Julia

Aus Gloria wird Julia – Erick Zonca versucht sich an einem Anti-Genrefilm.

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Bevor Elena ihre Nachbarin Julia losschickt, um den eigenen Sohn zu entführen, reicht sie ihr noch eine venezianische Maske. Die ist schwarz, erinnert an Opern Mozarts und verheißt nichts Gutes.

Wie Tilda Swinton als alkoholabhängige Julia unter dieser Maske schwitzt, wie sie darunter spricht und agiert, das gehört zu den Höhepunkten von Erick Zoncas neuem Film. Entscheidend ist vor allem der Augenblick, in dem Julia ihre Maskierung schlichtweg vergisst und dem entführten Tom ihr Gesicht präsentiert. Hier wandelt sich endgültig ihr Verhältnis zu dem Jungen, der sie qua Gelderpressung aus der nicht nur finanziellen Misere befördern soll. Aus der Tatsache, dass sich Julia ganz auf das Spiel seiner Titelfigur, sowie die Interaktion zwischen ihr und dem Jungen konzentriert, lassen sich Rückschlüsse auf das Gesamtkonzept dieses Autorenfilms ziehen.

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John Cassavetes, der Pate aller unabhängigen Filmemacher in den USA, räumte dem Spiel seiner Darsteller einen bis dato nicht gewesenen Freiraum ein. Vor allem seine Frau Gena Rowlands nutzte diese Konzentration aufs Spiel für unvergessene Leistungen wie in Eine Frau unter Einfluss  (A Woman under the Influence, 1974) und Gloria  (1980). Letzterer ist Cassavetes’ erster  Studiofilm nach 17 Jahren. Bei diesem Produktionskontext überrascht es wenig, dass der lakonische Gangsterfilm innerhalb seines Gesamtwerks noch am ehesten als Genrebeitrag gesehen werden kann. Unter der Regie ihres Mannes durchlebt Rowlands als Gloria immer wieder Episoden, die mit der Vertrautheit der Genrekonventionen spielen, nur um sie zumeist haarscharf zu verfehlen. Eine Frau mittleren Alters und ein Junge inmitten der Gangsterzirkel – das Potenzial dieser ungewöhnlichen Konstellation wird bei Cassavetes vollkommen ausgeschöpft.

Anders bei Zonca. Hier treffen Frau und Kind erst spät aufeinander, die Motivation Julias ist von vornherein eine egoistische. Ihr ständiges Wanken zwischen Berechnung, Verzweiflung, wahren und vorgetäuschten Gefühlen mag Afficionados der expressiven Schauspielkunst in seinen Bann ziehen. Einzig: Es fügt den Film zu keinem Ganzen. So funktioniert Genre auch nicht als Abgrenzungsfeld, da es dem französischen Regisseur nicht gelingt, ein stimmiges Gegenkonzept zu entwickeln.

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Ab einem gewissen Punkt wird die Jagd nach Geld und Kind zu einem Bäumchen-wechsel-dich-Spiel, dem bald die Luft ausgeht. Wo Cassavetes die Stärken von Genre- und Autorenfilm verknüpfte, verliert sich Zonca völlig in seinem Mischwald. Um zu überraschen bleibt das Erzählte immer zu konventionell; um zu fesseln ist es viel zu sperrig.

Es scheint, als gäbe sich der Regisseur irgendwann selbst der Begeisterung für das Spiel seines Stars hin, nur um darüber hinaus die Geschichte aus den Augen zu verlieren. Er findet kein Ende, bis Frau und Kind an einer mexikanischen Schnellstraße stehen. Was nun geschieht, bleibt Spekulation. Vielleicht das Beste, was diesem Film passieren konnte. Warum nur nicht viel früher?

Filmkritik von Sascha Keilholz

Veröffentlicht am 03.03.2008

Kommentare zu Julia

Martin Z. 30.10.2010 12:04

Wir sehen hier eine grandiose Tilda Swinton. Sie beherrscht die Szene von der ersten bis zur letzten Minute. Inmitten von übertölpelten Tölpeln versucht sie erst ihr finanzielles Süppchen zu kochen. Sie passt sich geschickt sich ständig veränderten Situationen erstaunlich gut an und behält den Kopf über Wasser. Interessanterweise gelingt ihr dabei noch die Wandlung von der erpresserischen Entführerin zur mitfühlenden Ersatzmutter. Eine schauspielerische Höchstleistung, die zeigt, welche unterschiedlichen Rollen Swinton überzeugend spielen kann. Sie ist überpräsent und spielt intensiv konzentriert. Und die Rolle als Alkoholikerin verlangt ihr dabei besonders viel ab. Die Geschichte wird in recht farbigen Bildern erzählt, hat aber einige logische Fragezeichen und auch monologartige Längen. Kein Wunder bei 140 Minuten. Unterm Strich ist es annehmbare, recht spannende Unterhaltung mit überraschenden Wendungen und einer umwerfend guten Tilda Swinton.

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DVD von Julia

 

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Film-Angaben

Titel: Julia

Frankreich 2007

Laufzeit: 138 Minuten

 

Regie: Erick Zonca

Drehbuch: Aude Py, Erick Zonca

Produktion: Bertrand Faivre, Francois Marquis

Darsteller: Tilda Swinton, Saul Rubinek, Kate del Castillo, Aidan Gould, Jude Ciccolella

 

Kinostart: 19.06.2008

 

DVD-Angaben

Titel: Julia

Vertrieb: Kinowelt Home Entertainment

Bild: 2,35:1, 16:9

Sprache(n): Deutsch (DD 5.1), Englisch (DD 5.1)

Untertitel: Deutsch

Altersfreigabe: ab 16 Jahren

Spieldauer: 138 Minuten

 

Extras: Einführung zum Film, Geschnittene Szenen mit Audiokommentar von Regisseur und Co-Autorin, Trailer

 

Verleih ab: 02.12.2008

Verkauf ab: 09.01.2009

 

Weitere Filme

... mit Tilda Swinton

I am Love
Italien 2009
Von Luca Guadagnino

The Limits of Control
USA 2009
Von Jim Jarmusch

Der seltsame Fall des Benjamin Button
USA 2008
Von David Fincher

... mit Saul Rubinek

Kill Me Please
Belgien, Frankreich 2010
Von Olias Barco

 

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