Karen Cries on the bus

In dem kolumbianischen Debütfilm wird eine Frau zweimal darum gebeten, Männern eine Jacke zu reichen. Sie reagiert beide Male ähnlich und doch anders.

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Der Filmtitel lässt vermuten, dass Karen (Angela Carrizosa) während einer Busfahrt in leidenschaftliches Weinen und Schluchzen ausbricht. Stattdessen fällt ihr Tränenfluss in der Eröffnungsszene sehr dezent aus, und das entspricht, wie sich schnell herausstellt, dem zurückhaltenden, man könnte auch sagen: verklemmten Charakter der Protagonistin, die gerade ihren Ehemann (Diego Pelaez) verlassen hat und jetzt in einer Absteige in Bogota mit Kakerlaken statt Heißwasser in der Dusche unterkommen muss. Karen liest, vielleicht etwas zu symbolträchtig, Ibsens Nora oder ein Puppenheim (Et dukkehjem, 1879), und dass sie im Zimmer gegenüber heimlich einen Blowjob beobachtet, deutet schon früh an, dass sie ihrem goldenen Käfig entfliehen will und sich im Verlauf von Karen Cries on the Bus (Karen Ilora en un Bus) entklemmen könnte.

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Eine, die für Karens Geschmack ein wenig zu entklemmt auftritt, ist ihre Mitbewohnerin Patricia (Angelica Sanchez) – Spitzname „Blondie“ – eine „schamlose Frau“ mit kurzen Röcken und gelben Herzohrringen, die nachts betrunken auf der Straße liegt und gleich mehrere Männer an der Angel hat, die ihr die Drinks spendieren. Patricia überredet Karen dazu, mit ihr auszugehen, was der ehemaligen Hausfrau zunächst eher als Nötigung vorkommt, da Blondies Bekannte im Gegensatz zu ihr nicht viel vom Lesen halten. Die mittellose Karen bewirbt sich in einem Buchladen erfolglos für einen Job und verkauft schließlich Englischkurse für einen Auftraggeber, der sich als Betrüger herausstellt. Als ihr auch noch die Handtasche geklaut wird, bleibt ihr nichts anderes übrig, als auf der Straße um Geld zu betteln.

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Für ihren Mann war Karen während ihrer Ehe vor allem die „Jackenreicherin“. Als sie ihm erklärt, sie wolle die Scheidung, um eine „eigenständige Person“ zu werden, meint er nur abfällig, sie könne doch nichts und solle ihm mal seine Jacke reichen. Durch Patricia lernt Karen Eduardo (Juan Manuel Diaz Oroztegui) kennen, der Theaterstücke schreibt und in der patriarchalischen Gesellschaft Kolumbiens den fortschrittlichen und verständnisvollen Männertyp darstellt, während Karens Mutter das traditionelle Frauenbild repräsentiert. Man kann dem Debütfilm des Kolumbianers Gabriel Rojas Vera vorwerfen, dass er seine Figuren etwas zu stark auf Typen reduziert und die Emanzipation seiner Protagonistin allzu beispielhaft und schematisch verläuft: schon wieder eine Frau, noch dazu ein Bücherwurm, die sich mit einem neuen Haarschnitt auch ein freieres Leben und einen netteren Mann zulegt. Der spießige Ehemann ist Versicherungsangestellter und das freizügige Blondie ausgerechnet Friseurin.

Rojas Veras zurückhaltende Umsetzung gleicht jedoch manche Klischees in der Figurenzeichnung und einige überdeutliche Dialoge wieder aus. Während sich viele kolumbianische Produktionen mit den Auswirkungen des Bürgerkrieges befassen, darunter der diesjährige Cannes-Beitrag La Playa (2011), der Berlinale-Teilnehmer Chocó (2011), der Animationsfilm Pequeñas voces (2010) und das Action-Drama Greetings to the Devil (Saluda al diablo de mi parte, 2011), erzählt Rojas Vera auf schlichte, unspektakuläre Weise die persönliche Entwicklungsgeschichte einer durchschnittlichen Frau. Deren Weg zur Selbstbehauptung, zur emotionalen und finanziellen Unabhängigkeit erscheint universell, das Milieu, in dem sie sich bewegt, ist dabei aber spezifisch kolumbianisch.

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Ästhetisch unaufdringlich, mit vereinzelten melancholischen Klavierklängen und ohne größere dramatische Ereignisse beruht die Spannung von Karen Cries on the Bus weniger auf Rojas Veras Inszenierungsstil und dem recht vorhersehbaren Handlungsverlauf, sondern in erster Linie auf dem subtilen Spiel der Hauptdarstellerin Angela Carrizosa, die in fast jeder Szene präsent ist und hier ihr Schauspieldebüt gibt. Auf Anhieb nicht übermäßig sympathisch und zugänglich, strahlt ihre Figur mit der Zeit einen stillen, spröden Charme aus, der besonders dann zum Einsatz kommt, wenn Karen mit ihren langen Haaren auch ihre Skrupel verliert und schon mal einen Heulanfall vortäuscht, um von mitleidsvollen Passanten mehr Geld zu erbetteln.

Am Ende stellt Eduardo Karen die Gretchenfrage „Reichst du mir mal meine Jacke?“. Sie tut es und gibt ihrem Liebhaber doch eine andere Antwort als ihrem Ehemann.

Trailer zu „Karen Cries on the bus“


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