Kapitalismus - Eine Liebesgeschichte
Die globale Wirtschaftskrise ist ein gefundenes Fressen für Michael Moore, der in seinem neuen Film mit der Wut eines enttäuschten Liebhabers dem Amerika des 21. Jahrhunderts begegnet.
Michael Moore hat seit 20 Jahren eine Mission, und nur eine: Aus den Vereinigten Staaten von Amerika wieder ein gutes Land zu machen. Dafür benutzt er seit 20 Jahren eine Methode, und nur eine: die des naiv wahrheitssuchenden Filmemachers, der, bewaffnet mit Kamera, Mikrofon, Basecap und Schlotterhose den Mächtigen die richtigen Fragen stellt. Nur dass Moore natürlich alles andere als naiv ist und seine Filme hochgradig manipulativ. Dass sie dennoch ein aufklärerisches Vergnügen sind, liegt daran, dass Moore seine eher assoziativen als analytischen Mittel augenzwinkernd statt bierernst einsetzt.
Die Attraktionsmontage, eines der beliebtesten filmischen Stilmittel Moores, verbindet bei ihrem Erfinder Sergej Eisenstein die Erschießung von Streikenden mit Bildern aus einem Schlachthof. In Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte wird ein Staubsauger aus der Untersicht mit einem rollenden Panzer aus derselben Perspektive verbunden. Einen Jahrzehnte alten Lehrfilm über das alte Rom unterschneidet er immer wieder hinterhältig mit Bildern von Obdachlosen und stumpfsinnigen Fernsehshows, die alte These vom Untergang des amerikanischen Imperiums implizierend. Und wenn es um die kleinen Leute geht, die sich ihr Leben lang strecken, um etwas zu erreichen, schneidet Moore auf found footage von einem kleinen Hund, der immer wieder vergeblich an einem reich gedeckten Tisch hochspringt.
Nach Filmen unter anderem über George W. Bush, Waffenbesitz und das marode amerikanische Gesundheitssystem ist Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte Michael Moores Film zur Wirtschaftskrise. Er versteht sich als Manifest für eben diese kleinen Leute, die ihr Haus und ihr Vermögen verloren haben und kommt noch gerade rechtzeitig ins Kino – zu einer Zeit, in der die ersten Banken bereits wieder Millionenboni an ihre Manager auszahlen, die hehren Worte von den Fesseln, die dem Investmentmarkt anzulegen seien, bereits zu verklingen drohen und weiterhin jede Woche neue zwangsgeräumte Häuser versteigert werden.
Die stärkste Szene zeigt eine solche Zwangsräumung, mit einem kleinen Camcorder gefilmt von der Tochter der betroffenen Familie. Man steht hilflos im Wohnzimmer und beobachtet, wie draußen ein halbes Dutzend Polizeiwagen vorfährt und die Beamten an die Tür donnern. Wie in einem Zombiefilm warten die eingeschlossenen Menschen bange darauf, dass die Tür aufgebrochen wird, während die Vertreter der Banken und der Staatsmacht draußen wie Untote um das Haus wanken. Es ist die konkreteste vorstellbare Form einer abstrakten Nachricht aus dem Wirtschaftsteil der Tageszeitung.
Was die schwieriger zu vermittelnden Hintergründe angeht, so lässt Moore andere sprechen. Sein wichtigster Kronzeuge für die beißende Kritik an diesem hoffnungslos überdrehten Finanzsystem ist William Black, ein Wirtschaftsprofessor und früherer Regulierer, der zu den frühesten Warnern vor einem Kollaps gehörte. Außerdem hat Moore, der auch ein begnadeter Rechercheur ist, natürlich wieder wirklich abstoßende Beispiele für den Turbo-Kapitalismus gesammelt. Mit der „dead peasant insurance“ kassieren Firmen viel Geld, wenn einer ihrer Angestellten stirbt. Ein privatisiertes Jugendgefängnis verdient in Zusammenarbeit mit einem Richter gut an hohen Haftstrafen für Bagatelldelikte. Beide Beispiele aber, das verschweigt Moore nicht, sind Auswüchse, die innerhalb des Systems kuriert wurden.
