Kardiogramma

Ein schwaches Herz sucht nach der Liebe.

Kardiogramma  1

Die zackigen Linien auf dem Kardiogramm verraten es: Der zwölfjährige Dschusalan hat Probleme mit dem Herzen. Ein typisches Problem kasachischer Kinder, wie die Mutter glaubt: Sie werden von ihren Eltern einfach zu sehr geliebt. Das schwache Herz ist in Darezhan Omirbayevs zweitem, nach eigenen Aussagen autobiografischem Film nicht nur ein angeschlagenes Organ, sondern auch eine Metapher für die emotionale Orientierungslosigkeit seines Protagonisten. Wie Kardiogramma (1995) von der ersten Liebe und der Suche nach einem Platz in der Gesellschaft erzählt, wirkt er, oberflächlich betrachtet, wie eine klassische Geschichte über das Erwachsenwerden. Doch der poetische Minimalismus des kasachischen Regisseurs bewegt sich jenseits der Stereotypen herkömmlicher Coming-of-Age-Filme, als formbestimmtes Wechselspiel aus Konzentration und Zerstreuung.

Kardiogramma  2

Jugend, das ist in Kardiogramma vor allem Isolation. Ein nicht einfacher Prozess, den man aus Mangel an Ansprechpartnern und Artikulationsmöglichkeiten mit sich selbst ausmachen muss. Zunächst wohnt Dschusalan noch mit seinen Eltern in einer Hütte, eingekreist vom endlosen Nichts der kasachischen Steppe. Wenn der Junge später in ein Sanatorium für Jugendliche geschickt wird, scheint das der erste Kontakt mit der Welt da draußen zu sein. Doch letztlich wird er nur einem neuen Umfeld ausgesetzt, in das er sich nie wirklich integrieren kann. Er bleibt ein ewiger Außenseiter, zum einen als komischer Neuer, der von den sadistischen Älteren tyrannisiert wird, zum anderen durch eine unüberbrückbare Sprachbarriere. Denn während um ihn rum nur Russisch gesprochen wird, versteht der Hirtenjunge aus der Provinz nur Kasachisch. Hier, wo er quasi unsichtbar ist, erforscht er ein neues Gefühl, wobei der Film keine eindeutige Trennung zwischen Liebe und sexuellem Erwachen zieht. So sind es einerseits reine Bilder der Lust, die er im Fernsehen, im Kino oder in einem kunsthistorischen Buch sucht, er findet aber auch in einer jungen Ärztin die ideale Projektionsfläche für seine amouröse Sehnsucht.

Kardiogramma  3

Als Zuschauer nimmt man zwar Teil an dieser Suche, kann sich der Figur aber doch nie ganz nähern. Immer wieder wechseln sich subjektive und objektive Bilder ab, geben kurz Einblick in die Wahrnehmung der Figuren, um gleich darauf wieder auf Distanz zu gehen. Situationen bringt Omirbayev mit schmucklosen Einstellungen, wenigen harten Schnitten und den beinahe ausdruckslosen und stummen Laiendarstellern kurz und trocken auf den Punkt. Und auch wenn das alles so klar und aufs Wesentliche skelettiert erscheint, nimmt sich Kardiogramma immer wieder die Zeit, abzuschweifen. Wenn der Blick der Kamera zu vermeintlich unbedeutenden Figuren gleitet, dann geschieht das meist, weil sich hier Schlüsselmomente in der Entwicklung Dschusalans widerspiegeln. Das kann die Demütigung eines Leidensgenossen sein oder der wiederholte Versuch einiger Jungen, bei einer Gleichaltrigen zu landen.

Kardiogramma  8

Jenes Mädchen wäre dann im Grunde genommen auch das perfekte Love Interest für Dschusalan – wobei Omirbayev zwar durch Parallelmontagen mit der Erwartungshaltung des Zuschauers spielt, die beiden aber dann doch nie zusammenführt. Auch das ist ein Stilmittel von Kardiogramma: Was sich dramaturgisch gut zusammenfügen ließe oder sich als Höhepunkt in der Erzählung eignen würde, muss fast schon aus Prinzip ignoriert werden. Dadurch bleibt die Narration frei, ohne beliebig zu wirken. Eine ähnliche Ambivalenz umgibt auch die Figuren, die sich zwar mit wenigen Worten charakterisieren lassen, dabei aber stets von einer Aura des Geheimnisvollen umgeben werden. In einer Welt, in der Worte oft von vielsagenden Blicken ersetzt werden, bleibt immer ein Teil, der sich nicht ganz entschlüsseln lässt.

Kardiogramma  9

Omirbayevs Stil ist lakonisch, von jeglichem inszenatorischen Schnickschnack befreit und doch alles andere als nüchterner Realismus. Stilisierung entsteht dabei vor allem durch Auslassungen und die Fokussierung auf einzelne Elemente wie eine nicht unbedeutende Schlägerei, die nicht zu sehen ist, oder ein Schuss ohne Gegenschuss. Das lässt sich bis zur flachen Tonspur weiterführen, auf der es keine Atmosphäre gibt, sondern lediglich einzelne, isolierte Geräusche, die das Geschehen auf der Leinwand akzentuieren und immer wieder aufs Neue zu hören sind: das Plätschern des Urinstrahls, das Quietschen einer Türe oder verzerrter Radiolärm aus der Ferne.

Kardiogramma  5

Was in Kardiogramma als Wirklichkeit begriffen wird, ist tatsächlich äußerst fragil und kann nahtlos in einen Traum übergehen. Trotz solcher verwischten Grenzen ist die Realität etwas, mit dem sich Dschusalan nicht so recht arrangieren kann, und die Flucht vor ihr ist ein Leitmotiv des Films. Immer wieder versucht er sich an Trugbildern festzuhalten. Wenn sein Vater ihm etwa den Fernseher abdreht, verliert sich der Junge eben in den Ornamenten eines Wandteppichs. Sein größtes Ziel ist es, wegzukommen, und dafür nutzt er die zahlreichen Möglichkeiten des Eskapismus ebenso wie die ganz reale Hecktür eines Lieferwagens. Von den abstrakten Glücksversprechen seiner Fantasie wagt er sich schließlich in die Ungewissheit des Konkreten.

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.