Jump

Ende der 1920er Jahre muss sich der später in die USA emigrierte Star-Fotograf Philippe Halsman vor einem österreichischen Gericht für den mysteriösen Tod seines Vaters verantworten. Jump erzählt die auf wahren Ereignissen beruhende Chronik seines Martyriums.

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Philippe Halsmans Vita klingt bereits auf dem Papier beeindruckend. Der 1906 im lettischen Riga geborene Sohn eines Zahnarztes und einer Lehrerein zählte schon kurz nach seiner Immigration in die USA Anfang der vierziger Jahre zu den erfolgreichsten und populärsten Fotografen seiner Zeit. Über 100 Mal zierten Halsmans Bilder das Cover des renommierten Life-Magazins. Das schaffte nach ihm kein anderer Fotograf. Weltberühmt sind auch seine „Jump“-Porträts, die Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens wie den späteren US-Präsidenten Richard Nixon, Salvador Dalí und Leinwand-Ikone Marilyn Monroe im Moment eines Sprunges zeigen.

Doch bevor Halsman Karriere machte, musste er zunächst die Hölle auf Erden durchleiden. Unter bis heute nicht restlos geklärten Umständen – die Indizien deuteten auf einen gewaltsamen Tod – kam sein Vater im September 1928 bei einer gemeinsamen Bergtour in den österreichischen Alpen ums Leben. Davon und von dem anschließenden Prozess, bei dem sich der Sohn auf der Anklagebank wiederfand, erzählt die österreichisch-britische Koproduktion Jump. Der Film setzt sich dabei aus zwei in etwa gleich langen Teilen zusammen, die beide formal als die Erinnerungen von Philippes Schwester Liuba (Martine McCutcheon) präsentiert werden.

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Nach einem kurzen Prolog, der im New York der fünfziger Jahre angesiedelt ist und der Halsman bei Porträt-Aufnahmen zeigt, springt der Film zurück in das Jahr 1928. Philippe (Ben Silverstone) und sein dominanter Vater Morduch (Heinz Hoenig) unternehmen jene schicksalhafte Wanderung, die mit dem Tod des Vaters enden soll. Der zweite Teil von Jump ähnelt in seiner Dramaturgie stark einem Gerichtsdrama amerikanischer Prägung. Ein ehrgeiziger Staatsanwalt, voreingenommene Geschworene – Halsman war Jude und der Antisemitismus auch in Österreich auf dem Vormarsch – vage Indizien und ein mit Leidenschaft und Mut für seinen Mandanten eintretender Verteidiger (Patrick Swayze): Die Rollen sind von Anfang an klar verteilt und Überraschungen ausgeschlossen.

Für Swayze, dessen größter Erfolg mit Dirty Dancing (1987) bereits über zwanzig Jahre zurückliegt, bot die Rolle des berühmten Wiener Anwalts Richard Pressburger die Chance auf ein Comeback als Schauspieler. Doch Swayze, der zuletzt vor allem in Nebenrollen und in TV-Produktionen zu sehen war, hat erkennbar Schwierigkeiten, diese Rolle auch auszufüllen. Sein übertriebenes Spiel wirkt deplatziert. Erschwerend kommt hinzu, dass die Dialoge eher an eine Seifenoper als ein ambitioniertes Geschichtsdrama erinnern. In Pressburgers finalem Plädoyer findet das übertriebene und deshalb unfreiwillig komische Pathos sein Fanal: „Tun Sie das Richtige! Wenn nicht für sich dann doch für Ihre Kinder. Werden Sie zu Helden!“, fleht er die Geschworenen an. Rührseliger geht es kaum.

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Aber auch Swayzes Kollegen haben sichtlich mit den zahlreichen Misstönen des Drehbuchs zu kämpfen. Deutsche Schauspieler wie Heinz Hoenig, Anja Kruse und Wolfgang Fierek – Jump wurde größtenteils mit österreichischem Geld produziert und aus Vermarktungsgründen in englischer Sprache gedreht – bleiben in ihren sehr eindimensionalen Rollen weitgehend blass. Während Hoenig einmal mehr den rauen, aber dennoch liebenswerten Patriarchen gibt, tritt Kruse den gesamten Film über nur als die trauernde Ehefrau und Mutter in Erscheinung. Wie leichtfertig Regisseur und Co-Autor Joshua Sinclair zuweilen mit seinem historischen Material umspringt, zeigt sich am Beispiel der im Vorbeigehen abgehandelten Liebesbeziehung zwischen Pressburger und Halsmans Schwester Liuba. Nicht nur, dass das kurze Tête-à-tête für den Fortgang der eigentlichen Geschichte entbehrlich erscheint, es entwertet zugleich die Glaubwürdigkeit der Ereignisse.

Zurückhaltung scheint für die Macher überdies ein Fremdwort. Als ob man zwischenzeitlich vergessen haben könnte, zu welcher Zeit und in welchem Klima der Prozess stattfand, klebt die Kamera in geradezu penetranter Weise an allem, was als Vorbote der drohenden Nazi-Diktatur gelten kann. Hakenkreuze zum Beispiel. Neben der plumpen Bildsprache stellt auch die musikalische Untermalung die Geduld des Zuschauers auf eine harte Probe. Jeder dramatische Moment wird hier mit den immer gleichen Streicherklängen zugekleistert, was in seiner kalkulierten, manipulativen Wirkung vollkommen verpufft.

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Richtig ärgerlich wird es dann aber zum Ende, wenn der Tod des Vaters und Halsmans Erfahrungen im Gefängnis als küchenpsychologische Krücke für seinen späteren beruflichen Werdegang herhalten müssen. Im Schnelldurchlauf schlägt der Film eine Brücke von einigen Urlaubs-Schnappschüssen zu den weltbekannten Jump-Aufnahmen, was in dieser Verkürzung reichlich unglaubwürdig erscheint und dem Künstler Philippe Halsman sowie dessen Schicksal nicht gerecht wird.

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