Junun – Kritik

Junun ist eine filmische Jamsession und nebenbei der neue Film von Paul Thomas Anderson, das Ganze ist exklusiv auf MUBI zu sehen.

Junun 01

Hoch oben auf dem Hügel erklingen die Töne, die Paul Thomas Anderson in Junun versucht hat einzufangen. Über der indischen Stadt Jodhpur erhebt sich eine stattliche Villa, ornamental dekoriert und voller einheimischer Musiker. Hier will Shye Ben Tzur, ein israelischer Komponist, sein neues Album aufnehmen, unterstützt von Radiohead-Gitarrist Jonny Greenwood und -Produzent Nigel Goodrich. Eine illustre Musiker-WG kommt also für einige Tage zusammen, um zu schauen, „was so geht“, wie es einer der Beteiligten ausdrückt. Produktivität ohne Zwang, dafür wurde dieser Ort offenbar auserkoren. Ein musikalisches Experiment ohne klares Ziel und dafür mit regelmäßigen Stromausfällen. Junun begleitet diesen Trip und heiligt dabei in seinen Bildern dieses Unfertige, Improvisierte, aber auch Ewige des musikalischen Zusammenkommens einer Gruppe von Menschen. Wer gerade keine Energie hat, döst in den riesigen Kissenlandschaften oder füttert meditativ die Vögel – paradiesische Zustände, so scheint es.

Ein Ort abseits der Zeit?

Jonny Greenwood erweist sich dabei eher als verhuschter Beobachter, am liebsten hinter seinen scheinbar unverwüstlichen, tief ins Gesicht fallenden Haaren versteckt. Die Direktive überlässt er lieber dem etwas guruhaften Komponisten Shye Ben Tzur – eine Art indischer Devendra Banhart (der wiederum nach dem Mystiker Prem Rawat benannt ist). Überhaupt, die Connection europäischer und nordamerikanischer Musiker mit Indien scheint ungebrochen, als wäre es noch gar nicht lange her, dass die Beatles beim Maharishi hereinspaziert sind. Und die entscheidenden Klischees, sie wirken bis heute: Ein Bediensteter des Hauses erzählt, seit Hunderten von Jahren würden Anhänger seiner Familie die zutraulichen Falken vom Dach des Hauses aus füttern. Ein Musiker erklärt den seit Urzeiten geheimen Bauplan seines Instruments, eine Kombination aus Ziegenknochen und Mangokernen. Diese andere Vorstellung von Zeit, sie ist auch hier das Faszinosum eines Blicks, der offensichtlich von außen kommt.

„In India everything is possible.“

Indien als exotische Antithese zum rational-durchorganisierten Westen, diese Vorstellung lässt sich auch in Junun nicht von der Hand weisen. Glücklicherweise versucht Anderson aber nicht, einen Mythos um all die Musiker zu errichten, sondern filmt ohne viel Umschweife die Sessions. Junun wird dadurch zu einem wirklichen Musikfilm; ein Werk, das keinen großen Anspruch auf genaue Beobachtung erhebt, sondern sich einfach treiben lässt, hin zu einem dezenten, 54-minütigen Flow. Das ist keinesfalls Andersons neueste, geniale Kinovision, sondern wirkt eher, als hätte er im Urlaub einfach mal selbst draufgehalten. Was dabei entsteht, ist zuerst ein präzises Porträt dieses Ortes, der Festung also, ihrer Farben, Klänge und Stimmungen. Mehr will Junun nicht sein, und diese besondere Audiovisualität tilgt letztlich sämtliche Fragen, die wir uns stellen könnten zum Wie und Warum: Junun ist ein Film, der nicht denkt, sondern dokumentiert, ohne in seiner wärmenden Gleichgültigkeit jemals irgendetwas oder irgendwen zu bevorzugen, in etwa wie auf einer guten Reise.

Trailer zu „Junun“


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