Journey to the West

Des einen slow ist des anderen lahm: Journey to the West eröffnet entweder neue Perspektiven auf das Gewöhnliche oder bestätigt alte Vorurteile von der selbstgefälligen Kunst.

Tsai Ming-Liangs Kino folgt seiner ganz eigenen speziellen Relativitätstheorie. Nennen wir sie einmal Relationalitätstheorie. Denn man könnte keine Gleichung dazu aufstellen, wie die Geschwindigkeiten der einzelnen Objekte seiner Bilder genau mit dem Verstreichen der Zeit in Beziehung stünden, wie ihre Entschleunigung zurückwirken würde auf die Prozesse in ihnen und um sie. Stattdessen bieten Tsais verfremdend langsame Bewegungen der Montage, der Erzählung, der Körper jedoch eine Möglichkeit, sie zu Geschwindigkeiten und Bewegungen in Beziehung zu setzen, die näher am Normrhythmus der Welt liegen. Eine Relativitätstheorie der Zeitwahrnehmung ist das.

Eine Stadt wird in Scheiben geschnitten

Journey to the West 02

Um jedoch etwas konkreter zu werden, sei eine Einstellung aus Journey to the West beschrieben, einem neuen Kapitel in Tsais Walker-Serie, die einem zeitlupenhaft durch städtische und ländliche Gegenden wandelnden Buddhisten-Mönch (Lee Kang-shen) folgt. Da geht eben jener Lee, in granatapfelroter Toga, in der gefühlten Frequenz von einem Schritt pro Minute von rechts nach links durch eine hektische Straße in Marseille. Das Bild zerfällt in mehrere hintereinander gestaffelte Ebenen unterschiedlicher Bewegtheit. Um Lee herum laufen normale Großstadtmenschen in normaler Großstadtgeschwindigkeit. Dahinter rasen, sekundenflink, Autos hin und her. Eine Straßenbahn gleitet noch schneller durch den Kader, aber füllt ihn für einen Augenblick als reine waagerechte Bewegung. Und im Vordergrund wacht über all dem ein Mannequin, menschengleich, eingefroren. Die Totalverlangsamung.

Hier bietet sich ein kleiner Umweg an: In Tom Robbins’ Roman Skinny Legs and All gibt es die Figur des mysteriösen Turn Around Norman, ein einsamer Spinner, der sich zwischen Sonnenauf- und -untergang an einem öffentlichen Platz genau einmal um die eigene Achse dreht. Für die gehetzten Menschen um ihn her steht er einfach nur, wie der Kalan Adam der letztjährigen Istanbul-Proteste, starr in der Gegend. Für einige Gegenstände jedoch, die zerquetschte Suppendose Can o’Beans zum Beispiel und ihre Freunde Dirty Sock und Painted Stick, ist Turn Around Norman eine Offenbarung, eine Brücke zur ganz anderen Zeitlichkeiten gehorchenden Menschenwelt. Sie, die „unbelebten Objekte“ in Robbins’ Erzählung, sehen die vollkommen langsame Kreisbewegung Normas, sind sein begeistertes Publikum am naheliegenden Kellerfenster.

Näher an der Bewegtheit von Stein als von Fleisch

Etwas ganz Ähnliches geschieht in den Performances von Lee Kang-shen: Seine Schneckenbewegungen werden zum Vektor und Tachometer einer alternativen Fließgeschwindigkeit des Lebens, sie haben Richtung und Verlauf, aber sie deuten weniger auf sich selbst als beständig von sich weg, auf die andersartig bewegten Körper in den Kadern der dreizehn Einstellungen von Journey to the West. Oder, einfacher: auf das Alltagsleben, auf die Menschen, die Maschinen, die Steine. Mit zwei Aufnahmen des riesigen Spiegels des Vieux Port Pavillons in Marseille bringt Tsai auf den Punkt, was die artifizielle Bewegungsabwandlung mit der Welt anstellt. Die Verhältnisse stehen auf dem Kopf, und die Reflexion eines Spiegels wird auf einmal zur Aktivität eines Objektes.

