Kain no matsuei - Cain’s Descendant

Das Industriegebiet der japanischen Stadt Kawasaki ist kein schöner Ort. Zumindest nicht, wenn man Kain no matsuei glauben darf.

Kain no matsuei

Shutaro Okus Film spielt in einer Welt, die aussieht wie die dreckige Rückseite der japanischen Hochglanztechnologie. Die Gerätschaften sind nicht nur veraltet und höchstens halb funktionsfähig, sondern scheinen zusätzlich von einer schmierig-staubigen Patina bedeckt zu sein. Hier entstehen keine hippen Spielkonsolen, sondern Fernsehfernbedienungen. Hier arbeiten keine fleißigen, konsumfreudigen Musterangestellte, sondern missmutige, ungebildete Proletarier bar jeder Perspektive.

Die Bilder des Films selbst verhalten sich nicht zu dieser Tristesse, sondern verdoppeln sie. Auch die Filmtechnik ist weit davon entfernt, auf dem neuesten Stand zu sein. Gedreht wurde offensichtlich mit äußerst billigen Digitalkameras. Kain no matsuei - Cain’s Descendant (Kain no matsuei) möchte dies nicht verheimlichen, sondern unternimmt den Versuch, die digitale Hässlichkeit als ästhetisches Prinzip fruchtbar zu machen. Plot und Figuren fügen sich in dieses Konzept ein.

Munakata (Kazushi Watanabe) ist ein junger Mann fragwürdiger Vergangenheit und mit nicht allzu freudigen Zukunftsaussichten. Immerhin ist er handwerklich begabt und findet nach einem unangenehmen Heimaufenthalt Arbeit in einer heruntergekommenen Reparaturwerkstatt für Elektrogeräte. Dort sitzt er Tag für Tag und verlötet Mikrochips, während um ihn herum andere, nicht weniger verlotterte Gestalten sich gegenseitig auf die Nerven gehen. Mit seinem Vorgesetzten kommt Munakata nicht klar, dessen Vater hat eine unappetitliche Krankheit, und im Hintergrund taucht manchmal ein großgewachsener Amerikaner auf, der sich wohl selbst am meisten wundert, wie er an diesem Ort enden konnte. Zu sagen, das Arbeitsklima sei belastet, wäre eine Untertreibung.

Kain no matsuei

Heruntergekommene Menschen lungern in beengenden Räumen herum. Nach einer einführenden Passage durch die Stadt spielt ein Großteil des Films innerhalb der Häuser. Die Kamera sucht nicht nach Öffnungen ins Freie, sondern hält den Blick im digitalen Muff zwischen den schäbigen Wänden gefangen. Wenn Munakata nicht arbeitet, sitzt er in seinem Zimmer und sieht fern. Das Gerät empfängt nur einen Kanal, und der sendet in Endlosschleife entweder Nachrichten über Serienmörder oder Pornos. Manchmal besucht ihn ein junges Mädchen. Die fragt ihn dann zum Beispiel, ob er gerade masturbiert.

Nach einem Drittel der Spielzeit lernt die Hauptfigur ihren Nachbarn Matsumura (Tomorowo Taguchi) kennen. Der leitet eine christliche Sekte, deren Gottesdienste, in Einklang mit dem restlichen Film, wenig Enthusiasmus ausstrahlen. Die Religion scheint nicht genug abzuwerfen, und so hat der cholerische Matsumura einen heiklen Auftrag für Munakata.

Das zweite Drittel entwickelt einen rudimentären Thrillerplot um geheimnisvolle Waffen und untreue Hausfrauen. Recht rabiat und explizit geht der Streifen dabei zu Werke. Spritzendes Kunstblut und abgeschnittene Finger zeigt Kain no matsuei in Großaufnahme, ein Blowjob wird dagegen gepixelt, wie es in Japan, wo es gesetzlich verboten ist, Schamhaare und primäre Geschlechtsteile in Film und Fernsehen zu zeigen, üblich ist.

Kain no matsuei

Dreckig und trostlos bleibt die filmische Welt auch im handlungslastigen Mittelstück des Streifens, während welchem sich immer stärker die Frage aufdrängt, was für ein Projekt letzten Endes verfolgt wird. Umso mehr, wenn sich die einzelnen Handlungsstränge gegen Filmende im erzählerischen Nirwana verlieren. Kain no matsuei erinnert von fern an surreale Meisterwerke des Underground-Films wie David Lynchs Eraserhead (1977) und Shinya Tsukamotos Tetsuo (1989), in denen triste Industriestätten das Material für phantasmatische Grenzüberschreitungen abgeben.

Diese Filme verabschiedeten sich jedoch deutlich rabiater vom klassischen Erzählkino, als dies Okus Werk tut. Und dessen Plot ringt der Industriewüste, in welcher er sich situiert, wenig ab, was von Interesse wäre. Im letzten Drittel versieht der Streifen seine Hauptfigur per Rückblenden noch mit einer Vorgeschichte, die nun völlig überflüssig ist. Kain no matsuei ist am Ende weder Underground- noch Arthaus- noch Genrekino und scheint sein eigenes filmästhetisches Programm nicht immer hinreichend präzise fassen zu können. Dennoch: Faszinierend bleibt bis zuletzt die Konsequenz, mit der Oku alles Stilisierende vermeidet. Übrig bleibt ein auf sonderbare Weise unprätentiöser kleiner Film, der seinen Bildern noch den letzten Abglanz von Schönheit gründlich ausgetrieben hat.

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.