Julia X

Stirb langsam: Katz und Maus im Sado-Maso-Rausch. Julia X ist ein ansehnlicher Mix aus Torture-Porn, Liebesdrama und einer gehörigen Prise schwarzem Humor.

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Ein Mann jagt eine Frau, er hat sie gekidnappt, ist bereit sie zu foltern, bis ihr das Blut aus den Adern fließt. Der Mann heißt „der Fremde“ und wird verkörpert von Hercules-Darsteller Kevin Sorbo, mit dessen Namen auf dem Frontcover der DVD/Blu-ray Werbung gemacht wird. Sorbo ist vor allem als B-Movie-Actor in zahllosen Produktionen von und mit ihm bekannt (einschließlich aller 88 TV-Episoden von Andromeda, 2001-2005). Aber nach den folgenden knapp anderthalb Stunden weiß man, warum ihm dieser Ruf allein nicht gerecht wird.

Das Regiedebüt von P.J. Pettiette macht es sich, wie andere Vertreter vor ihm, zur Aufgabe, Genrekonventionen einmal mehr zu unterlaufen – nicht nur, wenn die Protagonistin, also die Verfolgte Julia (Valerie Azlynn), erst einige Zeit später als eigentliche Täterin erkennbar wird. Julia X stellt als einer der ersten Filme wirklich ernsthaft die Formen des (mittlerweile wieder stark rückläufigen) Torture-Porn-Genres in Frage – und zwar über die Erzählung. Zwar hat man für eine ganze Weile tatsächlich den Eindruck, hier nur einen weiteren Vertreter betrachten zu dürfen. Doch weit gefehlt.

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Vom entscheidenden Wendepunkt aus betrachtet, ergibt auch die zuvor über 30 Minuten vorherrschende und eben nur scheinbar deplatzierte Unaufgeregtheit (um nicht zu sagen: Gleichgültigkeit) der Inszenierung Sinn. Sorbo als „der Fremde“ bleibt zwar von Beginn an der für den Zuschauer erkennbar gewalttätige Sadist, es ist aber durchaus auffällig, wenn eine Verfolgungsjagd in klapprigen Holzbooten in einer Sumpflandschaft am helllichten Tag stattfindet und an ihrem ersten Höhepunkt nur noch aus langsamen Paddelzügen besteht. Keine visuelle oder auch akustische Kontrastierung, beispielsweise durch verstärkte Atemzüge, Knacken von Laub oder hervorgehobenes Plätschern unterstützt hier ein im Horrorgenre üblicherweise als beklemmend inszeniertes Setting. Wirklich spannungserzeugende Stilelemente, Suspense oder Schockeffekte finden in Julia X kaum Eingang.

Einzig eine konsequente Dislokation, eine bewusste Verschiebung der Zuschauerperspektive auf das Gesehene, dominiert hier, und das macht der Film gerade an dieser Stelle sehr deutlich. Die Kamera betrachtet Figuren, während sie sich auf ihrem Wasserweg immer wieder von Bildrand zu Bildrand bewegen, aus der jeweils gleichen Position, sodass wir die Protagonisten abwechselnd in immer sehr ähnlichen Einstellungen sehen, was ihre Bewegungsrichtung nahezu simultan erscheinen lässt. Auch die Ausdrucksweise der Gesichter gleicht sich an, bis sie schließlich sogar verkehrt wird. Der Jäger wird zum Gejagten – auch wenn er sich noch hinter dem scheinbaren Opfer befindet. Oder anders gesagt: Der Lockvogel ist der eigentliche Jäger. Und irgendwo hin muss ja gelockt werden.

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Das Mauseloch bzw. die Löwenhöhle ist dann auch kein dunkler Bunker, in dem Schneidwerkzeuge, Schraubzwingen oder Lötkolben aufgebahrt wären, wie man es aus Eli Roths beiden Hostel-Filmen oder der Saw-Reihe kennt. Es ist ein eher freundlich-helles Familienanwesen, das in seiner hölzernen Beschaulichkeit bisweilen schon wie ein Puppenhäuschen wirkt. Darin sitzt eine zweite Puppe namens Jessica (Alicia Leigh Willis), die Schwester von Julia, die wie eine schwarze Witwe auf die Fliege wartet.

Massenmörder trifft auf Serienkiller. Julia X stellt nach seinem Verwirrspiel fest: Die Lust am Töten und am Schmerz, der dem Ende vorangeht, findet unter Seelenverwandten statt. Der Macho kennt und lebt mit den Regeln des Spiels, er ist sich der Konsequenzen durchaus bewusst, genau wie die beiden Furien, die es geschafft haben, ihn zu kidnappen, statt umgekehrt. Erneut tritt hier eine Unaufgeregtheit zu Tage, die nichts von den panischen Schreien und Hilferufen typischen Folterhorrors wissen will. Weniger offensichtlich und gnadenlos, sondern durchdacht wird hier gefoltert, es wird – im wahrsten Sinne des Wortes – „gestichelt“, und die Quälerei und deren Schauwerte machen dabei immer auch beiden Parteien Spaß.

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Damit die Partnerkonstellation in diesem „Liebesspiel“ wieder passt – denn nichts anderes passiert hier, wenn man die Essenz als ein gegenseitiges Geben und Nehmen betrachtet –, wird leider etwas zu plump eine zweite männliche Figur eingeführt, Automechaniker Sam (Avatar-Nerd Joel David Moore). Er wird an einen Stuhl direkt gegenüber dem Hercules-Mimen geknebelt, der schon die Stirn runzelt, als er den jungen Mann erblickt. Frischling und Veteran blicken einander an, und es ist natürlich nur ein weiteres Spiel mit Konventionen, denn Sam passt schließlich nur allzu gut in das Schema zuvor hinterfragter Genre-Vertreter. Auch hier bleibt Julia X konsequent: kein unnötiges Verwerten des Fleisches, sondern das überraschende Game Over durch zu wenig Qualifikation. „Geh und komm wieder, wenn du ein erwachsener Mann bist“, so ungefähr.

Nach abermaligem Versteckspielen, Wendemanövern und letztlich auch dem Zwist der Schwestern, die sich ständig streiten, wer nun als nächste ran darf, erfüllt am Ende eine geradezu verstörend-poetische Stimmung das Gesehene, wenn die ersten Morgenstrahlen der Sonne durch die Fenster des nunmehr brüchigen Schauplatzes scheinen und der Staub von gesplittertem Holz sowie das kräftige, jedoch niemals zu dick aufgetragene Rot des menschlichen Blutes das Bild bestimmen.

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Das wäre wahrscheinlich das beste Ende gewesen, alle (noch) involvierten Figuren, sichtbar in den Trümmern ihrer selbst. Dann vergehen noch zwei Minuten, in denen, sozusagen als Epilog, ein Orts-, Zeit- und Personenwechsel (Ultra-Kurzauftritt: Ving Rhames) vollzogen werden, die möglicherweise auf eine mehr als überflüssige Fortsetzung hindeuten. Aber das vermiest einem die wundersame Grundstimmung des Films dann auch nicht mehr.

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