Tsai hat ohne Absperrungen und ohne versteckte Kamera gedreht. Die Menschen reagieren auf den schlafwandelnden Mönch und das Drehteam, lachen, bleiben kurz stehen, schauen vom Café am Straßenrand aus zu. Immer mehr fühlt man so den Blick auf die Umwelt abwandern, mit den Schritten Lees als abstrakt in ihre Mitte gezeichnetem Metronom. Der Mönch modifiziert durch seine Präsenz den Blick aufs Gewöhnliche.

Und irgendwann hat Lee einen Verfolger: Denis Lavant, der im traumähnlichen Prolog schon aufgetaucht ist, wandelt hinter ihm her, kopiert seine Schritte, zelebriert ebenso die alternative Durchquerung des Raumes (ein im Nachhinein sehr naheliegendes Casting, haben Lavant und Tsais Lieblingsschauspieler Lee doch, was Körperbau und Bewegungsmelodik angeht, viel gemein). Tsais Geschwindigkeit nahe dem Nullpunkt ist ein Angebot, will übergreifen und Mitwahrnehmer finden im Leben wie im Kinosaal. Journey to the West, der in seiner knappen Stunde mehr Videokunst als Erzählfilm ist, will einladen, nicht abstoßen. Er zelebriert nicht die von Kulturpessimisten so gern ausgerufene „Entdeckung der Langsamkeit“, sondern will nur sensibel machen für verschiedene Modi der Wahrnehmung, verschiedene Rhythmen des Lebens. Einerseits.

Mit dem Zappelphilipp im Slow Cinema

Journey to the West 01

Andererseits jedoch ist diese Einladung, die ja auch als einstündiges Gebot zum Stillsitzen verstanden werden kann, wohl so zwanglos nicht. Menschen reagieren sehr unterschiedlich auf einen Film wie diesen, zumal mit einer dermaßen ans Plakative kratzenden Ikonografie und Metaphorik (der buddhistische Asket, der „Osten“, das gehetzte Stadteuropa, der „Westen“). Und so bot sich mir im Kino die realweltliche Möglichkeit, meine eigene Eintaktung in Tsais Slow-Cinema zur konträren Abstoßung zunehmend enervierter Zuschauer neben mir in Beziehung zu setzen. Als die biertrinkende Partycrowd links – sie rochen und sahen aus, als seien sie direkt von der After-Hour in den erstbesten Berlinale-Film gestolpert – nach ca. 30 Sekunden leinwandsprengender Großaufnahme eines schwer atmenden Lavant allmählich begriff, dass es so weitergehen würde, begann ein sehr intensives und vernehmliches Kollektivleiden. Da war es noch eine Ewigkeit hin, bis aus Lavants Augenwinkel die geduldig erwartete Träne (ich dachte an die endlose Endeinstellung aus Tsais Stray Dogs, 2013) kullern würde, aber das Rascheln, Raunen und Herumrücken hinter mir sollte nur mehr zunehmen. So wurde die Leinwand wirklich einmal zu einem Spiegel, der die Welt gegenüber weniger mit Licht als eher mit Sinn erhellte. Die nervöse Beschleunigung, mit der meine Sitznachbarn auf die strenge Entschleunigung des Filmes reagierten, war beredt.

Und damit geht es zurück zur Tsai’schen Relationalitätstheorie: Schnelligkeit und Langsamkeit sind Kontrastverhältnisse hier, keine fixen Größen. Die gebremsten Gesten des Mönchs können zu einer allumfassenden Beruhigung und Aufmerksamkeitsschärfung führen oder das Gegenteil produzieren. Bei mir jedoch, Ablenkung hin oder her, war am Ende eine ästhetische Anti-Relativität gelungen: Langsame Bewegung führte zu einem langsamen, aber genussreichen Verstreichen der Zeit. Und so stelle ich mir vor, wie der Astronautenzwilling aus dem berühmten Gedankenspiel nach seiner lichtgeschwinden Reise zurück auf die Erde käme. Sein Bruder wäre dann vielleicht ein greiser Mann. Aber wahrscheinlich würde Tsai-Ming Liangs Mönch noch immer – alterslos – seine Schildkrötenpfade entlangwandern und eine Alternative einzeichnen in den Normalgang der Gesellschaft.

Trailer zu „Journey to the West“


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