Juan of the Dead

In Juan Of The Dead führt eine Zombieinvasion in Kuba nicht zum Ausnahmezustand. Sie verschärft ihn lediglich, bringt aber auch neue Chancen mit sich.

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Indem George A. Romero Dawn Of The Dead (1978), den zweiten Film seines mittlerweile sechs Teile umfassenden „… Of The Dead“-Zyklus, hauptsächlich in einem Einkaufszentrum spielen ließ, eröffnete er dem Zombiefilm einen interpretatorischen Zugang, der sich bis heute großer Beliebtheit erfreut. Die Verknüpfung von somnambulen Untoten mit einem westlichen Konsumtempel ergänzte die oft beobachtete politische Dimension des Vorgängers Die Nacht der lebenden Toten (Night of The Living Dead, 1968) – der etwa auf Rassenproblematik und Vietnamkrieg anspielte – um eine vielseitig anwendbare Kapitalismuskritik. Mit seinem unstillbaren Fresstrieb dient der Zombie als eine Allegorie auf eine vom Gebrauchswert losgelöste passive Konsumhörigkeit wie auch auf eine aktive, nimmersatte Ausbeutungslogik. In Day Of The Dead (1985) brachte Romero dann die Motive Wissenschaft und Militär ein, die besonders seit 28 Days Later (2002) hohe Bedeutung erhielten. Für die drei Protagonisten dieses dritten Teils des Romero-Zyklus gab es die finale Rettung ausgerechnet auf einer einsamen Insel in der Karibik, wo das Genre mit dem vergleichsweise harmlosen Voodoozombie aus White Zombie (1931) seinen Anfang nahm.

Der Regisseur Alejandro Brugués erweitert nun die Romero’sche Zombielandkarte in zweierlei Hinsicht. Indem sein Film Juan Of The Dead von einer Zombieinvasion in Kuba erzählt, sind sowohl die Karibik als auch sozialistische Republiken nicht mehr vor den untoten Kannibalen sicher. Dass es sich dabei um den ersten in Kuba situierten Zombiefilm handelt, macht sich auch im Plot bemerkbar, wenn die Bewohner Havannas keinerlei adäquaten Begriff für die plötzlich auftretenden Aggressoren haben und schlicht die von staatlicher Seite vorgenommene Bezeichnung „Dissidenten“ übernehmen. Das Z-Wort wird nur ein einziges Mal gegen Ende von einem amerikanischen Entwicklungshelfer erwähnt. Dass der Zombiefilm indes für den Regisseur kein unbekanntes Genre ist, machen die reichhaltigen Anspielungen auf andere Werke klar, bei denen vor allem die Wiederaufnahme der Zombie-Hai-Konfrontation aus Lucio Fulcis Woodoo – Die Schreckensinsel der Zombies (Zombi 2, 1979) überdeutlich hervorsticht.

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Aus der titelgebenden Referenz an Shaun Of The Dead (2004) geht bereits die Verortung als Zombie-Komödie hervor. Als solche funktioniert der Film allerdings nur bedingt. Das erwartungsgemäße Delektieren an überzogenen Splatterszenen bleibt aufgrund der allzu offensichtlich digital erzeugten Effekte aus, und die sonstigen Gags sind teilweise zu vorhersehbar und altbekannt, um den Film tragen zu können.

Einen wesentlich interessanteren - und damit stellenweise auch amüsanteren – Zugang bietet Juan of the Dead, wenn man auch hier den Zombie als Allegorie sozialer Zustände begreift. Die Inszenierung begünstigt diese Lesart. Bei den jüngeren Zombiefilmen bildete sich ein Trend zu infizierten tollwütigen Rasern (z.B. 28 Days Later, Dawn Of The Dead (2004)) und quasi dokumentarischen, verwackelten Handkamerabildern (z.B. Diary Of The Dead (2007), [REC] (2007)) heraus. Beides zielt, umgesetzt in schnellen Schnittfolgen und fragmentarischen Kadrierungen, vor allem auf eine körperliche Inanspruchnahme des Zuschauers. Dagegen erlaubt es Brugués mit einer geradezu klassischen Inszenierung dem Betrachter wie den Protagonisten, die ihr Hauptquartier auf dem Dach eines Hochhauses haben, einen distanzierten Überblick zu behalten. In Juan Of The Dead generieren sich die Zombies wieder aus den gerade Verstorbenen und torkeln unbeholfen ihren Opfern hinterher, von der Kamera meist zwischen einer totalen und halbnahen Einstellung eingefangen. Richtig gefährlich werden diese Zombies erst in der Masse. Es liegt nahe, den Anblick Hunderter entstellter und kraftlos wirkender Untoter als Verbildlichung eines im Verfall begriffenen sozialistischen Kollektivkörpers zu begreifen.

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Wesentlich ist, dass die Zombieinvasion hier keine Situation initiiert, die von den Protagonisten als Ausnahmezustand oder gar Apokalypse empfunden wird. Statt eines Krisenszenarios scheint es eher ein Porträt kubanischer Mentalität zu sein, das Brugués kreiert. In TV und Radio versichert die Regierung den ganzen Film über, alles unter Kontrolle zu haben. Auch wenn die Hauptfigur Juan (Alexis Díaz de Villegas) und seine Freunde offiziellen Vermeldungen stets mit einer gewissen Grundskepsis begegnen, lassen sie sich von den Zombieangriffen wenig irritieren. Immer wieder werden die Figuren relaxend im Liegestuhl oder in der Hängematte gezeigt. An den Modus des Überlebenskampfes sind sie längst gewöhnt, was Juan mehrfach und mit Verweisen auf konkrete historische Phasen, wie die extreme Lebensmittelverknappung während der Sonderperiode, betont.

Wie in vielen Zombiefilmen üblich, gibt es auch in Juan Of The Dead eine zusammengewürfelte Gruppe unterschiedlicher Individuen, die sich der Untoten erwehren müssen. Allerdings handelt es sich hierbei nicht um eine Krisen-, sondern um eine Vorteilsgemeinschaft, die aus dem Wiedergängerproblem ihren persönlichen Nutzen ziehen will. Gegen Bezahlung bieten sie sich als Zombiekiller an. Wenn am Ende vermeintlich doch nur noch die Flucht aus Kuba übrig bleibt, ist das nur die Umsetzung eines langehegten Gedankens, der auf der Befürchtung beruht, es könne „noch weitere fünfzig Jahre so weitergehen“.  Gleichzeitig ist Juan Of The Dead nicht nur eine Kritik, sondern paradoxerweise auch eine Liebeserklärung an Kuba, wenn eine der Hauptfiguren sich in ihrer Heimatverbundenheit nicht einmal von der Übermacht der Zombies beirren lässt.

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