Julia

Werde ich berühmte Künstlerin oder lieber transsexuelle Prostituierte? Die Dokumentation über eine gesellschaftliche Außenseiterin in Berlin wirft die Frage auf, wie selbstbestimmt wir unser Leben führen.

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Die transsexuelle Prostituierte Julia geht in den Straßen von Berlin-Schöneberg anschaffen und ist der Meinung, sie sei dabei „freier“ als im Puff – ihr „eigener Herr“. Dass sie regelmäßig verprügelt wird, nimmt sie in Kauf, schließlich würde sie ja niemand auf die Straße zwingen. Den harten Gesichtsausdruck, den sie dabei aufsetzt, die Verachtung, die sie für die Freier zum Ausdruck bringt, und ihre offensichtliche finanzielle Not lassen allerdings keinen Zweifel daran, dass hier von „freier“ Berufswahl keine Rede sein kann. Sie scheint so wenig Geld zu haben, dass sie Zigarettenstummel raucht, die andere wegwerfen. Julia stammt ursprünglich aus Litauen, hat dort die Kunsthochschule besucht und wurde von einem „Freund“ für 50 Mark an einen Zuhälter in Deutschland verkauft. Der Film beginnt 2006, als die wohnungslose Julia seit einigen Wochen in einem Pornokino übernachtet, in dem sie ihren Körper ebenfalls an die Besucher verkauft. Julia erinnert an eine jüngere Courtney Love, beschimpft gerne ihre Mitmenschen und steht die meiste Zeit unter Alkohol- und Drogeneinfluss.

Eine geisteskranke Versagerin

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Die ebenfalls transsexuelle Regisseurin von Julia (2013), Johanna Jackie Baier, zeigt uns die „Nonkonformistin“, wie sie der Pressetext nennt, beim Fluchen, Kotzen, Saufen, Fixen … Das ist weniger schockierend oder voyeuristisch als zutiefst bedrückend und traurig. Und obwohl das Porträt nicht reißerisch wirkt, in einigen Szenen leise Töne anschlägt und mehrfach betont, dass Julia intelligent und begabt sei, ist es auf Dauer ein sehr eintöniges Bild eines Menschen, der sich selbst nicht als Opfer präsentieren will, beim Zuschauen aber vorrangig diesen Eindruck hinterlässt: Bei einem ehemaligen Nachbarn, der ihre Transsexualität als „Geisteskrankheit“ bezeichnet, bedankt sie sich anschließend noch freundlich, und mit dem Zuhälter-„Freund“, der sie einst nach Deutschland verkaufte, ist sie offenbar immer noch befreundet und unternimmt mit ihm einen Ausflug in ihre litauische Heimatstadt. Das Grab ihres Großvaters weigert sie sich mit dem Filmteam zu besuchen, weil sie als „Versagerin“ seiner nicht würdig sei, wie sie sagt. Betroffenheit und Mitleid sind die dominierenden Gefühle, die Julia bei mir ausgelöst haben. Reicht das für die komplexe Studie einer gesellschaftlichen Außenseiterin?

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Die Autorin und Regisseurin hat Julia mehrere Jahre, mit längeren Unterbrechungen, mit der Kamera begleitet, sich also intensiv mit ihr beschäftigt. Umso mehr überrascht es, dass das Resultat, die Auseinandersetzung mit dem Thema Transsexualität und die Frage, warum Julia so lebt, wie sie es tut, so spannungsarm und unergiebig ausfallen. Liegt es daran, dass Julias Intelligenz und Talent vor allem von Dritten behauptet, aber zu wenig demonstriert werden? Wir sehen sie zweimal kurz beim Zeichnen und Malen und besuchen mit ihr eine ehemalige Lehrerin in Litauen, die sich an Julias große Begabung erinnert. Sie mag intelligent sein, intelligent verhält sie sich vor der Kamera jedoch meistens nicht, was vielleicht damit zu erklären ist, dass sie überwiegend betrunken oder stoned zu sein scheint, sodass sie viel protzt und posiert und ihre stille, nachdenkliche Seite und damit das Gegengewicht zum Fluchen, Kotzen, Saufen und Fixen zu kurz kommt. Für das facettenreiche und weniger einseitige Porträt eines Menschen fehlen Darstellungen von Ambivalenzen und Stärken in Julias Charakter, Szenen, die sich differenzierter mit ihrer Persönlichkeit befassen und sich nicht mit der tragischen Oberfläche und dem Gepose begnügen.

Kamera an oder aus?

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Warum fragt die Regisseurin zum Beispiel nicht genauer nach, wie Julia zu ihrer Transsexualität und zu ihrer nicht genutzten Begabung steht, wenn das die Themen der Dokumentation sein sollen? In wenigen Szenen wird zwar deutlich, dass Julia nicht selbstbewusst mit ihrer Sexualität umgeht, doch es bleibt bei dieser oberflächlichen Feststellung. Was sie selbst – und nicht andere – von ihrem künstlerischen Talent hält, warum sie es nicht intensiver verfolgt hat, wird ebenfalls kaum erwähnt – auch wenn ihr Mangel an Selbstachtung und -vertrauen ein naheliegender Grund sein könnte. Nicht zuletzt muss sich die Regisseurin die Frage gefallen lassen, ob ein Mensch wie Julia, der in einer Reihe von Szenen den Anschein erweckt, selbstschädigend mit dem eigenen Leben umzugehen, nicht eines außergewöhnlichen Schutzes bedarf? Ist es ethisch überhaupt vertretbar, diesen Menschen wiederholt alkoholisiert und drogenbenebelt zu filmen? Sollte man mit solch einem Menschen nicht besonders respektvoll umgehen und in solchen Momenten die Kamera vielleicht gar nicht erst einschalten? Sicher, niemand hat Julia vor die Kamera gezwungen – so wie niemand sie auf die Straße gezwungen hat.

Trailer zu „Julia“


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