Denn dieser Regisseur ist kein Revolutionär. Der Titel des Films – Eine Liebesgeschichte – ist gar nicht so zynisch gemeint, wie er vielleicht klingt. Es handelt sich wirklich um eine Liebe, um eine enttäuschte allerdings. Moore verbringt viel Zeit damit, von besseren Zeiten zu erzählen, von den Jahren seiner Kindheit, als eben dieser Kapitalismus durchaus vermochte, die Menschen glücklich zu machen. Oder zumindest sorglos. Dazu lässt er sogar seinen eigenen Vater von früher erzählen und er gräbt aus dem Archiv Franklin D. Roosevelt aus, der kurz vor seinem Tod eine „Second Bill of Rights“ ankündigte, aus der leider nie etwas geworden ist. Danach sollten die Amerikaner ein Recht auf Wohnung, Arbeit, Bildung und Gesundheitsversorgung haben. Die Rettung, heißt das, ist systemimmanent. Man muss sie nur aus den Tiefen des eigenen (amerikanischen) Bewusstseins hervorholen.
Am Ende ruft Moore den Zuschauer direkt auf, ihm dabei zu helfen, aus dem Kapitalismus wieder eine Demokratie zu machen. Doch trotz solcher kämpferischen Beharrlichkeit – zum Abspann wird die Internationale in einer musikalisch durchamerikanisierten Swing-Version gespielt – ist auch eine gewisse Einsicht in die eigene Wirkungslosigkeit spürbar. In Detroit versucht Moore, seit seinem Debüt-Film Roger & Me (1989) wohl zum x-ten Mal, in das Gebäude von General Motors zu gelangen und scheitert, zum x-ten Mal, schon am Wachschutz draußen auf der Treppe. „20 Jahre lang wurde ich nicht in dieses Gebäude gelassen“, sagt er dem Wachmann. Und dem Zuschauer sagt er aus dem Off: „20 Jahre lang habe ich versucht, GM und andere vor dem zu warnen, was jetzt eingetreten ist. Vergeblich.“ Und klingt dabei eher verzagt als rechthaberisch.
In einem weiteren Versuch, dem von ihm so geliebten politischen Aktionstheater zu neuem Ruhm zu verhelfen, fährt Moore mit einem Geldtransporter bei der mit öffentlichen Mitteln geretteten Investmentbank Goldman Sachs vor, hält einen Sack auf und verlangt per Megafon das Geld der Steuerzahler zurück. Oder fragt die zur Mittagspause an der Wallstreet aus den Büros strömenden Angestellten, ob sie ihm erklären können, was Derivate sind. Das kann – oder will – niemand, aber einer gibt Moore dennoch einen Rat: „Stop making movies!“
Filmkritik von Thorsten Funke
Veröffentlicht am 26.10.2009
Kommentare zu Kapitalismus - Eine Liebesgeschichte
Es gibt bisher noch keine Kommentare.
Hinterlassen Sie hier Ihre Meinung oder Anmerkungen zu Kapitalismus - Eine Liebesgeschichte. Kommentare werden in der Regel innerhalb eines Tages freigeschaltet.
