Julie und Julia

Essen, Essen und noch mal Essen, eine wunderbar lockere Meryl Streep und tausend Tipps zum Zerstören der Idealfigur. Julie & Julia ist Sommerkomödie und Kochshow, aber mit ganz viel Butter.

Julie & Julia

Zwei Frauen in unterschiedlichen Epochen, eine geteilte Leidenschaft, verbunden durch ein großes Buch ... und Meryl Streep in einer der beiden Hauptrollen: Wer dächte nicht für einen Moment an The Hours (2002)? Doch Julie & Julia könnte, von solch strukturellen Ähnlichkeiten einmal abgesehen, nicht ferner sein von Stephen Daldrys komplexer Erzählung über die Entbehrungen der Frau im Kampf um Anerkennung und Unabhängigkeit. Oder darf man sagen, dass Nora Ephrons neueste romantische Komödie auf den Errungenschaften der Heldinnen aus The Hours aufbaue? Denn in Julie & Julia stehen die beiden Damen (fast) gleichen Namens im Mittelpunkt der Welt, sie geben den Ton an in der Ehe und besetzen doch den Ort, der wie kein anderer sinnbildlich steht für die gefesselte Freiheit der Frau: die Küche. Keine Kriege um Emanzipationen, kein Ringen mit den Männern um Herrschaft und Knechtschaft begegnet uns in Julie & Julia, die Frauen sind Vertreterinnen eines post-emanzipatorischen Geistes.

Julie & Julia

Meryl Streep spielt Julia Child, eine der großen Koryphäen der Kochbuchliteratur (zumindest auf dem amerikanischen Markt) und bekannte TV-Persönlichkeit durch ihre Sendung The French Chef (1962-1973). 1961 veröffentlichte sie, gemeinsam mit Simone Beck und Louisette Bertholle, das zweibändige Mammutwerk Mastering the art of French Cooking, das den Einzug der Haute Cuisine in die amerikanischen Küchen begründete. Mit ihrem Credo, große Küche für schmale Geldbeutel und gewitzte Rezepte für bodenständige Hausfrauen zugänglich zu machen, ist Julia Childs Verständnis vom guten Kochen für jedermann heute so aktuell wie nie.

Während ihr Mann Paul (Stanley Tucci) in Paris im diplomatischen Dienst beschäftigt ist, beginnt Julia, mehr aus Langeweile und aufgrund ihrer Obsession für die französische Küche, in Kursen das Kochen zu erlernen. Aus Zeitvertreib wird Lebensmittelpunkt und aus der Lust am Ausprobieren genussvolle Recherche. Childs Memoiren My Life in France (2006) dienten Nora Ephron, die auch das Drehbuch schrieb, als Vorlage.

Julie & Julia

Und Meryl Streep beweist wieder einmal, dass sie eine der großen Schauspielerinnen unserer Zeit ist. Es ist unglaublich zu beobachten, wie sie sich Ausdruck und Gestik der wirklichen Julia Child einverleibt und doch ganz Meryl Streep bleibt. Schrill die Sprache, immer laut und mit einer ganz eigenartigen Betonung, bei der selbst die Pausen noch angefüllt sind mit vernehmlichem Schnaufen und Atemholen, hektisch fuhrwerkend durch allerlei Berge aus Töpfen und Pfannen ist Streep so etwas wie ein fleischgewordener Wirbelsturm. Sie balanciert stets haarscharf an der Parodie vorbei, ohne ihre Figur je dorthin abdriften zu lassen. Wie schon in Der Teufel trägt Prada (The devil wears Prada, 2006) gelingt es ihr, einen Kern Traurigkeit und Sehnsucht selbst in den lautesten Szenen durchscheinen zu lassen, eine Verletzlichkeit, deren Schutz als Flucht nach Vorne inszeniert wird. Julia Child kann keine Kinder bekommen. 

Julie & Julia

Doch da ist ja noch Julie Powell, die 2002 in einem einjährigen Experiment alle Rezepte des großen Kochbuches der Julia Childs nachkochen und per Blog von ihren Erfahrungen berichten will. Name: The Julie/Julia Project. Später wurde aus dem Blog ein Buch, aus dem Buch ein Film. Oder eben ein halber Film. Amy Adams spielt Julie Powell als launige Großstadtneurotikerin, die in ihrer kleinen Bude in Queens, New York, ihren Mann (Chris Messina) mitsamt seinem empfindlichen Magen durch Gemütsschwankungen, egozentrische Ausbrüche und viel, viel französisches Essen terrorisiert.

Julie & Julia

Die Zweiteilung ermöglicht es Ephron zwar, ausschließlich Highlights aus ihren beiden Buchvorlagen zu destillieren, aber insgesamt hat sie sich mit den Sprüngen zwischen New York und Europa etwas überhoben. Die Kontraste sind beizeiten zu scharf gezeichnet. Denn während die Szenen mit Julia vor in Sonnenlicht gebadeten französischen Traumkulissen mit Efeu, Gusseisen und Kopfsteinpflaster spielen, zwängt sich Julie, fast ausschließlich nachts, in ihre Miniküche, über einer Pizzabude, neben einer Industriestraße. Streeps Spiel ist zwar latent stressig, aber immer von einem ansteckenden Zwangsoptimismus getragen und unglaublich facettenreich. Adams variiert hingegen eher verschiedene Modi des Schmollens und Sich-Selbst-Feierns. Dennoch bleibt sie sympathisch in ihrem Kampf mit Vollzeitjob und eigenartigem Web-Experiment. Dabei wird ihr Julia Child zu einer Art spiritueller Leitfigur, der perfekten Frau, die kochend philosophiert.

Julie & Julia

Julie & Julia mag ein wenig unausgegoren sein, aber Ephron findet doch mehrheitlich den richtigen Ton. Der Film ist flott und gut fotografiert, ein echter Feel-Good Streifen, aber mit eigenartigem Nachgeschmack. Denn hier wird in jeder, wiederhole: jeder, Szene konsumiert. Gekocht, Gegessen, Geknutscht. Und immer geredet. Die Münder sind in ständiger Bewegung. Da fragt man sich irgendwann, ob das Glück, das uns hier präsentiert wird, nicht ein Glück des Verzehrs ist. Soviel steht fest: Julie & Julia ist eine gigantische Konsumorgie. Aber selbst solcherlei Zweifel werden von Streep und Adams ganz nonchalant verschlungen. Bon appétit!

Trailer zu „Julie und Julia“


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