Junebug

Ein Maikäfer bringt eine junge Ehe in Gefahr und erscheint dann doch nicht. Ein autodidaktischer Künstler malt weiße Sklaven, und eine Familie aus den Südstaaten trifft die neue Schwiegertochter. Und das alles in North Carolina.

Junebug

Junebug, Maikäfer, will die hochschwangere Ashley (Amy Adams) ihr Kind nennen, wenn es ein Mädchen sein sollte, aber ob es so ist, das weiß sie noch nicht wirklich, das will sie auch gar nicht wissen. Denn Ashley ist religiös und will sich überraschen lassen. Dass dieses Junebug für ihren Mann Johnny (Ben McKenzie), der mit ihr noch immer bei seinen Eltern wohnt und eine pubertäre Null-Bock-Mentalität pflegt, sicher ganz andere Bedeutungen hat – man denke nur an die virale Bedeutung des Computer-Bug –, sei einmal dahingestellt.

Junebug

Wie die vergangenen US-Wahlen zeigten, geht ein Riss durch die Vereinigten Staaten von Amerika. Einem christlich-religiös geprägten republikanischem mittleren Westen und Süden, den „red states“, stehen die demokratisch, weltoffen und städtisch orientierten „blue states“ der Küstengebiete und großen Städte gegenüber. Es ist eine weltanschauliche Grenze, die sie voneinander trennt. Hier setzt Regisseur Phil Morrison an und spielt mit Junebug einen Zusammenprall der Kulturen im eigenen Land als Familientragikomödie durch, wobei er zugleich ein modernes Historiengemälde der gegenwärtigen Vereinigten Staaten zeichnet.

Eigentlich geht es der weltgewandten Kunsthändlerin Madeleine (Embeth Davidtz) weniger darum, die Familie ihres frisch angetrauten Gatten George (Alessandro Nivola) kennenzulernen. Doch wohnen sein Bruder Johnny und Ashley, die skeptische, schlecht gelaunte und herrische Mutter Peg (Celia Weston), sowie der schweigsame Vater Eugene Johnsten (Scott Wilson) zufälligerweise nicht weit entfernt von dem leicht irren, autodidaktischen Maler David Wark (Frank Hoyt Taylor), den Madeleine für ihre Galerie in Chicago verpflichten will. Ein Familienbesuch scheint also angesagt. Allerdings prallen hier Welten aufeinander, die trainierte Gewandtheit im Umgang mit Menschen prallt an den engen Grenzen der christlichen Landkonventionen ab.

Junebug

Die gescheiterte, widersprüchliche und nicht ihr Ziel findende Kommunikation zieht sich dabei wie ein roter Faden durch das gesamte Werk. Schon die ersten Bilder zeigen Menschen vor einer Waldlandschaft, die wie Brüllaffen ein unartikuliertes Jaulen von sich geben. Es handelt sich dabei angeblich um eine folkloristische Tradition North Carolinas, die auf eine Zeit zurückgeht, zu der noch viel Land zwischen den Nachbarn lag und sich ein Gespräch am Gartenzaun schwierig gestaltete. Von dieser ursprünglichen Kulturleistung ausgehend, lenkt Morrison den Blick auf die Rufe der modernen Gesellschaft der Großstadt: Preisgebote im Rahmen einer Kunstauktion. Beide Gesellschaftsformen treffen sich in ihren jeweils eigenen Urschreien und illustrieren zugleich die Unmöglichkeit eines Verständnisses untereinander.

Junebug

Doch betreibt Junebug weder bittere Satire noch eine simple Schwarz-Weiß-Malerei. Vielmehr kriegen beide Teile der Gesellschaft gleichermaßen ihr Fett weg. Der Film nimmt die städtische Kunstgesellschaft mit ihrer professionalisierten Freundlichkeit und ihrer Vorliebe für die urwüchsige, sexistische Bürgerkriegsmalerei des vor Ort gemiedenen David Wark ebenso aufs Korn wie Plüsch, Babyparties und den Antisemitismus der Landbevölkerung. Etwaige Skandale bleiben dem Zuschauer erspart, nicht jedoch Einfühlung und dramatische Wendungen. Das Großartige an Junebug ist sein humorvoller, fast zärtlicher Umgang mit den Eigenheiten der Figuren, die für genuin amerikanische Polaritäten stehen. Jeder der Charaktere ist aus sich selbst heraus zu begreifen. Beide Welten bleiben bis ins Letzte glaubhaft, authentisch, direkt liebenswert in ihrer Eigenheit.

Detailgetreu inszeniert Morrison die Laster seiner Figuren in einer Art, die an Woody Allen oder Pedro Almodóvar erinnert: die Zigarettensucht der Mutter, den Heißhunger der schwangeren, ununterbrochen plappernden Ashley ebenso wie den Handwerkerfimmel von Vater und Sohn, allesamt Ersatzbefriedigungen – Sex hat hier nur das Stadtpaar. Diese Ersatzbefriedigungen würzen den Film auch dialogisch und verleihen ihm dank des hervorragenden Drehbuchs von Angus MacLachlan eine pikante Note: „Where would I be, if I was a screwdriver?“, fragt sich Eugene, und Ashley verlangt im Krankenhaus: „Nuts, I want some nuts.“ Phil Morrison ist ein schon mit vielen Festivalpreisen gewürdigtes stimmiges Werk gelungen.

Kommentare


Martin Z.

Das Aufeinandertreffen von Kunstexperten und Hinterwäldlern von Hauptstädtern und Dörflern ist das Thema dieser sensiblen Sozialstudie. Ein aufgeklärtes Pärchen trifft auf fundamentalistische Gläubige. Und das alles fokussiert sich in einer Familie, in deren Schoss der älteste frisch vermählte Sohn zurückkehrt. Wir sehen ein sehr komplex gestaltetes Bild von einfühlsam gezeichneten, äußerst liebevoll dargestellten Charakteren. Eigentlich passiert nichts besonders Aufregenden - wenn man mal von der Geburt des titelgebenden Babys absieht. Aber das ist Anlass genug, um über Tradition, das Eingebundensein in eine Gemeinschaft und das eigene bisherige Leben nachzudenken. Es ändert sich auch nicht viel, nur die Verunsicherung der einzelnen Personen bringt die Brüchigkeit der liebgewonnenen Wertvorstellungen ans Tageslicht. Aus dem Ensemble ragt besonders Amy Adams heraus. Ihr soziales Umfeld reagiert mal besorgt, mal ruppig, aber auch humorvoll.






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