Kommentar schreiben
Film-Angaben
Titel: Kapitalismus - Eine Liebesgeschichte
Originaltitel: Capitalism: A Love Story
USA 2009
Laufzeit: 127 Minuten
Regie: Michael Moore
Drehbuch: Michael Moore
Produktion: Michael Moore, Anne Moore, Kathleen Glynn, Bob Weinstein, Harvey Weinstein, Rod Birleson, John Hardesty
Bildgestaltung: Daniel Marracino, Jayme Roy
Montage: Jessica Brunetto, Alex Meillier, Tanya Meillier, Conor O’Neill, Pablo Proenza, Todd Woody Richman, John W. Walter
Musik: Jeff Gibbs
Kinostart: 12.11.2009
DVD-Angaben
Titel: Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte
Vertrieb: EuroVideo
Bild: 1,78:1, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1, DTS 5.1), Englisch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch
Altersfreigabe: ab 6 Jahren
Spieldauer: 122 Minuten
Extras: Harvard Professorin Elizabeth Warren: „Wie die Wall Street mit Mord davongekommen ist.“; „Sorry Immobilienhaie und Banken – Ihr seid in Flint, Michigan, erledigt!“; U.S. Kongressabgeordneter Elijah Cummings wagt, das Unaussprechliche auszusprechen.; Pulitzer Preisträger und NY Times Reporter Chris Hedges über „Kapitalismus: Der Killer“; Pater Dick Preston: „Warum die Reichen sich keinen Platz im Himmel kaufen können.“; Was, wenn wir 1979 auf Jimmy Carter gehört hätten?; U.S. Food Philosoph Michael Pollan („The Omnivore´s Dilemma“) über Menschen, die Lebensmittel ohne Kapitalismus erzeugen.; „Sprechen Sie mit mir?“ - Die Taxifahrer in Wisconsin lechzen nach Demokratie; Der Gedanke hinter einem Arbeitnehmergeführten Unternehmen; Hier eine Idee: Die Volksbank von North Dakota; „Miami Max hat ein Haus für Dich.“
Verleih ab: 25.03.2010
Verkauf ab: 08.04.2010
Copyright Kapitalismus - Eine Liebesgeschichte
Fotos: © Concorde Film
BERLINALE 2012

Unser Special zur Berlinale 2012 - schon jetzt mit Trailern und Vorab-Infos zu den Filmen! www.critic.de/berlinale/
Aktuelle Filme
Dame, König, As, Spion
R: Tomas Alfredson
Die Summe meiner einzelnen Teile
R: Hans Weingartner
Panik im Needle Park
R: Jerry Schatzberg
Neu im Kino
02.02.2012
Die Summe meiner einzelnen Teile
R: Hans Weingartner
Dame, König, As, Spion
R: Tomas Alfredson
Moneyball
R: Bennett Miller
26.01.2012
Michael
R: Markus Schleinzer
Ein riskanter Plan
R: Asger Leth
The Artist
R: Michel Hazanavicius
Arirang
R: Kim Ki-duk
Drive
R: Nicolas Winding Refn
19.01.2012
Amer - Die dunkle Seite deiner Träume
R: Bruno Forzani, Hélène Cattet
Kriegerin
R: David Wnendt
J. Edgar
R: Clint Eastwood
Faust
R: Aleksandr Sokurov
Mein liebster Alptraum
R: Anne Fontaine
Once Upon A Time in Anatolia
R: Nuri Bilge Ceylan
Die Muppets
R: James Bobin
Demnächst im Kino
Der Junge mit dem Fahrrad
R: Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne
Hugo Cabret
R: Martin Scorsese
Die Unsichtbare
R: Christian Schwochow
In Darkness
R: Agnieszka Holland
Don 2
R: Farhan Akhtar
Take Shelter
R: Jeff Nichols
Shame
R: Steve McQueen
Beauty
R: Oliver Hermanus
Das Turiner Pferd
R: Béla Tarr
Der Schnee am Kilimandscharo
R: Robert Guédiguian
Viva Riva
R: Djo Munga
Der Preis
R: Elke Hauck
Der perfekte Ex
R: Mark Mylod
Der König von Bastøy
R: Marius Holst
Kill Me Please
R: Olias Barco
Martha Marcy May Marlene
R: Sean Durkin
Das Leben gehört uns
R: Valérie Donzelli
Beloved
R: Christophe Honoré
The Yellow Sea
R: Na Hong-jin
Aktuell im TV
Berlin is in Germany
So 05.02, 21:40 Uhr, kultur (ZDF digital)
Goldenes Gift
So 05.02, 23:45 Uhr, BR
Motel
Mi 08.02, 22:10 Uhr, Kabel Eins
Waltz with Bashir
Nacht von Mi auf Do, 08.02-09.02., 02:00 Uhr, arte
















