte die Regisseurin die gleiche Recherchemethode für ihr zweites Werk an und befragte zahllose Menschen in Riesa nach deren Lebensumständen. Ihr erstes Casting führte sie im Supermarkt durch. Alle Schauspieler sind Laien, stammen aus der Stadt und reden, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Karger & Co. sprechen zwar die Sätze, die ihnen das Drehbuch in den Mund gelegt hat, doch hätten es jederzeit die eigenen sein können. Die Geschichte von Trennung, Scheidung und neuer Liebe in Patchworkfamilien ist ein Konglomerat aus den gesammelten Erzählungen, eine prototypische Momentaufnahme einer Lebensgeschichte in der gegenwärtigen ostdeutschen Provinz.
Mit ihrer lakonischen Art zu erzählen nähert sich Elke Hauck eher Winfried Junges Langzeitdokumentationen der Kinder von Golzow an als der westdeutschen Neo-Romantisierung des Ostens durch Wolfgang Becker in Good-bye, Lenin! (2003) oder Hans-Christian Schmids fast satirischer Polemik über das deutsch-polnische Grenzgebiet an der Oder in Lichter (2003). Mehr Realismus als Unterhaltung.
Filmkritik von Claudia Wente
Veröffentlicht am 04.06.2007
Kommentare zu Karger
alex 19.07.2011 13:00
Ein absolutes Juwel, was da gestern im Ersten zu sehen war. "Karger" ist wie eine Beobachtung eines Mikrokosmos durch die Lupe, brillante Kamera, tolles Drehbuch und fantastische Regiearbeit. An den Schauspielern, oder besser. darstellern konnte ich mich nicht sattsehen. Jens Klemig ist wohl der berühmte Casting-Glücksgriff.
Jojo 19.07.2011 21:49
Endlich mal ein realistischer und nicht aufgesetzter Film über die Zeiten nach der Wende in Riesa. So war es, glaube ich, wirklich.
Leider ist die Job-Situation immer noch ähnlich wie damals. Die Kulisse von Riesa vermittelt ein unbeschreibliches Heimatgefühl.
Leider waren die Dialoge etwas 'karg' aber man nimmt wohl auch mehr über die Augen auf. Super Film.
Fortsetzung sollte folgen.
Augusta 20.07.2011 10:07
Hat mich auch schwer beeindruckt. Übrigens führt Jens Klemig wirklich ein Baugeschäft in Riesa. Leute spielen sich selbst. So muss es immer mal sein, damit man sich bewusst wird über die Zeit, in der man lebt.
Kanalratte 20.07.2011 22:35
Wenn man das eigene Level etwa auf Höhe Gullyrinne ansetzt, dann wird der Streifen zu einem echten Knaller. Motto: „Hauptsache Titten und Pilsner“. Ich fand die Szene beeindruckend als der Gast in der Kneipe gefragt wurde : „Wills de noch wos?“ (oder so ähnlich). Ein echter Höhepunkt im Film, der die gastronomische Realität in einer vergammelten „Sportstadt“ für sich sprechen lässt. Oder wie war das nochmal?
Dietmar C. 03.08.2011 18:30
Kanalratte schrieb:
"Ich fand die Szene beeindruckend als der Gast in der Kneipe gefragt wurde : „Wills de noch wos?“ (oder so ähnlich)."
Das waren wohl die zwei einzigsten Minuten die du vom Film mitbekommen hast?
Dann solltest du hier keine Wertung abgeben.
Karger ist ein absolut gelungener Film über Menschen wie wir nun mal sind. Mit all den Ecken und Kanten. Sozialstudie nennt man soetwas. Der Film herhebt auch nicht den Anspruch ein Actionfilm zu sein. Er wurde als Drama angekündigt.
Glückwunsch an Elke Hauck und ihre Riesaer Darsteller. Allen voran Jens Klemig und Marion Kuhnt. Auch bei mir kam Heimatgefühl auf, obwohl ich nicht aus Riesa sondern Großenhain stamme.
Vieleicht kommt er ja noch einmal im TV, da können diejenigen, die den Film nicht so richtig verstanden haben, ihn in aller Ruhe noch einmal ansehen.
Für die ersten drei die hier gepostet haben noch dieser Link:
http://www.kino-zeit.de/filme/ich-wollte-dass-sie-sachsisch-sprechen-interview-mit-elke-hauck-zu-karger
Wenn es den Film auf DVD gibt, werde ich ihn auf alle Fälle kaufen. Bis dahin habe ich eine Videoaufnahme.
Kanalratte 05.08.2011 07:44
Das nenne ich mal Niveau. Die echten Fans erzählen von einer Sozialstudie und schreiben „Vieleicht“ statt vielleicht und „herheben“ statt erheben. So kann man den Osten auch entwerten. Aber haben das die Menschen und die (von mir respektierten!) Darsteller dort wirklich verdient? Also nach wie vor meine unbedingte Kaufempfehlung zur DVD: Pils und Papiertaschentücher!
Kanalratte
Dietmar C. 06.08.2011 00:49
Druckfehler können doch mal passieren. Oder nicht? Wenn wir uns hier unsere Fehler vorhalten wollen, statt über den Film zu diskutieren,dann bitte.
"Aber haben das die Menschen und die (von mir respektierten!) Darsteller dort wirklich verdient?"
Eigentlich heißt das so:
"Aber haben das die Menschen und die, von mir respektierten, Darsteller dort wirklich verdient?"
Man kan nicht einen Satz beginnen, eine Klammer setzen und darin noch ein Satzzeichen verstecken. Die Klammer ist in Ordnung aber Satzzeichen gehören an das Ende eines Satzes. Ein Ausrufezeichen ist auch ein Satzzeichen.
Ich weiß garnicht was aus dem Osten geworden wäre, wenn ihr Westdeutschen uns nicht das Lesen und Schreiben beigebracht hättet.
Es wäre schön wenn wir uns nun wieder über den Film austauschen würden. Dazu ist diese Seite da.
Schönes Wochenende.Und viele Grüße aus unserem schönen Sachsen.
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Blog: Berlinale im Dialog

Verfolgen Sie das Festivalgeschehen der Berlinale auch im deutsch-französischen Berlinale-Blog des DFJW auf critic.de/berlinale-im-dialog
Film-Angaben
Titel: Karger
Deutschland 2007
Laufzeit: 88 Minuten
Regie: Elke Hauck, Elke Hauck
Drehbuch: Elke Hauck, Elke Hauck
Produktion: Frank Löprich, Katrin Schlösser, Sandra Wollgast, Frank Löprich, Katrin Schlösser, Sandra Wollgast
Darsteller: Jens Klemig, Nele Boberach, Lutz Beck, Anja Dietrich, Maria Klotzsch, Marion Kuhnt, Jana Steinig
Kinostart: 30.08.2007
Copyright Karger
Fotos: © novapool pictures
BERLINALE 2012

Unser Special zur Berlinale 2012 - mit Kritiken, Empfehlungen und Trailern. www.critic.de/berlinale/
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