Journey to the Shore

Wiedersehen im Zwielicht. In seinem neuen Film schickt Kiyoshi Kurosawa eine Frau und ihren verstorbenen Mann auf eine Reise in die Vergangenheit.

Journey to the Shore 01

Der Tod ist bei Kiyoshi Kurosawa selten endgültig. Nur weil jemand im Jenseits weilt, heißt das noch lange nicht, dass er nicht auf einen Besuch im Diesseits vorbeischauen kann. Die Grenzen zwischen diesen Welten sind in den Filmen des japanischen Regisseurs durchlässig und Geister oft nur die sehr plastische Erinnerung an einen geliebten Menschen. Kurosawas Horrorfilme wie Seance (Kôrei, 2001) und Pulse (Kairo, 2001) sind eher unübliche Vertreter des Genres, weil ihr Schrecken häufig nur Symptom eines persönlichen oder gesellschaftlichen Problems ist. Wenn in den Seelenlandschaften dieser unbeständigen Welten ein Toter wiederkehrt, muss er nicht unbedingt Böses im Sinn haben. Mit der Roman-Adaption Journey to the Shore (Kishibe no tabi) befreit Kurosawa die Geister nun gänzlich von ihrem negativen Ballast – und wechselt in den Modus einer fantastischen Liebesgeschichte.

Ein Farbtupfer in der mausgrauen Welt

Journey to the Shore 02

Als die Klavierlehrerin Mizuki (Eri Fukatsu) eines Abends süße Reisbällchen kocht, steht plötzlich ihr toter Mann Yusuke (Tadanobu Asano) vor ihr. Bedrohlich ist dieses Wiedersehen nicht. Vielmehr wirkt der vor drei Jahren bei einem Bootsunfall Verstorbene mit seinem orangefarbenen Mantel wie ein Farbtupfer in der mausgrauen Welt seiner einsamen Frau. Zu Mizukis Freude handelt es sich bei dieser Begegnung um keine Erscheinung, sondern um eine tatsächliche Rückkehr. Nur in Tokio können die beiden aus naheliegenden Gründen nicht bleiben. Also machen sie sich auf eine Reise an jene Orte, an denen Yusuke lebte, bevor er seine Frau kennengelernt hat – und damit ab in die Provinz, die im Kontrast zur tristen Großstadt von schimmerndem Sonnenlicht durchflutet ist. Überhaupt ist es das Licht in diesem Film, das eine kosmische Verbindung zwischen persönlichem Empfinden, geheimnisvoller Natur und Jenseits schafft. Als Mizuki bei einem ihrer Besuche die verstorbene Schwester der Gastgeberin erscheint, fallen Sonnenstrahlen durchs Fenster, die das Zimmer immer wieder neu modellieren, als wäre es ein emotionaler Resonanzraum. Da passt es gut, dass auch der Soundtrack einem romantischen Ideal treu bleibt und sich – immer, wenn es ernst wird – an einer transzendierenden Wagner-Mimikry versucht.

Journey to the Shore 03

Auch neben seiner Prämisse lässt Kurosawa vereinzelt übersinnliche Elemente in seinen Film einfließen: eine Höhle, die das Dies- mit dem Jenseits verbindet, Tote, die unbemerkt unter den Lebenden weilen, oder eine alte Zeitungsredaktion, in der Vergangenes und Gegenwärtiges nahtlos ineinander übergehen. Die Welt ist jedoch keine fantastische, sondern die Wirklichkeit, die sich nach allen Seiten dem Transzendentalen öffnet. Das ist bei asiatischen Regisseuren nicht unüblich, aber nur wenige haben die Darstellung dieses Zwielichts so perfektioniert wie Kurosawa. Wenn es dagegen um die zentrale Liebesgeschichte geht, bleibt Journey to the Shore einem Realismus verbunden, der die Einheit seiner beiden Hauptfiguren nie als etwas Seltsames erscheinen lässt. Yusuke ist zwar tot, aber wenn er mit Mizuki zusammen ist, geht es dem Film nur um zwei Menschen, die sich erst einmal (wieder) richtig kennenlernen müssen, um sich angemessen voneinander verabschieden zu können. Mizuki gerät dabei schnell aus der Rolle der Zuhörerin zu einer Suchenden, die sich selbst noch einmal ihrer Vergangenheit aussetzen muss, etwa als sie dem Geist ihres Vaters begegnet oder sich an eine Episode aus ihrer Jugend erinnert, in der sich trotz der bedingungslosen Verbundenheit des Paares die Hoffnung verbirgt, dass diese Anziehung nicht einmalig sein muss.

Ganz und gar unironisch

Journey to the Shore 04

Das Schöne an Kurosawas Film ist, dass er für seine Reflexion über Liebe und Abschied kein ironisches Augenzwinkern benötigt. Selbst wenn Yusuke in seiner Funktion als ehemaliger Dorflehrer von Einstein und dem Urknall erzählt, hat die Tatsache, dass hier ausgerechnet ein Toter zum wissenschaftlichen Vermittler wird, etwas ganz und gar Unironisches. Momente wie dieser können leicht dazu führen, dass man den Regisseur unterschätzt. Nicht selten versteckt er seine Autorensensibilität in Mainstream-Filmen, die sich mal an Teenager richten (Pulse), mal Image-Videos für heimische Popstars gleichen (The Seventh Code; Sebunsu kôdo, 2013). Doch die Filme bleiben nichtsdestotrotz widerspenstige Bastarde, die sich von Genreregeln nicht eingrenzen lassen wollen; die behutsam in ihre Zwischenwelten einführen und das, was wir dort sehen, immer wieder hinterfragen, sie zugleich aber mit melodramatischem Bombast aufladen. Dabei handelt es sich bei der ungenierten Emotionalität von Journey to the Shore keineswegs um Kitsch, sondern um ein ebenso empathisches wie komplexes Vexierspiel über den Umgang mit Verlust. So geschmeidig die Ästhetik des Films und so offen das Gesicht von Superstar Tadanobu Asano auch sein mögen, dahinter verbirgt sich eine Welt voller unlösbarer Widersprüche.

Trailer zu „Journey to the Shore“


Trailer ansehen (1)

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.